Deutsche Telekom

25.07.12
CFO

CFOs lassen 900 Milliarden Euro Working Capital liegen

Wenn sich die CFOs aller europäischen Unternehmen an den Top-Performern orientieren würden, könnten sie fast 900 Milliarden Euro Cash freisetzen, meint das Beratungshaus REL. Vor allem die Vorratsbestände halten die Amerikaner für viel zu hoch. Doch die Methodik ihrer Analyse hat ihre Schwächen.

Europäische Finanzvorstände schieben gewaltige Summen an überflüssigem Working Capital vor sich her, warnt das US-Beratungshaus REL. Nach Durchsicht von 925 Geschäftsberichten für 2011 haben die Amerikaner ein theoretisches Potential zur Verbesserung des Working Capitals von 886 Milliarden Euro identifiziert. Das entspricht satten 12 Prozent der kumulierten Umsätze der untersuchten Unternehmen.

Die Punch-Line der Fleißarbeit: Die CFOs der Top-Unternehmen häufen nur halb so viel Working Capital an wie der Durchschnitt. Ihre Kundenforderungen treiben sie 16 Tage schneller ein, ihre Lieferanten bezahlen sie ebenfalls 16 Tage später, und ihre Vorratsbestände liegen nur halb so hoch wie im Schnitt. Die größte Lücke tut sich beim Lagerumschlag auf: Bei den Days Inventory Outstanding (DIO) schneidet das beste Viertel der Unternehmen um 67 Prozent besser ab als der Median, wie REL berechnet hat.

26 Milliarden Cash-Potential bei EdF

Die Berater identifizieren große Unterschiede zwischen den Branchen – erstaunlicherweise aber auch innerhalb der einzelnen Sektoren. So musste Portugal Telecom per Jahresultimo Working Capital für 45 Tage bilanzieren, während die britische BT Group auf ein negatives Working Capital von 25 Tagen kam. Im Automobilsektor gehörte Volvo mit einer Reichweite des Working Capitals von 18 Tagen zur Spitze, während die Industriesparte von Fiat zum Jahreswechsel Working Capital für 229 Tage angehäuft hatte.

Dass das kein typisches Phänomen bei italienischen Unternehmen ist, zeigt der Stromnetzbetreiber Rete, der es schaffte, innerhalb eines Jahres sein Working Capital von minus 7 auf minus 72 Tage zu kürzen. Zu den Under-Performern im Versorgerbereich gehört mit der französischen EdF einer der größten Anbieter weltweit: Dem Staatskonzern aus Paris attestiert REL ein Verbesserungspotential von 26 Milliarden Euro, das die Franzosen durch eine Optimierung ihres Working Capitals theoretisch freisetzen könnten. Auch im Telekombereich schlummern offenbar noch erhebliche Reserven, die REL bei der Deutschen Telekom und der spanischen Telefónica auf jeweils 4 Milliarden Euro beziffert.

Investoren könnten Druck auf CFOs erhöhen

Die Aussagekraft dieser Daten ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn REL bezieht sich auf Stichtagsdaten und blendet lokale und sektorale Besonderheiten aus. Auch wie nachhaltig die Top-Performer ihr Working Capital zu optimieren verstehen, wird bei der Berechnung der Unterschiede methodisch nicht berücksichtigt. Ob das Wissen um ihren Abstand zu den Top-Performern den CFOs dabei hilft, konkrete Ansätze für die Verbesserung ihres Working Capitals zu finden, ist zweifelhaft. Doch wenn ihre Investoren die Schwächen im Working Capital Management zum Thema machen, könnte ein gegenüber den Wettbewerbern um 30 Prozent höheres Working Capital schwer zu begründen sein.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de