Thomas Schuhmacher/Air Berlin

08.06.17
CFO

Air Berlin: 300 Millionen Euro stehen auf der Kippe

Air Berlins Großaktionär Etihad und der Reisekonzern Tui haben die Verhandlungen über ein Joint Venture abgebrochen. Air Berlin soll sein Touristikgeschäft nun offenbar doch behalten – obwohl der Kaufpreis von 300 Millionen Euro längst geflossen ist. Jetzt bittet die Airline die Politik um Hilfe.

Air Berlin droht neues Ungemach: Nachdem die Verhandlungen zwischen Großaktionär Etihad und Tui für ein lange geplantes Bündnis am heutigen Mittwoch geplatzt sind, stehen bei der hochverschuldeten Airline nun 300 Millionen Euro im Feuer.

Dieses Geld hatte Air Berlin bereits im vergangenen Dezember und Januar per Vorkasse von Etihad für seine Anteile am österreichischen Ferienflieger Niki erhalten. Die Araber wollten Niki in einem zweiten Schritt in ein Joint Venture mit Tuifly einbringen. Diese Pläne sind jetzt aber gescheitert.

Wird der Verkauf von Niki an Etihad rückabgewickelt?

Stattdessen verfolgt Etihad, die mit 29 Prozent an Air Berlin beteiligt sind, nun eine andere Strategie: Das Touristikgeschäft von Air Berlin werde „in einem separaten Geschäftsbereich durchgeführt“. Weitere Details zu dieser Struktur würde Air Berlin bekanntgeben, hieß es aus Abu Dhabi. Aus Berlin war allerdings zunächst nichts zu hören. Die Nachrichtenagentur dpa wiederum zitiert aus einem internen Schreiben des Tui-Konzerns, Etihad wolle Niki offenbar nicht länger aus Air Berlin herauslösen.

Diese Formulierungen stellen die Möglichkeit in den Raum, dass der Verkauf von Niki an Etihad rückabgewickelt werden könnte. In diesem Fall könnte  Air Berlin gezwungen sein, das bereits erhaltene Geld zurückzuzahlen. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft wollte sich dazu auf Nachfrage von FINANCE nicht äußern. Auch von Etihad war diesbezüglich zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Air-Berlin-CFO Courtelis muss auf Etihad hoffen

Sollte Air Berlin tatsächlich 300 Millionen Euro zurückzahlen müssen, wäre das ein weiterer herber Rückschlag für die hochverschuldete Airline und ihren CFO Dimitri Courtelis: 2016 flog Air Berlin mehr als eine dreiviertel Milliarde Euro Verlust ein. Das negative Eigenkapital belief sich auf 1,5 Milliarden Euro, der Netto-Schuldenberg schwoll auf 1,18 Milliarden Euro an. Um die Verluste zu decken, griff Etihad der Krisenairline erneut mit einem Darlehen über 350 Millionen Euro unter die Arme.

Zugleich sicherte Etihad den Berlinern langfristige Unterstützung zu, damit Air Berlin „den finanziellen Verpflichtungen der näheren Zukunft und in jedem Fall innerhalb von 18 Monaten ab dem 28. April 2017 nachkommen kann“.

Die Lage ist offenbar so prekär, dass Air Berlin jetzt Unterstützung in der Politik sucht. Die Airline bestätigte einen Bericht der Zeitung „Die Welt“, wonach das Unternehmen bei den Landesregierungen von Berlin und Nordrhein-Westfalen eine Anfrage auf Prüfung eines Bürgschaftsantrags gestellt habe. Worum es dabei konkret geht, ließ die Fluggesellschaft offen.

Air Berlin muss Strategie erneut ändern

Umso erstaunlicher ist daher, dass die staatliche Fluggesellschaft nun die Verhandlungen mit Tui abgebrochen hat und die im vergangenen Herbst beschlossene Zerschlagung von Air Berlin in Frage stellt. Air Berlin, Etihad und der Tui-Konzern hatten die Joint-Venture-Pläne 2016 verkündet. Der Verkauf der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki und die Verschmelzung der neuen Gesellschaft mit der Tuifly sollte einen wichtigen Beitrag zur Sanierung von Air Berlin darstellen. Nun hieß es, man habe sich nicht über die Ausgestaltung eines solchen Joint Ventures einiges können.

In etwa zur gleichen Zeit machte der neue Air-Berlin-Thomas Winkelmann klar, dass „Air Berlin 2017 einen Partner finden muss“. Wie das Allianzengefüge von Air Berlin am Ende aussehen könnte, ist seit heute wieder völlig offen.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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