Der Finanzvorstand von Clariant, Patrick Jany, sortiert radikal das Portfolio aus.

Clariant

11.01.13
CFO

CFOs entrümpeln ihre Portfolios

Nestlé will sich von Südamerikageschäften trennen, Siemens sucht einen Käufer für seine Logistiksparte und ThyssenKrupp scheint mit ArcelorMittal endlich einen Abnehmer für das amerikanische Stahlgeschäft gefunden zu haben. CFOs wollen derzeit ganze Firmensegmente loswerden – aus unterschiedlichen Gründen.

Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé plant angeblich große Teile seines Lateinamerikageschäfts zu verkaufen. Nach Angaben von Bloomberg News stehen Geschäftsbereiche im Wert von 1 Milliarde Dollar zur Disposition. Das Unternehmen fürchtet offenbar um die Genehmigung der im vergangenen April ausgehandelten Übernahme der Pfizer-Babynahrungssparte. Nestlé hatte für knapp 12 Milliarden Dollar den Zuschlag für den Kauf bekommen, in trockenen Tüchern ist der Deal aber noch nicht: Mexikos Wettbewerbsbehörde blockierte die Übernahme bisher, weil Nestlé sonst dort eine marktbeherrschende Stellung einnehmen werde. Mit dem Verkauf von lokalen Sparten wollen die Schweizer sich nun die Genehmigung für den Mega-Deal sichern.

Nicht nur Nestlé entrümpelt sein Portfolio, auch Finanzvorstände anderer Unternehmen wollen sich gerade von Segmenten trennen. Möglichkeiten um Geschäftsbereiche loszuwerden, gibt es viele: Vom IPO über den Einstieg von Finanzinvestoren bis hin zum Verkauf an Wettbewerber sollten CFOs alle Optionen prüfen. Das Umfeld für Börsengänge könnte in diesem Jahr wieder etwas attraktiver werden: Der deutsche IPO-Markt kommt langsam ins Rollen und auch in Europa rechnen Experten in der zweiten Jahreshälfte mit einer Belebung. Übernahmen durch Private-Equity-Häuser werden 2013 dagegen nur leicht anziehen. Die Knappheit bei LBO-Krediten erschwert ihnen die Finanzierung.


Bleibt noch der Exit durch einen Verkauf an einen Wettbewerber – wenn sich denn ein Abnehmer findet. Die Zeit für solche Verkäufe ist gerade gut: Viele Unternehmen horten derzeit hohe Cash-Bestände und könnte diese nun nutzen, da die makroökonomische Unsicherheit etwas nachgelassen hat. Die USA haben zumindest vorerst die fiskalische Klippe umschifft und auch im Euroraum kehrte nach dem Staatsanleihe-Rückkauf Griechenlands ein bisschen Ruhe ein.

ThyssenKrupp will Schulden tilgen und Rating verbessern

Das könnte ThyssenKrupp nun gelingen. ArcelorMittal-CFO Aditya Mittal sagte am Mittwoch, dass sich der weltgrößte Stahlkonzern für das Thyssen-Krupp Werk in Alabama interessiere. Das deutsche Unternehmen versucht seit vergangenem Mai einen Käufer für seine amerikanische Stahlsparte zu finden, zu der außerdem ein Werk in Brasilien gehört. Steel Americas – in das ThyssenKrupp 12 Milliarden Euro investierte – hat dem Konzern in den vergangenen Geschäftsjahren ordentlich die Bilanz verhagelt. Der Höhepunkt folgte im letzten Jahr: 2011/2012 musste die Sparte 3,6 Milliarden Euro abschreiben, der Gesamtkonzern erlitt einen EBIT-Verlust von 4,4 Milliarden Euro. Das Geschäftsmodell, das auf Billigproduktion in Brasilien ausgelegt war, funktioniert wegen steigender Lohnkosten und einer Aufwertung des Reals nicht mehr. Finanzvorstand Guido Kerkhoff braucht den Verkaufserlös um Schulden zu tilgen und Finanzkennzahlen zu verbessern. Im vergangenen Juni hatte S&P das Rating von Thyssen von BB+ auf BB gesenkt, Moody’s prüft derzeit seine Bonitätseinschätzung.

Siemens und Clariant werfen unattraktive Sparten ab

Auch Siemens und Clariant wollen sich in diesem Jahr von Sparten trennen. Die Motivation von Siemens-CFO Joe Kaeser ist jedoch eine andere: Er verspricht sich von dem Verkauf dreier Segmenten mehr Mittel für die Wachstumssparten. Die Bereiche Solarthermie und Photovoltaik bescherten dem Konzern in den vergangenen Jahren kaum Umsätze und hunderte Millionen Euro Verlust – die starke Konkurrenz aus China und das Streichen von Subventionen in Deutschland machen Sonnenenergie derzeit wenig attraktiv. Die Paketlogistik wiederum lieferte nur eine mittlere einstellige Ergebnismarge und hat kaum Synergien mit anderen Konzerneinheiten. Seit Oktober ist der Konzern deshalb auf Käufersuche.


Der Schweizer Chemiekonzern Clariant stutzt sein Portfolio noch etwas radikaler zusammen: Bereits im Dezember hatte er drei Geschäftsfeldern abgegeben – und damit gut 15 Prozent seines Jahresumsatzes verloren – dieses Jahr stehen noch die Bereiche Lederchemie, Reinigungschemikalien und Zwischenprodukte auf der Verkaufsliste. Hintergrund: Clariant will seine Abhängigkeit von zyklischen Geschäften verringern. Im dritten Quartal des vergangenen Jahres brach der Gewinn des Chemiekonzerns um 40 Prozent ein – einen Teil davon führt das Unternehmen auf die abkühlende Konjunktur in Europa zurück. Stattdessen soll mehr Geld in das robustere Katalysatoren- und Energiesegment fließen.

Bayer rudert bei Segmentverkauf zurück

Der Fall Bayer zeigt indes, woran Portfoliobereinigungen scheitern, wenn das Unternehmen nicht verkaufen muss: Am Preis. Der Gesundheitskonzern erwog, sich von seinem Geschäft mit Blutzucker-Messgeräten zu trennen. Das Geschäft gehört zum Segment Medical Care. Das läuft zwar gut – Analysten haben für 2011 eine Marge von 19 Prozent errechnet – im Vergleich zu anderen Konzernsparten konnte es aber mit einem Umsatzplus von 2,4 Prozent nur ein geringes Wachstum vorweisen. Nach Angaben von Insidern hatte Bayer Anfang Dezember mit dem französischen Pharmakonzern Sanofi verhandelt. Dieser Deal scheint nun geplatzt zu sein: die Preisvorstellungen lagen zu weit auseinander.

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