Der deutsche IPO-Herbst will fulminant starten. Und das, obwohl sich die Nachrichten an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen überschlagen haben und die Stimmung nervös ist. Einige Unternehmen schicken sich dennoch an, die nächsten Wochen für den Markteintritt zu nutzen. Das genaue Timing wird dabei besonders wichtig sein, um ein offenes Zeitfenster zu erwischen.
In diesem Jahr ist der IPO bereits acht Unternehmen in Deutschland gelungen. Die Börsenneulinge, wie Sixt, Windeln.de und Elumeo, haben mit ihren IPOs insgesamt ein Volumen von 3,4 Milliarden Euro erzielt, zeigen Daten des Dienstleisters Dealogic. Damit macht der Markt in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr keine schlechte Figur. 2014 gab es im Vergleichszeitraum von Januar bis Anfang September neun Börsengänge, die aber nur ein Gesamtvolumen von 1,6 Milliarden Euro erreichten.
Mit dem Deal-Volumen bis Anfang September schafft es Deutschland auf Platz vier im Ranking der europäischen Emittenten. Deutlich davor liegen Spanien (9,4 Milliarden Euro verteilt auf sieben Transaktionen), Großbritannien (7,4 Milliarden Euro) und Frankreich (3,6 Milliarden Euro). Zwar kann Spanien das größte IPO-Volumen verbuchen, deutlich aktiver sind jedoch die IPO-Märkte in Großbritannien und Frankreich mit 38 und 20 Börsengängen.
Covestro und Scout24 preschen vor
Manche Unternehmen planen einen IPO früher als erwartet: Überraschend früh kommt die Ankündigung von Bayer. Der Pharmakonzern will die Covestro, die frühere Bayer Material Science, noch im diesem Jahr an die Börse bringen. Bisher war lediglich von einem IPO bis Mitte des Jahres 2016 die Rede. Im Rahmen des IPOs sollen nur neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung angeboten werden. Der Erlös der Emission könnte bei 2 bis 3 Milliarden Euro liegen, der Unternehmenswert von Covestro wird auf 10 bis 12 Milliarden Euro geschätzt. Damit könnte es einer der größten deutschen Börsengänge seit Jahren werden.
Ebenso eilig hat es der Onlineportal-Betreiber Scout24, der im aktuellen Umfeld seinen zweiten Anlauf an die Börse nehmen will. Treibende Kraft sind dabei die Eigentümer des Unternehmens, die PE-Gesellschaften Hellman & Friedman und Blackstone. Das Angebot soll aus neuen und bereits bestehenden Aktien bestehen. Die bisherigen Eigentümer wollen nach bisheriger Aussage auch nach dem Börsengang weiterhin „einen signifikanten Anteil“ am Unternehmen halten. Auch hier könnte der IPO bereits in den nächsten Wochen erfolgen, sofern das Marktumfeld es zulässt.
Scout24 rechnet mit einem Nettoerlös von 200 Millionen Euro durch den IPO. Damit sollen die Verschuldung des Unternehmens abgebaut und die Finanzkraft und Eigenkapitalquote gestärkt werden. Scout 24 hatte einen ersten Anlauf in Richtung Börse im vergangenen Herbst aufgrund des volatilen Marktumfelds abgesagt.
Lange Kandidaten-Liste
Neben den bereits offiziell angekündigten Börsengängen gibt es noch eine Reihe weiterer Unternehmen, die als heiße Kandidaten für einen IPO in den kommenden Monaten gehandelt werden. Dazu gehören unter anderem der Automobilzulieferer Jost, der Dienstleister für die Automobilbranche Edag und auch das Startup-Unternehmen Hello Fresh, das dem Internetkonzern Rocket Internet gehört.
Auch die Reederei Hapag Lloyd wurde in den Medien wieder als Börsenaspirant ins Spiel gebracht. Allerdings hat der Konzern noch schwerer zu kämpfen als andere Unternehmen, da die Schiffsbranche stark von den Entwicklungen in China abhängig ist. Die derzeitigen Schwankungen dort machen einen Börsengang daher noch weniger planbar.
Nachholpotential im Herbst
Die Nachrichten aus China sind nicht die erste Krise des Jahres, die den IPO-Markt ins Wanken bringt. Die heikle Situation in Griechenland hatte im Sommer bereits einige Kandidaten im letzten Moment vom Schritt aufs Parkett abgehalten. Möglicherweise könnten die kommenden Wochen für einige die Möglichkeit bieten, den im Frühjahr verschobenen IPO noch nachzuholen. Die Modekette CBR Fashion hatte ihren für Anfang Juli geplanten Börsengang am Tag zuvor kurzfristig abgeblasen. Der Börsengang wurde bis auf weiteres verschoben. Aufgrund der Griechenland-Krise habe es nicht die nötige Investitionsbereitschaft gegeben, hieß es als Begründung. Kurz zuvor hatte auch der Windanlagenbetreiber Chorus Clean Energy den geplanten Börsengang ebenfalls bis auf weiteres verschoben.
Noch hat sich keines der Unternehmen zu einem neuen Zeitplan geäußert, Chorus Clean Energy hat lediglich betont, an den Plänen festhalten zu wollen. Gut vorbereitet dürften sie alle sein. Sollte der Herbst mit einigen erfolgreichen IPOs beginnen, könnte auch bei diesen Kandidaten möglicherweise wieder die Lust geweckt werden.
Info
Welche Unternehmen noch als mögliche IPO-Kandidaten gehandelt werden, sehen Sie in unserer Bildergalerie.
Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und Chefin vom Dienst bei DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.
