Newsletter

Abonnements

Ticket in ein anderes Leben

Bildquelle: Wikicommons

Frank Liesner fühlt sich inzwischen in São Paulo zu Hause. Von der brasilianischen Metropole aus verantwortet er als CFO von Henkel Mercosur das Finanz- und Rechnungswesen von Argentinien, Brasilien und Chile. Der Konsumgüterhersteller Henkel hatte dem heute 37-Jährigen Anfang 2008 angeboten, nach Brasilien zu gehen, im April desselben Jahres trat er den neuen Job an.

„Ich sollte von São Paulo aus Henkels regionale Finanzaktivitäten in Argentinien, Brasilien und Chile neu strukturieren und im Zuge der National-Starch-Übernahme vier Unternehmen integrieren“, sagt Liesner. Diese Chance ließ sich der aus dem Münsterland stammende Wirtschaftsingenieur, nicht entgehen. Sein Aufgaben- und Verantwortungsgebiet erweiterte sich dadurch erheblich. São Paulo ist jedoch nicht seine erste Auslandsstation: Nachdem er als Trainee Mitte 1999 in der Düsseldorfer Zentrale von Henkel angefangen hatte, bot sich ihm schon bald die Gelegenheit, die frische Brise des Atlantiks zu schnuppern.

Er ging als Controller zu Schwarzkopf & Henkel Production Europe nach A Coruña in Spanien. „Ende 2002 kehrte ich nach Düsseldorf zurück“, sagt Liesner. „Aber schon drei Jahre später zog es mich wieder in die Ferne.“ Henkel hatte ihm diesmal die Offerte gemacht, als CFO nach Chile zu gehen. Anfang 2008 kam er dann nach Brasilien, wo er derzeit ein Team von 60 Mitarbeitern führt.

Frank Liesners Lebenslauf ist in deutschen Finanzabteilungen zwar kein Einzelfall mehr, doch immer noch nicht die Regel. Insbesondere im Mittelstand gibt es selten standardisierte Programme. „Der Internationalisierungsgrad deutscher Finanzvorstände ist unterdurchschnittlich“, sagt Dr. Sabrina Tamm, Financial Services Expertin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles. „Nur rund ein Drittel der deutschen Finanzvorstände der DAXUnternehmen hat jenseits der deutschen Grenzen Berufserfahrung gesammelt. Das ist gerade in Krisenzeiten, in denen den Finanzvorständen eine besondere Rolle zukommt, ein Defizit.“ Joachim Coers, CFO von Tognum, schwört gerade auf die  Auslandserfahrung. Sie habe ihm in denschwierigen Zeiten der Finanzkrise geholfen.

Elfenbeinturm verlassen 

So wird die Auslandserfahrung für die Besetzung von CFO-Positionen in Zukunft wohl noch wichtiger. „Weil die Geschäfte internationaler geworden sind, braucht der CFO heute internationale Erfahrung“, sagt Dr. Willi Schoppen, Leiter der deutschen Board Service Practice und CFO Practice bei Spencer Stuart & Associates. „Internationalität ist in dreierlei Hinsicht gefordert: Ausbildung, Sprache und Führungserfahrung in einer ausländischen Tochtergesellschaft.“

Ein angehender Finanzvorstand oder kaufmännischer Geschäftsführer sollte mindestens einmal in eine fremde Kultur eingetaucht und nicht nur im „Elfenbeinturm“, also der deutschen Zentrale, tätig gewesen sein. Schoppen ist sogar der Meinung, eine Position im Ausland sei nicht ausreichend. „Idealerweise sollte man versuchen, die Triade Europa, Asien und Amerikaim Laufe der Karriere abzudecken.“

In den großen internationalen Unternehmen ist eine Delegation ins Ausland inzwischen ein fester Bestandteil in der Mitarbeiterentwicklung. Doch auch für kleinere Unternehmen wird es zunehmend wichtiger. „Je nach dem internationalen Profil eines Unternehmens kann ein geordnetes Entsendemanagement ab einer Expatanzahl von 20 bis 30 Personen beginnen“, sagt Dr. Udo Bohdal, Personalexperte bei Deloitte. In der Regel seien es Unternehmen mit 500 bis 800 Mitarbeitern aufwärts. „Die Realität zeigt aber, dass gerade der gehobene Mittelstand im MDAX-Bereich oft zu lange mit der Strukturierung des Entsendewesens wartet, was häufig zu unnötigen Kosten, Steuernachteilen, unzureichender Transparenz und Mitarbeiterfrustration führt“, sagt er weiter. In der Regel erfährt ein Mitarbeiter im Finanzbereich eine fundierte Ausbildung, die sechs bis neun Jahre dauert. „Nach dieser Zeit hat man das Handwerkszeug in der Zentrale gelernt“, sagt Willi Schoppen von Spencer Stuart. „Um sich persönlich weiterzuentwickeln, sollte ein Professional danach dieses gelernte Handwerkszeug funktionsübergreifend unter Beweis stellen“ – entweder in einem spezialisierten Geschäftsbereich oder als CFO oder General Manager einer ausländischen Tochter Mitarbeiter werden ganz gezielt auf diese Positionen gebracht. So etwa beim DAX-Konzern Henkel, wo das sogenannte „Triple- Two-Konzept“ ein zentraler Baustein der Mitarbeiterförderung ist. Im Rahmen der Führungskräfteentwicklung sollte ein Mitarbeiter zweimal im Ausland, in zwei Unternehmensbereichen und in zwei Funktionen gearbeitet haben. Frank Liesner war gemäß diesem Konzept im Accounting und Controlling sowie in Spanien, Chile und Brasilien tätig.

Wohin es einen verschlägt, ist oft eine Frage des Zufalls wie bei Sven Schmied*, derzeit CFO bei einer russischen Tochtergesellschaft eines großen, international tätigen deutschen Konzerns. „Es war klar, dass ich ins Ausland gehen sollte und wollte, aber der Ort stand noch nicht fest“, sagt er. Sein damaliger Chef schlug ihm dann Moskau vor. Schmied war zunächst nicht voll überzeugt, sah aber auch keinen Grund, das Angebot abzulehnen. Innerhalb von sechs Wochen saß er im Flieger in die russische Metropole. „Klar, es hätte auch noch zu einem späteren Zeitpunkt andere Möglichkeiten gegeben“, sagt der Russland-CFO. „Aber es gilt bei der Mitarbeiterentsendung das ungeschriebene Gesetz: Man darf nicht mehr als einmal ablehnen, denn dann wird man nicht mehr gefragt.“ Dieses Risiko wollte Schmied nicht eingehen. Diese Entscheidung war zwar ein guter Schritt für die Karriere, doch nicht für das Privatleben. Sven Schmied war vor seiner Abreise nach Russland mit einer Deutschen liiert, doch seine Beziehung scheiterte, nicht zuletzt wegen der Karriere. „Anfang 2006 bin ich alleine nach Moskau gereist. Die räumliche Trennung ist schließlich in einer persönlichen gemündet.“ Ein Großteil der Auslandsaufenthalte scheitert an der Familienkonstruktion und nicht an den fachlichen Aufgaben. 

Im Idealfall sollte die Familie die Entscheidung des Expats vollständig mittragen. Doch selbst wenn die Familie mit ins Ausland geht, gibt es keine Garantie, dass alles gutgeht. „Ich habe mehrere Familien zerbrechen sehen“, sagt ein Expat. Für Sven Schmied hatte es schließlich doch ein gutes Ende: In Moskau fand er seine Partnerin fürs Leben. Auch Frank Liesner lernte seine Ehefrau in Spanien kennen.

Umgekehrter Kulturschock

Auch in der Heimkehr liegen Risiken: Um die Rückkehr einfacher zu gestalten, sollte jeder Expat den Kontakt in die Heimat halten. Hier ist eigene Initiative gefragt, sonst gerät man in der Zentrale schnell in Vergessenheit. „Die Rückkehr zu planen ist oftmals wichtiger als den Auslandsaufenthalt selbst“, sagt die Personalberaterin Sabrina Tamm von Heidrick & Struggles. „Viele Heimkehrer haben sich über die Jahre hinweg von ihrem Umfeld in Deutschland entfremdet und erleiden einen umgekehrten Kulturschock.“ Udo Bohdal von Deloitte bestätigt das: „Das passiert leider sehr häufig, und Mitarbeiter werden hier zu wenig unterstützt. Nicht selten führt dies ein bis zwei Jahre nach der Rückkehr zur Kündigung des Mitarbeiters, was natürlich den Nutzen der Entsendung ad absurdum führt.“

Wenn man zurückkehrt, ist zudem nicht sichergestellt, dass man in der Zentrale wieder eine adäquate Position bekommt. „Nach unseren Untersuchungen wechseln mindestens 12 bis 15 Prozent in den ersten zwölf Monaten nach der Rückkehr das Unternehmen“, sagt Bohdal. „Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.“ Deshalb stellt Henkel jedem Delegierten einen Tutor zur Seite, der zwei Aufgaben hat: während des Einsatzes als Ansprechpartner fungieren und gegen Ende des Aufenthalts die Brücke in die Heimat schlagen, um auch den Wiedereinstieg zu gewährleisten. Der Tutor, der in der Regel aus dem Topmanagement stammt, hat einen Überblick über aktuelle Entwicklungen im Unternehmen und weiß, wo geeignete Stellen zu besetzen sind.

Auch für Frank Liesner hat sich schon eine geeignete Position gefunden. Er kehrt im Juni nach Düsseldorf zurück und wird dort das Project Office innerhalb des Finanzbereichs leiten. Er berichtet an den Corporate Senior Vice President Financial Operations. Doch schon jetzt treibt ihn die Frage um, was sich wohl in den letzten fünf Jahren verändert hat und wie schnell er sich in der neuen „alten Heimat“ zurechtfinden wird. Außerdem ist für seine spanische Frau die Heimkehr ein weiterer Auslandsaufenthalt. „Aber wir werden mit den gleichen Mitteln an die Planung unserer Rückkehr herangehen, wie wir unsere Abreise geplant haben“, sagt der CFO von Henkel Mercosur zuversichtlich. Und wer weiß, vielleicht sitzt er in drei Jahren schon wieder im Flugzeug – unterwegs zum nächsten Auslandsaufenthalt, diesmal in Asien. 

sabine.paulus(*)finance-magazin(.)de

*Name von der Redaktion geändert

sabine.paulus@finance-magazin.de | + posts

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.

Augenöffner für Finanzentscheider
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022
Jetzt Insights sichern »
Jetzt lesen »
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022