Alan Hippe hat ThyssenKrupp vor knapp zwei Jahren verlassen. Doch seine Amtszeit wirkt nach.

Roche

21.02.13
CFO

Being Alan Hippe

Als Alan Hippe 2009 als CFO von ThyssenKrupp antritt, glaubt der Stahlkonzern noch an den Erfolg seiner amerikanischen Milliardeninvestitionen. Hippe konnte das Ruder nicht herumreißen, den Traum aber auch nicht offiziell begraben. Der Versuch einer Rekonstruktion aus seiner Sicht.

Als Alan Hippe sein Amt als Finanzvorstand von ThyssenKrupp im April 2009 antritt, liegen um ihn herum die Nerven blank:  Die Stahlproduktion ist eingebrochen, die Milliardeninvestitionen in Brasilien und den USA stehen auf der Kippe und der Aufsichtsrat hat gerade mit Karl-Ulrich Köhler und Jürgen Fechter die verantwortlichen Vorstände und den Projektleiter für die Steel Americas-Werke gefeuert. ThyssenKrupp ist geplagt von einer Mischung aus Pech, Missmanagement und Chaos.


Trotzdem – so dringt es nach außen – trifft Hippe auf Verantwortliche, die noch an den Erfolg der Milliardeninvestitionen in Brasilien und Alabama glauben. Für den ehrgeizigen Hippe, der damals gerade einmal 42 Jahre alt ist und öffentlich als Finanzchef der Deutschen Post und der Telekom im Gespräch war, ist das eine Herausforderung ganz nach seinem Geschmack. ThyssenKrupp ist seine Chance, sich für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu empfehlen: dem Sprung zum CEO.

Hippe trifft auf alte Seilschaften seines Vorgängers Middelmann

Hippe trifft auf eingefahrene, zum Teil verkrustete  Strukturen in seinem Ressort. Viele seiner Mitarbeiter sind loyal zu seinem Vorgänger Ulrich Middelmann. Sie sehen in Hippe nur den konzernfremden Neuen, der wirbelt und die gewohnten Abläufe stört.

Hippe stürzt sich in die Arbeit, macht sich nicht nur Freunde: Er krempelt die finanzielle Führung bei ThyssenKrupp um, sieht an einigen Stellen Verbesserungspotential. Mit diesen Maßnahmen findet er schnell den Draht zu Investoren. Der Kapitalmarkt galt schon bei seinen früheren Stationen Fraport und Continental als sein Lieblingsterrain. Intern – so stachen ehemalige Mitarbeiter den Medien durch – mangelt Hippe offenbar an Einfühlvermögen gegenüber seinen Mitarbeitern. So gelingt es ihm nicht, eine Führungskultur aufbauen, die es ermöglicht, Probleme anzusprechen.

Steel Americas wird trotz Verzögerungen fortgesetzt

Der neue Finanzvorstand arbeitet sich nach und nach in das Projekt Steel Americas ein: Er erfährt, dass alle Experten die Entscheidung zum Bau des Stahlwerks in Rio de Janeiro 2005 sowie des Weiterverarbeitungswerkes in Alabama 2007 für richtig gehalten haben und die Strategie von ThyssenKrupp für schlüssig befunden haben: Dank der Nähe zu Rohstoffen, niedrigen Erzpreisen und geringen Lohnkosten kann das Unternehmen in Brasilien billig Brammen produzieren. Diese exportiert es nach Alabama und verarbeitet sie für den damals boomenden US-Markt zu Flachsstahlprodukten weiter. Den dortigen Wettbewerbern soll ThyssenKrupp wegen der niedrigen Einkaufskosten überlegen sein. Das muss sich vielversprechend angehört haben.

Hippe erfährt aber auch, dass beide Werke wegen schlechtem Projektmanagement deutlich teurer werden als geplant und sich die Eröffnung verzögern wird. Hier kann er im April 2009 kaum noch eingreifen, der Aufsichtsrat hat bereits mit diversen Entlassungen reagiert. Die einzige Entscheidung, auf die er jetzt noch Einfluss nehmen kann, ist die Frage, ob ThyssenKrupp das Projekt trotzdem fortsetzt. Ja, ich bin dafür, entscheidet er sich: Es gibt kein Zurück mehr, sonst ist das bereits investierte Geld weg. Und wenn die Werke erst einmal laufen, werden sie sich schon rentieren.

Entwicklung in Brasilien unterschätzt

Das ganze Ausmaß der Kosten wird erst Ende 2010 offensichtlich, nachdem beide Werke hochgefahren sind: Sie haben sich auf 12 Milliarden Euro summiert – allein das Werk in Brasilien überschreitet das ursprünglich genehmigte Investitionsbudget von 1,9 Milliarden Euro um 3,3 Milliarden Euro. Statt 2008 läuft die erste Bramme in Brasilien erst im Juni 2010 vom Band. Das Werk in Alabama öffnet im Dezember 2010 seine Pforten.

Als noch gravierender Trugschluss erweist sich in den Monaten nach der Inbetriebnahme jedoch das Geschäftsmodell von Steel Americas. Die Rahmenbedingungen, auf denen der business case basierte, sind anders als in der Planungsphase 2004 und 2005 – und als offenbar auch Alan Hippe es geglaubt hatte. Vieles spricht dafür, dass dem Unternehmen die Risiken zwar von Anfang an bewusst waren. Zwei unabhängige Berater bescheinigen dem Aufsichtsrat in ihren Gutachten, dass er bereits 2005 auf die Abhängigkeit Steel Americas von der Entwicklung der brasilianischen Lohnkosten, des Real/Dollar Wechselkurses, der Eisenerzpreise und der Nachfrage auf dem US-Stahlmarkt hingewiesen hat. Identifiziert hatte man die Risiken also, im Laufe des Projekts dann aber aus den Augen verloren und unterschätzt.

Vorstand verspricht dem Aufsichtsrat ausgeglichenes Ergebnis

Im Risikomanagement und im internen Controlling hätten alle Ampeln auf Alarm springen müssen. Genau das geschah aber offenbar nicht. Noch im Dezember 2010 teilte der Vorstand dem Aufsichtsrat um mit, dass ThyssenKrupp mit Steel Americas im Geschäftsjahr 2011/2012 ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen werde.

Was aus diesen Prognosen wurde, ist bekannt: Nachdem ThyssenKrupp im Geschäftsjahr 2010/2011 2,1 Milliarden Euro auf die Stahlwerke abschrieb, folgten 2011/2012 noch einmal Wertberichtigungen von 3,6 Milliarden Euro, die dem Konzern einen EBIT-Verlust von 4,4 Milliarden Euro bescherten. Rechtlich handelte der Vorstand damals korrekt – das bescheinigt ihm ein Gutachten der Wirtschaftskanzlei Hengeler Müller. Die Anwälte haben keine Anzeichen dafür gefunden, dass der Vorstand nicht nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat oder gar den Aufsichtsrat belogen hat. Die Fehlentscheidungen und Einschätzungen seien von der Business Judgement Rule gedeckt, heißt es im Gutachten.

Hippe ist unterdessen auf zu neuen Ufern: Ende März 2011 tritt er als Finanzvorstand von ThyssenKrupp zurück und wechselt als CFO zum Schweizer Pharmariesen Roche.

Was steckt hinter Hippes Rückzug bei ThyssenKrupp und seit wann bereitete er ihn vor? Diese und viele weitere spannende Details, lesen Sie in der aktuellen Printausgabe von FINANCE.

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