Ob tiefrote Zahlen, Dauerproteste einer frustrierten Belegschaft oder öffentlichkeitswirksames Vorstandsgezeter – bei Thyssenkrupp wird derzeit wieder einiges geboten. Dass der einstige Stahlriese im Sommer 2024 nur mehr ein Schatten seiner selbst ist, belegt der Aktienkurs: Das zu Hochzeiten (2008) bei über 45 Euro notierende Papier fiel Mitte August erstmals auf klägliche 3 Euro.
Verstärkt wird die Mollstimmung ausgerechnet von der Tochter, die den Weg in eine bessere, nachhaltige Zukunft weisen sollte: Thyssenkrupp Nucera, die vor rund 14 Monaten an die Börse gebrachte Wasserstoff-Tochter, an der der Mutterkonzern mit 50,19 Prozent weiterhin die Mehrheit hält.
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Thyssenkrupp Nucera
Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Produktion von Elektrolyseuren, mit denen sich Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff spalten lässt. Werden die Anlagen mit Ökostrom betrieben, handelt es sich um „grünen“ Wasserstoff.
Thyssenkrupp Nucera zieht AWE-Prognose zurück
Die Dortmunder erwischten den Kapitalmarkt aufgrund von Problemen in ihrem wichtigsten Geschäftsfeld, der alkalischen Wasserstoffelektrolyse (AWE), zuletzt gleich zweimal auf dem falschen Fuß. Mitte Mai revidierte Nucera die für das kommende Geschäftsjahr 2024/2025 in Aussicht gestellte Umsatzspanne von 850 Millionen bis 950 Millionen auf 700 Millionen bis 800 Millionen Euro nach unten. Ende Juli zog Nucera die Prognose dann ganz zurück. Ursächlich dafür seien Marktunsicherheiten, die zu Verzögerungen auf Kundenseite führten und eine verlässliche Prognose derzeit unmöglich machten.
Die Hiobsbotschaft markiert den vorläufigen Tiefpunkt einer Börsenstory, die sich nur mit einem Wort zusammenfassen lässt: ernüchternd. Bei Redaktionsschluss (29. August) belief sich der Kursverfall auf gut 60 Prozent. Im Gespräch mit FINANCE bringt es Nucera-CFO Arno Pfannschmidt unumwunden auf den Punkt: „Wir sind sehr enttäuscht über die bisherige Entwicklung der Aktie, keine Frage.“
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Abrupt endender Höhenflug der Nucera-Aktie
Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen: Nachdem das Projekt mehrmals verschoben worden war, klappte es am 7. Juli 2023 doch noch, den bislang weltweit größten Wasserstoff-IPO umzusetzen. Volles Risiko ging Thyssenkrupp zwar nicht ein: Gerade einmal 18 Prozent der Anteilsscheine wurden in den freien Handel entlassen. Den Großteil der Aktien hatten sich vorab Thyssenkrupp selbst (50 Prozent) und der Bestandseigner De Nora (26 Prozent) gesichert.
Das übergeordnete Ziel wurde aber allemal erreicht: Zwischen 500 Millionen und 600 Millionen Euro sollten erlöst werden, am Ende waren es 520 Millionen Euro. „Wir feiern unsere Mondlandung“, sagte CEO Ponikwar in seiner Rede zum IPO – eine Anspielung auf das Codewort „Apollo“, unter dem das Projekt intern bei Nucera firmierte.
Den ersten Handelstag schloss die Nucera-Aktie knapp 20 Prozent über dem Ausgabekurs von 20 Euro ab – in der Spitze kletterte das Papier über 25 Euro. Nur zwei Monate später stieg Nucera dann bereits in den SDax auf. Doch hier endet der Höhenflug abrupt – und die Aktie taumelt seitdem von Tief zu Tief.
CFO Arno Pfannschmidt sieht Nucera auf Kurs
Warum? „Wir können es uns selbst nur bedingt erklären. Mit Ausnahme der AWE-Prognose für das kommende Jahr haben wir unsere Vorhersagen stets eingehalten“, erklärt Pfannschmidt. Was nicht geholfen habe: „Einige unserer Peers haben zu optimistisch kalkuliert und so immer wieder Unruhe in den Markt gebracht. Leider hat das auf uns negativ abgefärbt.“
Den Vorwurf, selbst zu optimistisch kalkuliert zu haben, will er nicht gelten lassen: „Wir planen mit größter Sorgfalt, aber gerade im Großanlagenbau gibt es gewichtige externe Faktoren, die sich unserer Kontrolle entziehen“, so der CFO. Die neue Prognose werde man am 17. Dezember bei Vorlage der Jahreszahlen 2023/2024 nachliefern. „Rund zwei Drittel der vormals für 2024/2025 in Aussicht gestellten AWE-Umsätze sind in trockenen Tüchern“, betont Pfannschmidt.
Zwei große Unbekannte belasten Wasserstoffmarkt
Sind also die anderen schuld und Nucera ein Opfer unglücklicher Umstände? Tatsächlich befindet sich die junge Wasserstoffindustrie in ihrer bislang wohl unübersichtlichsten Phase. Die beiden großen Unbekannten: Subventionen und Regulatorik. Denn Stand heute arbeitet noch kein Elektrolyse-Anbieter profitabel. Dafür ist der Auf- und Ausbau des forschungs- und entwicklungsintensiven Geschäfts schlicht zu teuer. „Förderungen für grünen Wasserstoff sind daher unerlässlich für das Gedeihen der Branche“, erklärt Pfannschmidt.
Das Problem sei, dass viele Länder noch immer keine Regeln implementiert hätten. Beispiel Inflation Reduction Act: Auch über zwei Jahre nach dessen Verabschiedung sei unklar, ob Käufer der AWE-Anlagen von Nucera in den Genuss einer 30-prozentigen Steuergutschrift kommen. „Das ist natürlich sehr unbefriedigend und finale Investitionsentscheidungen verzögern sich dadurch immer wieder“, klagt der CFO. Aufgrund des US-Wahlkampfs rechnet Nucera nicht mehr ernsthaft mit einem Durchbruch im laufenden Jahr. „Nucera steckt in der Warteschleife fest“, bringt es Michael Kuhn, Analyst bei der Deutschen Bank, auf den Punkt.
Nucera will weiter diversifizieren und investieren
Die Dortmunder reagieren auf die anhaltenden Unsicherheiten zum einen, indem sie sich breiter aufstellen: „Wir strecken unsere Fühler derzeit in neue Regionen aus. Potential bieten etwa der Mittlere Osten, Indien sowie Australien“, verrät Pfannschmidt. Zum anderen geht der Konzern auf die flacher als gedacht verlaufende Umsatzerlöskurve ein: „Den Kostenhochlauf können wir an die veränderte Auftragslage anpassen. Zudem überlegen wir, noch stärker in die Wertschöpfungskette einzusteigen und uns damit unabhängiger von Zulieferern zu machen.“
Definitiv nicht gespart werden soll im Bereich Forschung und Entwicklung: Bis zu 500 Millionen Euro will Nucera bis 2026 an Zukunftsinvestitionen tätigen. Unabhängig von der weiteren Nachfragentwicklung könne die Nucera-Finanzabteilung dies aus eigenen Mitteln stemmen, wie Pfannschmidt versichert: „Unser Nettofinanzvermögen liegt bei auskömmlichen 690 Millionen Euro.“
Thyssenkrupp-Nucera-Analysten reagieren enttäuscht
Das solide Finanzpolster wird auch von Analysten als wichtiger Trumpf erachtet. Auf die kassierte AWE-Prognose reagierten sie dennoch verschnupft. Die Deutsche Bank etwa senkte das Kursziel drastisch von 23 auf 13 Euro (Rating unverändert auf „Buy“) und erwartet, dass sich Nucera erst im übernächsten (statt dem nächsten) Geschäftsjahr dem Breakeven beim operativen Gewinn (Ebit) annähern und frühestens ab 2027/2028 (statt 2026/2027) einen positiven Free Cashflow generieren wird.
Enttäuscht zeigten sich auch die Analysten von Berenberg, die Nucera von „Buy“ auf „Hold“ herabstuften und das Kursziel um ein Viertel von 16 auf 12 Euro reduzierten. Die Privatbank schätzt die längerfristigen Aussichten zwar weiterhin optimistisch ein. Kurz- und mittelfristig fehle aber die Phantasie für neue Umsatztreiber. Pfannschmidt ist diesbezüglich entspannt: „Wir haben einen umfangreichen Auftragsbestand im Volumen von 1,3 Milliarden Euro, da können wir eine potentielle Durststrecke problemlos überstehen.“
Die Analysten-Denkzettel will er grundsätzlich nicht überbewerten: „Das Gros empfiehlt die Aktie weiter zum Kauf, auch der Fair Value liegt bei allen meist signifikant über dem derzeitigen Kurs.“ In Anbetracht der monatelangen Talfahrt ist dies sicher nur ein schwacher Trost. Überhaupt bleibt abzuwarten, ob sich Nucera im zweiten Anlauf noch zum Börsenliebling entwickeln kann – oder doch in der Bedeutungslosigkeit versinkt.
Nucera entgeht SDax-Rauswurf nur knapp
Aus dem SDax wäre das Papier eigentlich im Juni wieder rausgeflogen, doch stattdessen musste Pfeiffer Vacuum aufgrund einer verpassten Frist den Index verlassen. Mit Blick auf Nucera monieren Investoren mitunter den geringen Freefloat sowie die vorerst fehlende Aussicht auf eine Dividende.
Der Sache sicher nicht dienlich ist zudem, dass JP Morgan Asset Management seit mehreren Monaten Nucera als Shortseller im Visier hat. „Wir beobachten das, bislang summieren sich die Leerverkaufspositionen aber auf rund 1 Prozent unserer Aktien. Am Ende wird eine solche Wette gegen uns nicht aufgehen“, so Pfannschmidts Kampfansage.
Er rechnet mit mehr finalen Investitionsentscheidungen ab Frühjahr 2025 – dank staatlicher Unterstützung und klarer Richtlinien sowie Regulatorik in Europa und den USA. „Außerdem gehen wir von weiteren Projektankündigungen im Nahen Osten, Indien und Australien aus.“
CFO-Pfannschmidt kauft Nucera-Aktien zu
Mit Blick auf die Rentabilität und Liquidität treibe Nucera den organisatorischen und operativen Ausbau im Einklang mit der Marktentwicklung voran, um so die notwendige Balance zwischen Umsatzwachstum und Kostenaufbau zu erhalten. „Dazu nutzen wir auch unser Geschäftsmodell mit geringem Kapitaleinsatz und der damit verbundenen Flexibilität“, erklärt der CFO.
Vom Erfolg überzeugt, hat er daher jüngst aus freien Stücken 1.000 Aktien (knapp 8.660 Euro) seines Arbeitgebers gekauft. „Der aktuelle Kurs ist durch nichts zu rechtfertigen, und das wollte ich zum Ausdruck bringen.“ Immerhin ging es für das Papier seitdem nicht mehr weiter bergab. Nun gilt es für Pfannschmidt, die Fantasie der Aktionäre neu anzukurbeln.
Philipp Hafner ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth sowie an der University of Amsterdam studiert. Vor FINANCE arbeitete Philipp Hafner mehr als sechs Jahre bei der Verlagsgruppe Knapp/Richardi, zunächst als Volontär, anschließend dann als Redakteur für die Fachzeitschrift „Immobilien & Finanzierung“.
