Die Deutsche Telekom rüstet sich für neue Bilanzierungsregeln

Deutsche Telekom

24.06.14
Finanzabteilung

Deutsche Telekom: „IFRS 15 kostet uns Millionen“

Von Befürwortern als Meilenstein bezeichnet, von Kritikern als Absurdität: Der kürzlich verabschiedete Standard IFRS 15 spaltet die Buchhaltung. Klar ist, dass IFRS 15 die Bilanzierung grundlegend umkrempeln wird, denn er greift eine der wichtigsten Kennziffern an: Den Umsatz. Unternehmen versuchen dagegenzusteuern – allen voran die Deutsche Telekom.

„Als wir die erste Version der Vorschlags vor Jahren gelesen haben, löste das bei uns und im Übrigen auch bei den Analysten eine Welle des Unverständnisses aus“, erinnert sich Guillaume Maisondieu, Leiter Group Accounting & Customer Finance bei der Deutschen Telekom. „Der Standard wäre so kaum umsetzbar gewesen“.

Die Rede ist von IFRS 15, seit Anfang Juni endgültig vom International Accounting Standards Board IASB sowie Financial Accounting Standards Board FASB verabschiedet und einzuhalten ab Jahresbegin 2017. Aktuell ist dies das wichtigste Thema bei den Buchhaltern und bei der Telekom schon seit Jahren ganz oben auf der Agenda – kein Wunder, sind die Unternehmen der Telekommunikationsbranche ja auch mit am stärksten von den Änderungen betroffen.

IFRS 15 sollte eigentlich Klarheit und Vergleichbarkeit schaffen, denn der Standard definiert detailliert, ab wann ein Umsatz als realisiert gilt, erklärt Uwe Harr, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei Ebner Stolz (Siehe Zahlenbeispiel in der Infobox). IFRS 15 betrifft alle Unternehmen und alle Arten von Umsätzen, insbesondere sogenannte Mehrkomponenten-Geschäfte, bei denen Umsätze innerhalb eines Vertrags zu verschiedenen Zeitpunkten realisiert werden. Das gilt vor allem für solche Branchen wie Softwareentwicklung oder Telekommunikation. Dabei ist beispielsweise zu überlegen, wie Telekomanbieter ihre Umsätze realisieren, wenn ihre Kunden zunächst direkt bei Vertragsabschluss ein stark subventioniertes Handy erhalten, anschließend aber (hohe) monatlich Gebühren zahlen müssen.

Bilanzierungsspielraum wird enger

Während nach der alten Regelung Unternehmen einen großen Auslegungsspielraum hatten, zu welchem Zeitpunkt in welchem Umfang der Umsatz in der Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesen wird, gibt es künftig klare Vorgaben: Das Unternehmen muss die beiden Leistungen so betrachten, als hätte der Kunde sie einzeln gekauft. Auf Basis der Einzelveräußerungspreise, die in Summe oftmals höher sind als der Paketpreis, wird der Anteil berechnet, der auf die jeweilige Leistung fällt. Dieses Verhältnis wird genutzt, um die einzelnen Leistungen zu bilanzieren.

„Aufgrund der detaillierten Regelungen wird die Bilanzpolitik schwieriger und der Ermessensspielraum für die Unternehmen viel kleiner werden“, fürchtet Bilanzierungsexperte Harr. Vor allem aber steigt der Aufwand zur Umsetzung dieser detaillierten Regelungen. Für Telekomanbieter wird das bedeuten: Auf Einzelvertragsebene werden die Unternehmen neu prüfen müssen, mit welchem Anteil welche Leistungen wie in den Verkaufspreis eingeht und wann diese Leistungen realisiert werden können.

Die Telekom befürchtet bei Umsetzung des IFRS 15 auf Einzelvertragsebene daher einen kaum zu bewältigenden Aufwand: „Wir haben mehrere zehn Millionen individualisierter Mehrkomponentenverträge“, sagt Michael Brücks, Leiter Principles, Policies & Research bei der Telekom. „Auf Einzelvertragsebene wäre eine Umsetzung der Neuregelungen mit vertretbarem Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht machbar.“

Um das zu verhindern, hat sich die Telekom für einen Portfolio-Ansatz entschieden und sieht sich damit auch als Vorreiter für andere betroffene Unternehmen. Die Idee: Anstatt jeden Vertrag einzeln zu betrachten, versucht das Unternehmen, die Verträge in einzelne homogene Portfolios zusammenzufassen: „Wir sind zuversichtlich, zum Beispiel bei unserer deutschen Tochtergesellschaft die rund dreißig Millionen Mobilfunkverträge mit Privatkunden in eine sehr überschaubare Zahl von Portfolien zu überführen. Umsatzerlöse werden dann auf Ebene dieser Portfolien – und nicht auf Einzelvertragsebene – erfasst.“, erkärt Maisondieu. Der Standarsetzer IASB hat diese Lösung bereits akzeptiert.

Telekom: GuV wird unwichtiger werden

Trotzdem kommen auf den Dax-Konzern hohe Kosten zu: „Insgesamt wird uns die Umsetzung des neuen Standards einen zweistelligen Millionenbetrag kosten“, erwartet die Telekom. Und damit wird es nach dem Inkrafttreten am 1. Januar 2017 nicht getan sein. Die Telekom erwartet steigende Kosten Jahr für Jahr: Wenn Kunden zum Beispiel in laufenden Verträgen bestimmte Leistungen hinzufügen oder abbestellen, muss das Verhältnis der einzelnen Leistungen zueinander erneut neu berechnet und damit bilanziert werden.

Doch der gestiegene Aufwand ist nur eine Konsequenz der folgenreichen Weiterentwicklung der IFRS-Vorschriften. Auch wesentliche GuV-Kennzahlen werden sich merklich verändern. Im Extremfall könnten dadurch Covenants gerissen oder Unternehmen von Banken und Ratingagenturen schlechter bewertet werden, warnt Ebner-Stolz-Experte Harr.

Die Telekom sieht diesen Aspekt indes eher gelassen: Die Analysten wüssten schließlich Bescheid, die Umstellung sei gut kommuniziert worden, beruhigt der Konzern. Das eigentliche Problem liege woanders: „Im Endeffekt besteht das Risiko, dass Analysten die Bedeutung von Umsatzzahlen und damit der GuV in Zukunft relativieren, während die Cashflow-Rechnung stattdessen immer wichtiger werden wird“, erwartet Maisondieu. Für Profi-Investoren kein großes Problem, aber eine harte Nuss für Privatanleger.

julia.becker[at]finance-magazin.de

Ein Zahlenbeispiel: Ein Telekommunikationsunternehmen verkauft einen Vertrag, der zwei Leistungen enthält: Ein Mobiltelefon und eine monatliche Servicegebühr. Insgesamt zahlt der Kunde beispielsweise 20 Euro im Monat (also 240 Euro im Jahr). Das Unternehmen hatte bislang einen gewissen Spielraum bei der Bilanzierung und konnte so im Einzelfall entscheiden, in welcher Höhe es für die Zurverfügungstellung des Mobiltelefons sofort einen Umsatz ansetzt. Im Extremfall hatte das Unternehmen monatlich einen Umsatz von 20 Euro als Servicegebühr realisiert.

Mit IFRS 15 muss das Unternehmen sich aber nun zwingend überlegen, wie teuer die einzelnen Leistungen bei Einzelveräußerung wären: Würde der Kunde die Leistungen separat kaufen (auch wenn dies im Geschäftsmodell des Telekommunikationsunternehmens gar nicht möglich ist), würde das Telefon zum Beispiel 120 Euro kosten und die monatliche Zahlung im Jahr ebenfalls bei 120 Euro liegen – beide Leistungen zusammen würden dann 240 Euro kosten. Das Verhältnis, in dem die beiden Leistungen in den Gesamtpreis eingehen, liegt in diesem Beispiel bei 50:50. Und dieses Verhältnis wird nach IFRS 15 jetzt auch zugrunde gelegt, wenn der Paketgesamtpreis von 240 Euro bilanziert werden soll: 120 Euro werden direkt bei Abschluss des Vertrags für das Handy realisiert, die restlichen 120 Euro werden über den Zeitraum von einem Jahr mit 10 Euro pro Monat erfasst.

Betroffen von den Änderungen sind nicht nur Telekommunikationsunternehmen oder andere Branchen mit Mehrkomponenten-Geschäften, sondern auch alle, bei denen durch den Verkauf einer Leistung zukünftige Leistungsverpflichtungen entstehen. Dazu zählen unter anderem Bonusprogramme (zum Beispiel Vielflieger), Kundenkarten (zum Beispiel Payback) oder gewisse Garantieversprechen.

Es herrscht viel Bewegung bei den internationalen Bilanzierungsregeln IFRS. Welche Neuerungen gibt es, welche Unternehmen sind besonders betroffen und wie gehen CFOs die Umstellungen am besten an? Bleiben Sie auf dem Laufenden mit der FINANCE-Themenseite zu IFRS.