Bayer AG

21.09.16
Deals

Bayer räumt Fehleinschätzungen bei Merck & Co-Deal ein

Zwei Jahre nach der 14-Milliarden-Dollar-Übernahme des OTC-Geschäfts von Merck & Co muss Bayer zugeben, in der Due Diligence wichtige Schwächen übersehen zu haben. Jetzt muss der Dax-Konzern nachinvestieren.

Unmittelbar nachdem Bayer mit dem 66 Milliarden Dollar schweren Monsanto-Deal die größte Akquisition der deutschen Industriegeschichte auf den Weg gebracht hat, muss der Life-Science-Konzern einräumen, bei seiner bislang größten Akquisition Fehler gemacht zu haben.

Es geht um die Übernahme des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten des US-Pharmakonzerns Merck & Co. im Mai 2014. Bayer hatte damals 14,2 Milliarden Dollar bezahlt und das übernommene Geschäft mit einem sehr hohen Multiple von 21x Ebitda bewertet. Das jetzige Eingeständnis ist insofern pikant, als dass Bayer im laufenden Übernahmeprozess von Monsanto, der vom Kapitalmarkt nicht ohne Skepsis verfolgt wird, offensiv mit seinem guten Track Record in Sachen M&A und Post-Merger-Integration wirbt. 

Kritische Bestandsaufnahme der Bayer-Führung

In einer aktuellen Investorenpräsentation geht Bayer auf die Gründe ein, warum die Umsatzentwicklung des Geschäftsbereichs Consumer Care in diesem Jahr hinter den Markterwartungen zurückbleiben wird. Mit der Vorlage der Halbjahreszahlen musste Bayer zugeben, dass der Bereich 2016 währungs- und portfoliobereinigt nur geringfügig wachsen wird – obwohl die Merck-Akquisition dem Geschäft eigentlich Schwung verleihen sollte.

Die Gründe, die Bayer nennt, lassen darauf schließen, dass es den US-amerikanischen Verkäufern gelungen ist, in der Due Diligence wichtige Schwächen des Geschäfts vor den Leverkusenern zu verbergen. So hat Bayer eigenen Angaben zufolge erst im Lauf der Integration festgestellt, dass „wichtige Marken wie zum Beispiel Coppertone (Sonnenschutz) und Dr. Scholl’s (Fußpflege) unterinvestiert waren“. Die Produktpipeline der zugekauften Firma sei „schwach“, die Länderrisiken in den Emerging Markets hingegen höher als erwartet.

Außerdem – so gibt Bayer zu – ist es zu Problemen bei der Zusammenführung des China-Geschäfts von Merck & Co OTC („Over the Counter“) mit dem ebenfalls von Bayer akquirierten chinesischen Medikamentenhersteller Dihon gekommen. Bayer spricht von stärkeren Störungen als erwartet („stronger business disruption than anticipated“). Inzwischen hat der Dax-Konzern offenbar gegengesteuert. Die Investitionen in die akquirierten Marken seien erhöht worden. Die Kernmarken Coppertone und Dr. Scholl’s werden „wiederaufgebaut“.

Der Verkäufer Merck & Co kann sich rückblickend für seine erfolgreiche Verhandlungsstrategie beglückwünschen: Mit einem Ebitda-Multiple von 21x war der M&A-Deal trotz der vorhandenen Schwächen voll bezahlt.

Fast 16 Milliarden Euro Goodwill in der Bayer-Bilanz

Dass aus der Schwäche der akquirierten Merck-Geschäfte weitere Belastungen entstehen, die über die zusätzlich nötigen Investitionen hinausgehen, hält man bei Bayer für unwahrscheinlich. Im Umfeld des Unternehmens glaubt man derzeit nicht, dass Bayer am Jahresende Sonderabschreibungen auf den erworbenen Firmenwert (Goodwill) vornehmen muss. Sollten jedoch Wertberichtigungen nötig werden, könnten sie hoch ausfallen. In der aktuellen Bilanz weist Bayer Geschäfts- und Firmenwerte in Höhe von 16 Milliarden Euro aus. Der Großteil davon dürfte auf das OTC-Geschäft von Merck & Co. entfallen, die bislang größte Akquisition der Unternehmensgeschichte.

Den Vorwurf, für ein schwächelndes Geschäft zu viel Geld bezahlt zu haben, weist ein Unternehmenssprecher gegenüber FINANCE zurück: „Die Akquisition des Consumer-Care-Geschäfts von Merck & Co war für Bayer die richtige Entscheidung. Bei den erwarteten Kostensynergien von 200 Millionen Dollar ab 2017 liegen wir etwas über unseren Planungen. Die angestrebten Umsatzsynergien von etwa 400 Millionen Dollar pro Jahr werden wir hingegen nicht wie geplant bis 2017 erreichen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die in unserer Meet-the-Management-Präsentation aufgeführt sind und an denen wir arbeiten.“

Bayer hat noch einen Trumpf im Ärmel, der dafür sorgen könnte, dass die aufgedeckten Schwächen nicht außergewöhnlich stark ins Gewicht fallen. So basiert der Wertsteigerungsplan von Bayer hauptsächlich darauf, die überwiegend auf Nordamerika konzentrierten Marken, die von Merck & Co erworben wurden, in das globale Vertriebsnetzwerk des Konzerns einzuspeisen und so eine regionale Expansion anzustoßen. Die Umsetzung dieses Plans dürfte weitgehend unabhängig von den inzwischen adressierten Schwächen bei diesen Marken sein.

Auch bei Monsanto setzt Bayer auf Umsatzsynergien

Trotzdem könnte es den Kritikern der Monsanto-Übernahme Auftrieb geben, dass Bayer nun die Erreichung seiner Wachstumsziele im Consumer-Business verschieben und gleichzeitig zusätzliche Mittel in die neue Tochter investieren muss, um die Umsatzdynamik neu zu entfachen. Schließlich laufen auch bei dem US-Saatguthersteller die Geschäfte derzeit alles andere als rund. Bayer hält das für eine branchenweite Schwächephase und verspricht, dass Monsanto bald wieder auf den Wachstumskurs zurückkehren wird.

Aber auch bei Monsanto soll die langfristige Wertsteigerung vor allem aus den Umsatzsynergien kommen. Drei Jahre nach Abschluss der Übernahme verspricht Bayer Synergien von 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr, zu vier Fünfteln zunächst noch aus Kosteneinsparungen. Danach allerdings sollen vor allem die erhofften Umsatzsynergien die Ertragskraft von Bayer-Monsanto stärken, während die Zuwächse bei den Kostensynergien abflachen werden.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de