Der ICE-Bauer Siemens und der TGV-Hersteller Alstom wollen fusionieren. Der Zusammenschluss könnte sich nun weiter verzögern.

Siemens

23.08.18
Deals

Fusion von Siemens Alstom gerät ins Stocken

Die Mega-Fusion von Siemens Alstom zieht sich hin. Nun will die EU wohl erst im Januar 2019 eine Entscheidung fällen, ob der Deal durchgeht.

Siemens bekommt bei seinem Konzernumbau immer mehr Gegenwind. Offenbar verzögert sich die geplante Fusion des Eisenbahn- und Signaltechnikgeschäfts der Münchener mit dem französischen TGV-Hersteller Alstom. Das berichtet die „Wirtschaftswoche“ unter Berufung auf Kreise in der Europäischen Kommission (EU). Ursprünglich wollte Brüssel im November über die kartellrechtliche Freigabe der Fusion entscheiden. Nun dürfte die Prüfung bis Januar 2019 dauern.

Eigentlich wollten Siemens und Alstom den im vergangenen September angekündigten Deal bis Ende dieses Jahres über die Bühne bringen. Bei einer Verzögerung dürfte es schwierig werden, die ohnehin ambitionierten wirtschaftlichen Ziele zu erreichen: Damit der Dax-Konzern die angestrebten, erheblichen Synergien erreichen kann, galt im Markt ein reibungsloser Zusammenschluss als Bedingung. Vier Jahre nach der Fusion hoffen die Partner auf jährliche Verbundeffekte von 470 Millionen Euro.

EU befürchtet Monopol von Siemens Alstom

Die vertiefte Prüfung, die die Wettbewerbshüter vergangenen Monat eingeleitet haben, ist aber seit Anfang August ausgesetzt. Angeblich haben die Fusionspartner den EU-Behörden nicht ausreichend Informationen vorgelegt.

Ohnehin haben die europäischen Kartellwächter erhebliche Bedenken. Denn bei Hochgeschwindigkeitszügen und in der Signaltechnik könnte der fusionierte Konzern Siemens Alstom auf einen Marktanteil kommen, der den des nächsten Wettbewerbers um das Dreifache übersteigen würde. Der deutsch-französische Konzern hätte dann ein Quasi-Monopol in Europa.

Entsprechend wehrt sich die Konkurrenz. Bombardier, die Nummer drei im Markt, hat Bahn- und Infrastrukturbetreiber zuletzt aufgefordert, ihre Bedenken gegenüber den Aufsehern vorzutragen. Die Kunden befürchten höhere Preise, wenn die Fusion durchgeht.

Siemens verpasst sich eine Holding-Struktur

Siemens-Chef Joe Kaeser dürfte ob der sich verzögernden Prüfung des Alstom-Deals unruhig werden. Der Zusammenschluss ist ein wichtiges Puzzleteil bei seinem Umbau des Industriekonzerns. Er will Siemens im Zuge der neuen Strategie „Vision 2020+“, die er Anfang des Monats verkündet hat, stärker in eine Holding umwandeln, auch wenn er das Wort selbst nicht in den Mund nimmt. Fakt ist aber: Die neue Struktur vereinfacht weitere Ausgliederungen aus dem Konzern.

Wie das „Manager Magazin“ am heutigen Donnerstag berichtet, könnten durch den Umbau bis zu 20.000 Stellen überflüssig werden. Der Bericht bezieht sich auf Aussagen, die Kaeser gegenüber Investoren getätigt haben soll.

Kaeser setzt in Zukunft auf verschiedene Geschäftszweige. Zentral sind dabei die „strategische Unternehmen“, zu denen neben Siemens Alstom auch die im März an die Börse gebrachte Medizintechniksparte Siemens Healthineers und der strauchelnde Windanlagenbauer Siemens Gamesa  gehören. Beide Projekte liefen alles andere als glatt. Vor allem der mit den Spaniern fusionierte Windanlagenbauer legte mit zwei Gewinnwarnungen innerhalb weniger Monate einen schlechten Start hin.

„Heahltineers-IPO und Übernahme von Siemens Gamesa liefen nicht glatt."

Hinzu kommen drei „operative Unternehmen“, zu denen die Siemens-Kraftswerkssparte und das Infrastruktursegment gehören sowie der Bereich „Digital Industries“. Siemens will speziell sein Geschäft mit Digitalisierungsprodukten ausbauen und Kunden bei der Umsetzungen von Strategien in dem Bereich beraten. Damit sucht die Industrieikone die Konkurrenz zu Beratungshäusern wie Accenture.

Siemens wehrt sich gegen Konkurrenz aus China

Siemens-Alstom spielt in den Plänen eine zentrale Rolle. Mit dem deutsch-franzözischen Zusammenschluss wollen die Konzerne den chinesischen Weltmarktführer CRRC in die Schranken weisen. Dieser ist am Umsatz gemessen mit 30 Milliarden Euro derzeit doppelt so groß wie eine fusionierte Siemens Alstom.

Die EU-Kommission sieht dem Vernehmen nach den Eintritt der Chinesen in den europäischen Markt momentan eher als unwahrscheinlich an. Siemens und Alstom hatten das potentielle Vorpreschen von CRRC nach Europa stets als Grund für ihre Fusionsbestrebungen angeführt – und Unterstützung aus der Politik erfahren. Denn Berlin und Paris sind für einen starken europäischen Zugbauer.

jakob.eich[at]finance-magazin.de