Wie bewerten Wirtschaftsprüfer in Zeiten des Coronavirus die Lagerbestände? Die Branche muss sich auf Veränderungen einstellen.

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22.04.20
Finanzabteilung

Bilanzierung: Wie Wirtschaftsprüfer mit Corona umgehen

Wie bewertet man Beteiligungen und Lagerbestände in Corona-Zeiten? Und wie bestellt man einen Wirtschaftsprüfer, wenn die Hauptversammlung nicht stattfinden kann? Die Corona-Pandemie stellt die Branche vor neue Herausforderungen.

Das erste Quartal des Jahres 2020 ist beendet, und für viele Unternehmen damit auch das erste Quartal des Geschäftsjahrs. Doch die Erstellung des Quartalsberichts dürfte diesmal alles andere als „Business as usual“ sein.

In den ersten drei Monaten des Jahres legte das Coronavirus immer weitere Teile des Wirtschaftslebens lahm, die Folgen sind bislang kaum abzusehen. Wie bildet man dies korrekt im Quartalsbericht ab? „Es gibt eine große Unsicherheit – sowohl in den Finanzabteilungen, wo die Abschlüsse entstehen, als auch auf Seiten der Wirtschaftsprüfer“, beobachtet Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). Das IDW veröffentlicht derzeit zur Orientierung regelmäßig fachliche Hinweise zum Umgang mit den Folgen des Coronavirus. 

Going Concern in Zeiten des Coronavirus

Ein ganz wesentlicher Punkt ist derzeit die Grundsatzfrage nach der Unternehmensfortführung („Going Concern“). Sie orientiert sich unter anderem daran, wie die langfristige Ertragslage und die Liquiditätssituation eines Unternehmens aussehen und ob es Anhaltspunkte dafür gibt, dass das Unternehmen auf eine Insolvenzantragspflicht zusteuern könnte. 

All diese Parameter wirbelt die Coronakrise ordentlich durcheinander. Das IDW hat als erste Orientierung eine Kategorisierung erstellt, durch die sich Unternehmen grob einteilen lassen: Sind sie von der Coronakrise betroffen oder nicht? Profitiert das Unternehmen geschäftlich vielleicht sogar von der Pandemie, wie es bei manchen Medizingüterherstellern der Fall ist? Und wenn es betroffen ist, kann das Unternehmen dann mittelfristig mit Nachholeffekten rechnen? Muss womöglich das gesamte Geschäftsmodell auf den Prüfstand? „Daraus lassen sich Rückschlüsse für die Frage nach dem Going Concern und nach möglichen Prognosen, beispielsweise im Lagebericht, ableiten“, sagt Naumann.

Bei der Frage nach der Liquiditätslage müssen der CFO und sein Wirtschaftsprüfer zudem berücksichtigen, ob durch die Coronakrise Folgen für Kreditverträge drohen, etwa weil Covenants gerissen werden. 

Wirtschaftsprüfer sollten Entlastungen berücksichtigen

Bei der Beurteilung der Lage sollten Unternehmen und Wirtschaftsprüfer auch mögliche Entlastungen einfließen lassen, etwa durch Kurzarbeitergeld oder durch staatliche Unterstützung. Ist der Antrag auf eine Hilfsmaßnahme bereits genehmigt, ist dies unproblematisch – doch was tun, wenn die Stützungsmaßnahme zwar in Aussicht gestellt, aber noch nicht bewilligt wurde?

Dann müsse man anhand der vorliegenden Fakten bewerten, wie wahrscheinlich eine Bewilligung sei, rät Naumann: „Dabei muss man sicherlich ein Unternehmen, das bereits vor Corona in der Krise war, anders beurteilen, als eines, bei dem die Schwierigkeiten eindeutig auf die Pandemie zurückzuführen sind.“

Letztlich sei der Kerngedanke der staatlichen Hilfen jedoch, ein Unternehmen aufzufangen. „Dies sollte man nicht im Zuge einer Prüfung konterkarieren, indem man einem Unternehmen die Überlebensfähigkeit nur deshalb abspricht, weil in Aussicht gestellte Hilfen noch nicht ausgezahlt wurden“, sagt Naumann. 

Wie werthaltig sind Lager und Beteiligungen?

Bei der Abschätzung der Corona-Folgen sollten Unternehmen zudem einen genauen Blick auf ihre Wertgegenstände werfen: Wie werthaltig sind beispielsweise Beteiligungen an anderen Unternehmen noch? Der Goodwill ist ohnehin eine häufige Fehlerquelle in der Bilanzierung – nun müssen sich Unternehmen fragen, ob womöglich die Folgen der Coronakrise Abschreibungen erforderlich machen. 

Auch bei Lagerbeständen müssen Unternehmen sich kritisch fragen, ob die Corona-Beschränkungen negative Auswirkungen haben – dies dürfte beispielsweise bei Unternehmen der Fall sein, die mit verderblichen Waren handeln. Die Wirtschaftsprüfer stehen derzeit auch vor der Herausforderung, dass sie materielle Vermögensgegenstände nicht vor Ort in Augenschein nehmen können, wie sonst beispielsweise durch Teilnahme an einer Inventur.

Die Inaugenscheinnahme kann auch durch Live-Übertragungen erfolgen.

Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher IDW

Hier kommt die Technik zu Hilfe: „Die Inaugenscheinnahme kann auch durch Live-Übertragungen erfolgen, beispielsweise über Drohnen“, sagt Naumann. Dabei sollten die Prüfer jedoch darauf achten, dass sie die Bildübertragung selbst steuern können, um Täuschungsversuche auszuschließen.

Wirtschaftsprüfer bestellen ohne Hauptversammlung?

Ein praktisches Problem stellt sich derzeit noch bei der verpflichtenden Prüferrotation. Diese sieht vor, dass Unternehmen, bei denen der Abschlussprüfer bereits seit 20 und mehr Jahren die Jahresabschlüsse prüft, diesem letztmalig am 16. Juni 2020 ein Prüfmandat für das laufende Geschäftsjahr erteilen dürfen. Dies geschieht üblicherweise auf der Hauptversammlung – doch viele Konzerne, die nicht auf eine virtuelle Hauptversammlung ausweichen, haben die Versammlung zunächst verschoben.

„Hier entwickelt sich gerade die Auslegung, dass der amtierende Prüfer das Unternehmen unabhängig vom Zeitpunkt der Bestellung noch für 2020, aber nicht darüber hinaus prüfen darf“, sagt Naumann. Dies sei letztlich der Kerngedanke der EU-Verordnung zur Prüferrotation – das Enddatum im Juni leite sich allein vom Tag des Inkrafttretens ab. „In der Praxis hat es keinen Einfluss auf die Qualität und Unabhängigkeit eines Prüfers, ob er nun im Juni oder erst im September bestellt wurde“, sagt Naumann.

Insgesamt rät der IDW-Vorstandssprecher im Umgang mit der Krise zu größtmöglicher Transparenz: Bestehende Risiken müssten deutlich gemacht werden, mahnt er. „Wer das versäumt, riskiert sonst zusätzlich zur Belastung durch die Coronakrise noch einen Vertrauensverlust.“

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie Corona sich auf die unterschiedlichen Bereiche des Wirtschaftslebens auswirkt und wie die Marktteilnehmer damit umgehen, lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus, die wir fortlaufend aktualisieren.