Arbeiten vom Strand aus: Utopie oder für manche bald eine reale Option?

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25.08.20
CFO

Remote-Work Forever?

In Zeiten von Corona ist Remote-Work zur neuen Normalität geworden, aber bleibt das so auch nach der Pandemie? Das Unternehmen Trusted Shops sagt ja – und stellt jetzt schon die Weichen.

Mit dem Coronavirus hat das Arbeiten im Home Office in Deutschland Einzug gehalten. Auch das Kölner Unternehmen Trusted Shops schickte seine über 500 Mitarbeitern heim. Das 1999 gegründete Unternehmen bietet Gütesiegel für Online-Shops inklusive Käuferschutz, sowie ein System von Kundenbewertungen an. „Als die ersten Anzeichen Anfang März sichtbar wurden, habe ich allen Mitarbeitern gesagt, dass sie nun von zuhause aus arbeiten können“, erinnert sich Gründer und CEO Jean-Marc Noël. Das gleiche galt auch für die Büros in Barcelona, Amsterdam, Warschau und Lille. Während ein Großteil der Mitarbeiter bereits über Laptops verfügte, wurden den andern Angestellten Desktop-PC und Bürostuhl nach Hause geschickt.

Auch die 25 Köpfe starke Finanzabteilung des Online-Bewertungsunternehmens, die seit Januar 2020 vom ehemaligen Getyourguide-CFO Josef Gatzek verantwortet wird, fiel darunter. „Am Anfang der Coronakrise habe ich gerade von Seiten der Finanzabteilung sehr viele Bedenken gehört – und jetzt sind dort die größten Kritiker zu Verfechtern von Remote-Work geworden“, berichtet Noël mit einem Lachen. Auch wenn es jetzt möglich sei, wieder im Büro zu arbeiten, gebe es derzeit keinen Mitarbeiter aus diesem Bereich, der dies nutze. 

Corona und Home-Office: Kommunikation ist der Schlüssel

Die Zeit im Home-Office empfand der gebürtige Franzose Noël als eine sehr wertvolle Erfahrung. „Paradoxerweise habe ich das Gefühl, dass wir als Unternehmen viel enger zusammengewachsen sind. Ich persönlich etwa habe noch nie so viel ins Unternehmen kommuniziert wie heute.“ Neben einem täglichen internen Newsletter habe er laut eigener Aussage sehr transparent die Unternehmenszahlen kommuniziert. Am Ende des Monats bekam jeder Mitarbeiter Einsicht über Umsatz, Kosten, Entwicklung und Budget, was zusätzlich den Zusammenhalt gestärkt habe.

Aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen während der ersten Monate der Covid-19-Pandemie fasste Noël bereits im Mai den Entschluss, ähnlich wie die US-Riesen Twitter und Facebook, allen seinen Mitarbeitern auch in der Zukunft die Möglichkeit anzubieten, auch außerhalb des Büros arbeiten zu können. Mittlerweile sind auch deutsche Konzerne wie Siemens oder die Allianz ebenfalls zu ähnlichen Schritten bereit.

Dauerhaftes Home Office nur für digitale Unternehmen?

Noël weiß, dass er und sein Unternehmen in einer privilegierten Situation sind. „Ich bin unglaublich dankbar, dass wir das Glück haben, ein digitales Unternehmen zu sein.“ Bereits im vergangenen Jahr hatte der Anbieter von Online-Gütesiegeln in die IT-Infrastruktur investiert, so dass viele Systeme von überall bedient werden können.

„Unser Business-Modell ist gut durch die Krise gekommen, daher können wir vielleicht selbstbewusster als andere Unternehmen bei diesem Thema auftreten“, so der CEO. Aktuelle Geschäftszahlen nennt Noël nicht. Laut dem im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschluss für 2018 konnte Trusted Shops seine Umsatzerlöse um rund 21 Prozent auf knapp 32 Millionen Euro verglichen mit dem Vorjahr erhöhen, während sich der Jahresüberschuss von rund 1,2 Millionen Euro mehr als verdoppelte.

Gemeinsam mit Personal- und Rechtsabteilung legte der Wahl-Kölner Noël seine drei Prinzipien für New Work fest, die weit über das Home Office hinaus gehen: 

1. Du kannst arbeiten, wo du möchtest

„Ob unser Mitarbeiter jetzt in Spanien am Strand oder im ICE arbeiten möchte, ist seine Entscheidung“, sagt Noël. Er stellt klar: „Wir fördern mobiles Arbeiten. Wir sagen nicht, Du musst ins Home Office.“ Wenn der Mitarbeiter sagt, dass er zuhause nicht arbeiten könne, dürfe er gerne ins Büro kommen. Mit der neuen Flexibilität werde grundsätzlich auch mehr Verantwortung vom Arbeitnehmer verlangt. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind noch nicht ganz klar“, weiß auch Noël. Er und sein Team seien noch mittendrin, die entsprechenden Spielregeln und Verträge auch für kommende Mitarbeiter aufzusetzen.

Während das Homeoffice unter dem Fachbegriff Telearbeit in der Arbeitsstättenverordnung unter Paragraph 2, Absatz 7 als „fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat“, definiert ist, ist mobiles Arbeiten noch nicht geregelt.

Derzeit steht fest: Ein Arbeitgeber, der Homeoffice anbietet, muss dafür sorgen, dass der heimische Arbeitsplatz des Mitarbeiters den Anforderung des Arbeitsschutzes genügt. Dies dürfte in Zeiten von Corona bei den allerwenigsten Unternehmen erfolgt sein. Auch bei Trusted Shops wurden die Arbeitsschutzverordnungen – etwa die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung, Arbeitsplatzbegehung oder die Ermittlung von psychischen und physischen Belastungen – noch nicht umgesetzt.

Im Bereich Mobile Office hingegen muss der Arbeitgeber laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) den Arbeitnehmer lediglich auf die Sicherheitsrisiken hinweisen und die Arbeitsmittel bereitstellen. Im Falle von Trusted Shops wurden weitere Laptops für alle Abteilungen bestellt und je nach Anforderung auch zusätzlich große Bildschirme. Auf Drucker und Schreibpapier war schon zuvor weitgehend verzichtet worden. Dennoch bleibt der Unternehmer uneingeschränkt für die Sicherheit und Gesundheit seiner Mitarbeiter zuständig, egal von welchem Ort sie arbeiten.

Auch beim Thema Datenschutz herrscht noch Nachholbedarf. „Das Thema ist für unser Unternehmen natürlich enorm wichtig, aber hätte man sich an die Datenschutz-Anforderungen gehalten mit abschließbarem Raum, nicht einsehbarer Bildschirm und so weiter, hätte man Corona nicht überlebt“, sagt der CEO offen.

2. Flexibilität wird gegeben, aber auch gefordert

Die Digitalfirma wächst: Ende des Jahres soll die Anzahl der Mitarbeiter von 559 auf 630 steigen. Gleichzeitig will das Kölner Unternehmen in seinen Büros auf feste Schreibtische verzichten. Die Mitarbeiter müssen stattdessen schauen, ob ein Arbeitsplatz frei ist und diesen dann buchen.  „Meine Hoffnung ist, dass wir die vorhandenen Büros zu 30 Prozent besser nutzen. Dies wird sich aber erst zeigen“, erläutert CEO Jean-Marc Noël. Er glaubt, dass man in Zukunft eher nur noch zeitweise persönlich zusammenkommen werde, um etwa an einem Projekt zu arbeiten. Zudem erlebe er bereits jetzt, dass Mitarbeiter nur an einem Tag ins Büro kommen, um sich explizit mit Kollegen auszutauschen.

Zur Frage, ob sich Unternehmen zukünftig an den allgemeinen Kosten wie Strom, Heizung oder Telefon des Mitarbeiters im Remote-Office beteiligen sollten, hat sich der Trusted Shops-Chef noch keine endgültige Meinung gebildet. „Die von uns gebotene Flexibilität ist auch mit Infrastrukturkosten verbunden. Und sollte ein Mitarbeiter die allgemeinen Kosten nicht tragen können oder wollen, kann er immer noch gerne ins Büro kommen. Jeder kann für sich entscheiden, wie viel ihm die Flexibilität wert ist.“

3. Wir messen unseren Erfolg nach den Ergebnissen

„Bei den Planungen für die nächsten Jahre werden die Ziele auf jeden einzelnen Mitarbeiter heruntergebrochen, damit dieser versteht, was es insgesamt bedeutet, wenn er sein Ziel erreicht oder verfehlt“, erklärt der gebürtige Franzose. Mit welchem Zeitaufwand, das sei jedem selbst überlassen. Ob das Experiment klappe, werde man in Zukunft sehen und „mit allen positiven wie negativen Ergebnissen“ transparent machen.

Über mangelnde Produktivität in Zeiten von Corona konnte sich der Unternehmenschef nicht beschweren – im Gegenteil: „Das größte Problem im Home-Office ist nicht, dass die Leute zu wenig, sondern eher zu viel arbeiten. Da müssen wir Disziplin aufbauen, dass sich die Mitarbeiter an die Arbeitszeit halten.“ Auch er selbst habe zu Beginn der Pandemie pausenlos virtuelle Termine aneinandergereiht. „Ich war am Ende des Tages total ausgelaugt, weil ich beispielsweise keine Zeit für das Mittagessen fand und generell nicht auf die Uhr geschaut habe.“

Auch wenn die Entscheidung zu Remote-Work erst wenige Monate jung ist, weiß Jean-Marc Noël bereits über positive Beispiele zu berichten, wo sein Unternehmen profitieren konnte: So wurde beispielsweise das Arbeitsverhältnis mit einem Vertriebsmitarbeiter nicht aufgelöst, obwohl dieser mit seiner Frau nach Berlin gehen wird. Auch ein Entwickler, der vor zwei Jahren nach Amsterdam gezogen war, hörte von der neuen Arbeitsrealität und konnte so wieder an Bord geholt werden.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

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