Der österreichisch-deutsche Halbleiterkonzern AMS-Osram führt den Schuldenabbau fort. Am gestrigen Montagabend gab der hochverschuldete Konzern bekannt, sein lukratives nicht-optisches Sensorgeschäft an Infineon zu verkaufen.
Der Halbleiterhersteller Infineon zahlt für den Geschäftsbereich 570 Millionen Euro in bar. Das Closing ist für das zweite Quartal geplant. Dass dieser Deal ins Haus steht, machte bereits seit einigen Wochen die Runde.
AMS-Osram wurde bei dem Deal rechtlich von Linklaters und in Österreich von bpv Hügel beraten, Infineon mandatierte die Kanzlei Gleiss Lutz. Morgan Stanley fungierte als finanzieller Berater.
Warum der Verkauf nötig wurde
Der Konzern steckt bereits seit Jahren in der finanziellen Krise. Auslöser war der Bau eines Werks in Malaysia und dessen Ausbau im Jahr 2024 in Erwartung eines Großauftrags, der dann aber nicht kam. Die Folge waren Abschreibungen im dreistelligen Millionenbereich und ein in die Höhe schießender Schuldenstand.
Die Zahlen zeigen, wie notwendig die Entschuldung ist: Zum Jahresende 2025 türmten sich 2,02 Milliarden Euro Nettoverschuldung auf – bei einem vorläufigen bereinigten operativen Ergebnis (Ebitda) von nur 600 Millionen Euro.
Die Bemühungen, die Schulden abzubauen wurden in den vergangenen Monaten sichtbar: Im Juli 2025 verkaufte AMS-Osram bereits das Unterhaltungs- und Industrielampengeschäft an Ushio für 114 Millionen Euro. Im Januar hat der Konzern, der an der Schweizer Börse notiert ist, einen Teilrückkauf seiner Wandelanleihe umgesetzt. Der Verschuldungsgrad lag vor den Verkäufen bei 3,3. Mit den Verkäufen sinkt er pro forma auf 2,5.
Was Infineon bekommt – und was nicht
Das veräußerte Geschäft erwirtschaftete 2025 rund 220 Millionen Euro Umsatz und 60 Millionen Euro bereinigtes operativen Ergebnis. Es umfasst nicht-optische Analog- und Mixed-Signal-Sensoren für Automotive, Industrie und Medizin. Rund 230 Mitarbeiter wechseln zu Infineon, überwiegend an vier Standorten.
Produktionsstätten sind nicht Teil des Deals. Stattdessen: AMS-Osram wird Infineon über mehrere Jahre Fertigungsdienstleistungen bereitstellen. Ein Detail mit Brisanz: Der Verkauf betrifft auch Gesellschaften, die rund 130 Millionen Euro an Vermögenswerten halten, welche Wandelanleihen und Senior Notes des Konzerns besichern. Diese Erlöse sollen direkt in den anteiligen Rückkauf dieser Instrumente fließen.
AMS-Osram mit Strategieschwenk
Mit dem Verkauf vollzieht AMS-Osram zudem einen Strategieschwenk. Das Unternehmen will zum fokussierten Digital-Photonics-Anbieter werden, einem Bereich, der für die Digitalisierung von Lichtemission und optischer Sensorik steht. Aldo Kamper, CEO von AMS-Osram sieht den Konzern mit der Verschlankung „optimal positioniert, um von entscheidenden Marktdurchbrüchen in Digital Photonics zu profitieren – in der Automobilindustrie, bei Augmented-Reality Brillen, in der Biosensorik, in der Robotik, bei optischen Datenverbindungen für KI-Rechenzentren und vielleicht sogar in visionären Anwendungen wie der lasergestützten Kernfusion.“
Konkret geht es um Sensoren und intelligente Elektronik für Fahrassistenzsysteme, AR-Brillen, KI-Rechenzentren und Robotik. Das Herzstück der Strategie ist die Eviyos-Technologie. Kamper sieht noch größeres Potential: Mit kleineren Pixeln könnte die Technologie zum Mikro-Projektor für AR-Brillen werden. Langfristig soll sie in optischen Datenverbindungen für KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen – ein Markt, der boomt.
Wo das Geld herkommen soll
Stetigen Geldfluss gewinnt der Halbleiterkonzern durch das traditionelle Automotive-Lampen- und Ersatzteilgeschäft. Dieses bleibe im Konzern, heißt es in der Mitteilung. Mit einer bereinigten Ebitda-Marge von 13 bis 15 Prozent und einem jährlichen Cashflow von rund 90 Millionen Euro soll es die Transformation finanzieren und zum Schuldenabbau beitragen. Die Strategie: Das stabile, aber wenig wachsende Geschäft stützt die risikoreichen Zukunftsinvestitionen.
AMS-Osram strebt Ebitda-Marge von 25 Prozent an
Für 2030 peilt AMS-Osram ein mittleres bis hohes einstelliges Umsatzwachstum im Halbleitergeschäft an. Die bereinigte Ebitda-Marge soll mindestens 25 Prozent erreichen. Auf Konzernebene strebt das Unternehmen einen Free Cashflow von über 200 Millionen Euro und einen Verschuldungsgrad unter 2 an.
Doch der Weg dorthin ist steinig. 2026 wird das bereinigte operative Ergebnis vorübergehend niedriger ausfallen – wegen der Veräußerungen und eines zeitweisen Kostenüberhangs. Die jährlichen Finanzierungskosten errechnet der Konzern derzeit bei 250 bis 300 Millionen Euro. Erst 2028 sollen sie durch Refinanzierung auf unter 150 Millionen Euro pro Jahr sinken. Bis dahin bleibt die Luft dünn.
Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
