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11.10.13
CFO

Gildemeister und Mori Seiki: Hochzeit ohne Trauschein

Gildemeister war früher: Der früher schillernde Bielefelder MDax-Konzern heißt seit Oktober nun offiziell DMG Mori. Die viel beachtete Kooperation mit Mori Seiki entpuppt sich bislang als Fusion ohne tatsächliche Fusion. Dass das so bleibt, ist unwahrscheinlich.

Was waren das noch für Zeiten, als Gildemeister regelmäßig für Schlagzeilen sorgte. Als technologisch führend im extrem fragmentierten Werkzeugmaschinenmarkt gelten die Bielefelder zwar schon seit jeher,doch sorgten in schöner Regelmäßigkeit Merkwürdigkeiten wie eine Razzia beim CEO Rüdiger Kapitza und sonstige Missklänge immer wieder für Stirnrunzeln beim Beobachter. Hinzu kamen objektive Schwächen wie die teure Finanzierung: 2009 war Gildemeister noch hoch geleveragt. Bis 2011 stand der Konzern mit dem Rücken zur Wand. Die Kapitalausstattung war zu gering, um heftige Krisen unbeschadet abfedern zu können und die nötige globale Expansion zu finanzieren. Deswegen sucht Kapitza nach einem strategischen Partner.

Tempi passati: Vier Kapitalerhöhungen später ist Gildemeister netto entschuldet. Gerade hat CFO Kathrin Dahnke 210 Millionen Euro in die Konzernkassen bekommen für eine gewaltige Barkapitalerhöhung, die der japanische Großaktionär Mori Seiki gezeichnet hat. Der Kurs der Aktie hat nicht gelitten.Taktisch klug wurde die Transaktion früh im Jahr zu einem Tiefpunkt der Aktie angekündigt.

Berenberg hat die Transaktion mit hartem Underwriting für Gildemeister platziert, „wie fast alle Kapitalerhöhungen der letzten Jahre“, sagt Oliver Diehl, Leiter ECM bei Berenberg zu FINANCE. Zuvor hatte Mori Seiki bereits per Sacheinlage Anteile an zwei Tochterunternehmen in Gildemeister eingebracht.

Mori Seiki dominiert als kleinerer Partner

2013 wird DMG Mori/Gildemeister Schätzungen des Bankhauses Lampe zufolge mit einer Nettobarposition von 390 Millionen Euro beenden – mehr Cash, als Gildemeister je hatte, und weit mehr, als der Konzern für die erwartete Erschließung des russischen Marktes und weiterer Emerging Markets benötigt. „Hier wird die Braut hübsch gemacht für den Merger“, sagt ein Beobachter. In der Tat stehen die Zeichen klar auf Fusion, wie die Konzernchefs 2013 erstmals öffentlich zugaben – allerdings mit einem Zeitrahmen bis 2020. Seit Oktober heißt die Gildemeister AG nun DMG Mori Seiki AG und Mori Seiki Co. Ltd. nun DMG Mori Seiki Company Limited. Um die Verwirrung noch größer zu machen, sind die Maschinen beider Unternehmen mit DMG Mori gelabelt. Deutlich wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Fusion schon 2015 kommt, wenn der langjährige und mächtige Gildemeister-CEO Rüdiger Kapitza abtreten und in den Aufsichtsrat des neuen Gemeinschaftsunternehmens einziehen wird. Das bestreitet die Bielefelder Zentrale allerdings vehement.

Die Partnerschaft ist von Beginn an asymmetrisch: Der vom Umsatz deutlich kleinere Partner Mori Seiki ist in der Liaison der Größere. Diese Konstante zieht sich seit Beginn durch die Partnerschaft – schon allein aus Liquiditätsgründen. Inzwischen hält Mori Seiki 24,9 Prozent der Aktien an Gildemeister, die Bielefelder umgekehrt nur knapp 10 Prozent am japanischen Partner. Eingefädelt und vorangetrieben wird die Kooperation von den beiden starken CEOs Rüdiger Kapitza und Masahiko Mori. Sie halten daran trotz aller internen Widerstände fest. Die Logik der von den Konzernpatriarchen eingefädelten Hochzeit überzeugt den Kapitalmarkt. Die stark europazentrierte Gildemeister kann jetzt auf Produktionskapazitäten von Mori-Fabriken in den USA und in Japan zugreifen – Mori auf Gildemeisterwerke in Europa. Für die Kunden ist die lokale Produktion ein großer Vorteil. Maschinen werden ohne Zoll- und Währungsthemen günstiger und schneller beim Kunden. Die Fusion ohne Fusion ist nur konsequent: Denn die bislang auf den Vertriebs- und Servicebereich beschränkte Kooperation zwischen Gildemeister und Mori Seiki erzeugte erhebliche Komplexitäten. Das ist nun anders: Jetzt sind auch F&E sowie die Produktion Gegenstand der Kooperation und sollen Synergien bringen. Längst ist die 2009 als Vertriebskooperation zwischen den beiden Weltkonzernen mit der noch symbolischen gegenseitigen Kapitalbeteiligung begonnene Allianz eine Ehe ohne Trauschein.

Wann kommt die Fusion?

Ein Unternehmen mit zwei Listings, das ist der Status quo der deutsch-japanischen Ehe, die die langläufig geltenden Vorurteile hinsichtlich unverträglicher Unternehmenskulturen bislang Lügen straft. Angesichts der sich ankündigenden tiefgreifenden Veränderungen ist es in Bielefeld bislang auffallend still. Allerdings steht der Lackmustest für die Belastbarkeit der deutsch-japanischen Beziehungen noch aus.

Früher erfuhr FINANCE immer wieder aus unterschiedlichen Quellen von atmosphärischen Störungen. „Bei Gildemeister weht ein rauer Wind“, sagte einer, der den Konzern von innen her gut kennt – nicht so zuletzt. Als Erfolgsgeheimnis funktionierender gemeinsamer Konzepte stellt sich stets die Frage nach dem Chef des Projekts, sagt ein Gildemeister-Manager: „Das muss am Anfang geklärt sein, damit es klappt.“ Die Frage nach dem Hut und seinem Träger ist die Frage nach dem Finanzstärkeren. Das ist bislang Mori gewesen. Doch sticht der gemeinsame Nutzen offenkundig alle möglichen Nachteile und Eifersüchteleien aus – zumindest solange die Väter der Allianz an Bord sind. Die Ehe ist geschlossen. Offen ist nur, wann sie vollzogen wird.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de

 

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Gildemeister und Mori Seiki: Szenen einer Ehe


Stärkung der Allianz wird eine „symbolische“ Überkreuzbeteiligung von je 5 ProzentMärz 2009: Gildemeister und Mori Seiki geben ihre Kooperationspläne bekannt. Zur Stärkung der Allianz wird eine Überkreuzbeteiligung von je 5 Prozent der Aktien angestrebt. Mori Seiki ist damit ad hoc größter Gildemeister-Aktionär. Die Konzerne starten gemeinsame Vertriebs- und Servicegesellschaften.


Mai 2010: Gildemeister-CFO Michael Welt, der aus der Sparte Deckel Maho kommt und im Allgäuer Pfronten sitzt, muss im Streit mit CEO Rüdiger Kapitza gehen. Der Kapitalmarkt wirft ihm zu hohe Working-Capital-Bestände und einen schwachen Free Cash Flow vor. Kathrin Dahnke, seit 2005 im Unternehmen und Stellvertreterin Welts, übernimmt das Finanzressort.

 

April 2011: Nach zwei Kapitalerhöhungen hält Mori Seiki bereits 20,1 Prozent an Gildemeister. So gestärkt, gelingt Gildemeister mit der umfassenden Refinanzierung der Passivseite ein Befreiungsschlag. Gildemeister und Mori Seiki gründen ein gemeinsames Kundenfinanzierungs-Captive zur Hebung von Vertriebssynergien. Fusionsgerüchte werden heftig dementiert.

 

August 2011: Gildemeister hält 5,1 Prozent an Mori Seiki.


2012: Gildemeister erreicht mit einem Umsatz von über 2 Milliarden Euro Rekordwerte. Das Ebitda steigt auf 174 Millionen Euro, der Konzernüberschuss beträgt 82 Millionen Euro – die höchsten Werte der Unternehmensgeschichte. Mit 0,35 Euro erreicht auch die Dividende den höchsten Stand seit 2008.


2013 steht im Zeichen von zwei großen Kapitalerhöhungen bei Gildemeister: Mori Seiki bringt im Zuge einer Sachkapitalerhöhung 19 Prozent seiner US-Tochter sowie rund 44 Prozent der japanischen Tochter Magnescale ein. Dadurch erhält Gildemeister Zugang zur US-Produktion sowie zur Technologie von Magnescale. Im September fließen Gildemeister aus einer Barkapitalerhöhung rund 210 Millionen Euro zu. Das Grundkapital Gildemeisters erhöht sich durch beide Maßnahmen um rund 30 Prozent. Synergien aus der Kooperation und verstärktes Wachstum sollen den Verwässerungseffekt auf EpS-Basis kompensieren. Auf der Branchenmesse EMO stellen Kapitza und Mori Seiki den neuen Markenauftritt des Konzerns als DMG Mori Seiki vor. Erstmals spricht Kapitza von einer geplanten Fusion mit Mori Seiki bis 2020 (mco):