FINANCE: Herr Dr. Schneider, warum sind gerade lokale Manager in China unverzichtbar?
Dr. Thomas Schneider: Unternehmen können ohne lokale Manager die Tochtergesellschaften in China gar nicht aufbauen oder führen, weil das Bankensystem und die Behörden beispielsweise Formulare, Schecks und Anweisungen in chinesischer Schrift verlangen. Zudem kann kein Europäer oder Amerikaner allein eine vertrauensvolle Verbindung zu den Behörden aufbauen. Daran muss ein chinesischer Staatsbürger beteiligt sein. Außerdem werden die sogenannten „Chops“ benötigt, die als Siegelstempel mit den in den USA üblichen Company-Seals vergleichbar sind. Diese werden in China höher bewertet als Unterschriften und nur besonders vertrauenswürdige Personen im Unternehmen haben die Verfügungsgewalt darüber.
FINANCE: Man hört aber häufig, dass gerade chinesische Mitarbeiter auch wieder schnell das Unternehmen verlassen. Beobachten Sie das auch?
Erich Mayer: Ja, da ist schon etwas Wahres dran. Die Beziehung und Loyalität zur Firma oder die Corporate Identity sind bei chinesischen Mitarbeitern bei Weitem nicht so ausgeprägt, wie wir es kennen. Geringe Lohnanreize von Konkurrenten reichen aus, um die Menschen zum Wechsel des Arbeitgebers zu bewegen. Führungskräfte streben sofort nach ihrem Start bei einem Unternehmen bei einem Konkurrenten in höhere Positionen. Auch interessante Jobs sorgen oft nicht dafür, dass ein Arbeitsverhältnis längere Zeit Bestand hat.
FINANCE: Welche Rolle spielen Interimsmanager, wenn Unternehmen das Finanzmanagement und das Treasury in Tochtergesellschaften im fernen Ausland aufbauen wollen?
Dr. Thomas Schneider: Idealerweise bauen Unternehmen auf die von Ihnen genannten drei Stützen Interimsmanager, Expats und lokale Manager gleichzeitig. Während die zweitgenannten oftmals nicht zur Verfügung stehen, sind lokale Manager aus dem jeweiligen Land allerdings unverzichtbar. Der Einsatz von Interimsmanagern, die Hand in Hand mit den lokalen Managern arbeiten, erfährt zudem ein rasantes Wachstum.
FINANCE: Wie lange sind Expats und Interimsmanagern in der Regel in China?
Erich Mayer: Der Einsatz eines Expatriates als General Manager beläuft sich grundsätzlich mindestens auf zwei bis drei Jahre. Hier ist auch der Standort von Bedeutung. Die meisten Manager nehmen ihre Familien mit, weshalb ein kürzerer Aufenthalt unter anderem wegen des Schulbesuchs der Kinder keinen Sinn macht. Interimsmanager kommen dagegen in der Regel ohne Familie, weshalb ihr Aufenthalt zeitlich nicht eingeschränkt ist. Je nach Projekt dauert ihr Einsatz in der Regel mindestens ein Jahr, oft aber auch länger. Interimsmanager sind zudem kurzfristig verfügbar. Nach dem erfolgreichen Abschluss eines Projekts scheiden sie aber ebenso schnell aus dem Unternehmen aus, wie sie hinzugestoßen sind.
FINANCE: Aus welchen Ländern kommen die Interimsmanager zumeist?
Erich Mayer: Die Interimsmanager stammen überwiegend aus Deutschland, England und den Vereinigten Staaten. In Einzelfällen gehen auch französische Interimsmanager nach Asien. Ausländische Anbieter von Interimsmanagement-Lösungen wie Atreus sind in China allerdings nicht zugelassen. Die Koordination ist dadurch nur aus dem näheren Ausland, beispielsweise aus Hongkong, möglich.
FINANCE: Wer ist für Unternehmen teurer? Ein Interimsmanager oder ein Expat?
Dr. Thomas Schneider: Insgesamt betrachtet sind Interimsmanager deutlich günstiger. Die Gründe dafür sind vielfältig. Interimsmanager kennen sich in der Regel seit Jahren in dem Land aus, haben bereits aus Fehlern gelernt und können somit schneller effizient arbeiten. Weiterhin ist das interimistische Mandat jederzeit kündbar, zum Beispiel wenn sich im Mutterhaus grundlegende wirtschaftliche oder strategische Rahmenbedingungen ändern. Und auch die Mehrkosten durch eine Familie entfallen: teure Schulgebühren, Chinesischkurse, Auto und Fahrer.
Vielen Dank für das Gespräch.
Info
Die Interviewpartner
Erich Mayer und Dr. Thomas Schneider sind Partner bei der Atreus GmbH, eigenen Angaben zufolge einem der größten Anbieter Europas für Interimsmanagement-Lösungen. Zu den Fachgebieten der beiden Management-Experten zählen u.a. Internationale Aufgabenstellungen in Europa, Amerika und Asien. Beide waren selbst über zum Teil längere Zeiträume in Indien oder China vor Ort.
Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.
