Automotive bekommt die Auswirkungen der Coronakrise mit voller Wucht zu spüren.

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12.05.20
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Wegen Corona: Automotive-Multiples auf Rekordtief

Kaum eine Branche ist am M&A-Markt derzeit so unbeliebt wie Automotive: Die Targets wechseln derzeit für nur noch 5x Ebitda im Schnitt den Besitzer. Und der Branche steht noch Schlimmeres bevor.

Automotive bekommt die Auswirkungen der Coronakrise mit voller Wucht zu spüren: Börsennotierte Unternehmen aus der Branche sind am M&A-Markt aktuell kaum mehr wert als 5,2x Ebitda, zeigen aktuelle Zahlen der M&A- und Unternehmensberatung Graf Lambsdorff & Compagnie. Die Multiples für diese Automobilzulieferer sind damit im Vergleich zum Ende des Jahres 2019 um 9 Prozent gefallen.

Ursächlich für diesen Bewertungsrückgang ist vor allem die durch das Coronavirus ausgelöste Wirtschaftskrise. „Die Coronakrise lässt den globalen Automobilmarkt einbrechen, das schlägt auch auf die Bewertungsniveaus durch“, erläutert Ferdinand R. Schulhauser, Partner von Lambsdorff & Compagnie. Das Centre of Automotive Management prognostiziert für dieses Jahr einen Einbruch des globalen Automotive-Marktes um 17 Prozent. In Deutschland dürfte es ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer aussehen.

Doch auch schon vor Ausbruch des Virus machten die US-Handelspolitik, der Brexit sowie die Konjunkturschwäche Chinas der Branche zu schaffen. Die Coronakrise verstärke diesen „Abwärtssog“, so Schulhauser. Unterschiede in der Bewertungsentwicklung sind darauf zurückzuführen, dass unterschiedliche Prognosemodelle eingesetzt werden.

Automotive leidet unter Multiples-Rückgang

Nahezu alle Automotive-Segmente sind dabei von einem Rückgang bei den Multiples betroffen. Am heftigsten sind die Rückgänge bei Automotive-Unternehmen, die Elektronikkomponenten herstellen. Ihr Wert wird derzeit mit 7,6x Ebitda taxiert. Das ist für die Branche zwar ein hoher Multiple. Allerdings waren diese Unternehmen im vergangenen Jahr mit 8,6x Ebitda am M&A-Markt deutlich mehr wert.

Ebenso hart trifft es Zulieferer, deren Produktpalette breiter als die der Wettbewerber aufgestellt ist: Solche Unternehmen werden mit durchschnittlich 5,7x Ebitda bewertet, ihren Käufern waren sie im Vorjahr aber noch rund 6,5x Ebitda wert. Verglichen mit anderen Segmenten bewegen sich die Preise hier aber trotzdem noch auf einem recht hohen Niveau.

„Diese vergleichsweise hohen Preise bezahlen die Käufer unter anderem, weil hier die Margen deutlich höher als bei den Wettbewerbern liegen“, ordnet Schulhauser die Ergebnisse ein. Im Segment „Control/Electronics“ lägen die Margen im Durchschnitt bei fast 15 Prozent und damit doppelt so hoch wie bei den weniger profitablen Segmenten. Dies rechtfertige auch die höheren Multiples.

Multiples unter 4x Ebitda bald „New Normal“

Einen weniger drastischen Multiples-Einbruch erfahren derzeit Hersteller, die Teile für das Fahrzeug-Chassis produzieren. In diesem Segment liegen die Bewertungen derzeit bei 4,7x Ebitda, nach 4,9x im Jahr 2019. „Besonders die margenschwachen Bereiche kommen jetzt ordentlich ins Trudeln“, warnt aber Schulhausers Kollege Marc Schmerbeck. Dazu gehörten unter anderem auch Unternehmen, die in der Fertigung von Interieur- und Exterieurausstattung tätig sind: Hier lägen die Margen durchschnittlich bei knapp 8 Prozent und niedriger, so der Berater.

Das spiegeln auch die Multiples der Unternehmensberatung wider: Am niedrigsten bewertet werden derzeit ebenjene Zulieferer, die Teile für die Innen- oder Außenausstattung herstellen. Sie wechseln für gerade einmal 4,1x Ebitda den Besitzer. Bereits Ende vergangenen Jahres sah es für diese Unternehmen am M&A-Markt nicht so gut aus: Damals wurden diese Unternehmen mit 4,2x Ebitda bewertet.

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Auch Hersteller von Verbrennungsmotoren und dazugehörigen Komponenten haben aktuell mit niedrigen Bewertungen zu kämpfen. Unternehmen aus diesem Bereich, den die M&A-Beratung unter „Engine/Under-the-hood“ zusammenfasst, sind am M&A-Markt durchschnittlich 4,3x Ebitda wert. Ende 2019 wurden diese Unternehmen noch bei rund 4,4x Ebitda gehandelt.

„Käufer verlieren immer mehr den Glauben an die Geschäftsmodelle der traditionellen Automobilzulieferer – was sich immer deutlicher in den Bewertungen niederschlägt“, sagt Marc Schmerbeck. Die Krise könnte sogar dafür sorgen, dass ein Durchschnittsmultiple von unter 4x Ebitda bald das „New Normal“ werden könnte, so der Berater.

Pleitewelle erwischt Automotive

Automotive ist aber nicht gleich Automotive, ergänzt Dominik Degen von der Unternehmensberatung BCG. „Die großen OEMs werden die Krise besser wegstecken als viele ihrer Zulieferer. Dementsprechend sind hier die Marktbewertungen auch weniger stark gesunken, insbesondere wenn man nicht nur die vergangenen Wochen, sondern die vergangenen beiden Jahre betrachtet“, sagt der Berater.

Seit Beginn des Jahres sind die Bewertungen für OEMs um 26 Prozent gefallen, die für Zulieferer um ein Drittel, zeigen Zahlen von BCG. In den vergangenen zwei Jahren sind die Marktbewertungen für Zulieferer sogar um 60 Prozent geschrumpft. Die Bewertungen für große Hersteller sind im Vergleich dazu nur um 42 Prozent zurückgegangen.

Auch die Automobilhersteller müssen demnach auf heftige Einschläge gefasst sein, so Degen: „Zwar beobachten wir, dass die OEMs besser aufgestellt sind als in der Finanzkrise, denn sie haben einen größeren Cash-Puffer aufgebaut.“ Doch die Hersteller dürfen dem Berater zufolge auch die Kosten für den Ramp-up, also das Hochfahren der Produktion nach dem Lockdown, nicht unterschätzen.

OEMs sollten über Beteiligung an Zulieferer nachdenken

kommt: Die gesamte Branche muss sich in den kommenden Wochen und Monaten auf noch einen weiteren Rückschlag einstellen. „Die Automobilzulieferer stehen vor einer massiven Pleitewelle, ausgelöst vor allem durch Corona“, prognostiziert Ferdinand Schulhauser. Allein im März sind bereit der Sensorikspezialist Sitronic sowie der Batteriehersteller Moll in die Insolvenz gerutscht. Anfang dieses Jahres erwischte es den Druckgussspezialisten Schweizer Group bereits zum zweiten Mal, im Sommer vergangenen Jahres war die Insolvenz von Weber Automotive einer der erster Pleiten-Vorboten.

Richtig groß werde die Welle in den kommenden sechs bis 24 Monaten, schätzt Dominik Degen von BCG. Um schlimme Konsequenzen zu vermeiden, rät Degen den OEMs, ihre Zulieferer als ihre Portfoliounternehmen zu betrachten: „Wer seine Supplier jetzt gut überwacht, kann möglicherweise durch gezielte Maßnahmen – wie beispielsweise eine frühzeitige Beteiligung an dem Zulieferer – eine Pleite verhindern.“

„Die Automobilzulieferer stehen vor einer massiven Pleitewelle.“

Ferdinand R. Schulhauser, Partner, Graf Lambsdorff & Compagnie

Das komme dann auch wieder dem Hersteller zugute, der damit seine bestehenden Zulieferketten sichern kann. Immerhin: Hersteller, die in der derzeitigen Lage überlegen, ihren Zulieferer zu kaufen, profitieren von deutlich sinkenden Bewertungen am M&A-Markt.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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