Die Deutsche Bank musste 2015 rund 4,9 Milliarden Euro Goodwill abschreiben.

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28.09.16
Finanzabteilung

Goodwill-Abschreibungen steigen auf Rekordwert

Deutsche Unternehmen haben im vergangenen Jahr so hohe Abschreibungen auf den Goodwill vornehmen müssen wie nie zuvor. Das liegt in erster Linie an zwei Dax-Konzernen.

Die Zahlen klingen auf den ersten Blick alarmierend: Die Abschreibungen deutscher Unternehmen auf immaterielle Vermögensposten, den sogenannten Goodwill, haben sich 2015 gegenüber dem Vorjahr von 1,5 auf 11,7 Milliarden Euro verachtfacht. Das ergibt die jetzt in Frankfurt vorgestellte „Goodwill Impairment Studie“ des Beratungsunternehmens Duff & Phelps. Für die Studie wurden auf Basis der Daten von S&P Capital IQ die 694 hierzulande börsennotierten Unternehmen mit Sitz in Deutschland analysiert.

Doch ist der hohe Abschreibungsbedarf ein Grund zur Sorge? „Die hohen Goodwill-Abschreibungen darf man nicht als Krisensignal für die Gesamtheit der Unternehmen interpretieren”, betont Hartmut Paulus, Managing Director Valuation Advisory Services bei Duff & Phelps. Vielmehr seien es zwei Dax-Konzerne, die den Wert in diesem Jahr in die Höhe trieben: Allein die Deutsche Bank musste der Analyse zufolge im vergangenen Jahr Goodwill-Abschreibungen von 4,9 Milliarden Euro vermelden. Der Energieversorger E.on musste 4,8 Milliarden Euro an Goodwill abschreiben.

„Der Anstieg begründet sich durch besondere krisenhafte Umstände bei einzelnen Unternehmen“, sagt Paulus. Insgesamt haben 2015 von den deutschen Unternehmen, die Goodwill in der Bilanz stehen haben, nur 13,7 Prozent Abschreibungen auf diesen Posten vornehmen müssen.

Hohe Abschreibungen bei Deutscher Bank, E.on und Telekom

Nimmt man die Goodwill-Abschreibungen von 2011 bis 2015 zusammen, musste die Deutsche Telekom mit insgesamt 6,8 Milliarden Euro die höchste Wertminderung vornehmen. Der größte Teil davon hängt an einem Unternehmenszusammenschluss der US-Tochter mit einem Wettbewerber im Jahr 2012. Die Deutsche Bank hat in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 6,7 Milliarden Euro an Goodwill abschreiben müssen, unter anderem für Wertberichtigungen bei der Postbank.

Auch in diesem Jahr wird die Deutsche Bank wieder Goodwill abschreiben müssen, wie heute bekannt wurde: Der geplante Verkauf des britischen Versicherers Abbey Life an die Phoenix Life Holdings zum Preis von 935 Millionen Britischen Pfund wird einer Meldung der Deutschen Bank zufolge zu einem voraussichtlichen Vorsteuerverlust von 800 Millionen Euro führen. Hauptgrund dafür sei eine Wertminderung auf den Geschäfts- oder Firmenwert sowie auf sonstige immaterielle Vermögenswerte. Die dritthöchsten Goodwill-Abschreibungen der vergangenen fünf Jahre vermeldete E.on mit 5,4 Milliarden Euro.

Insgesamt wiesen derzeit 69 Prozent der börsennotierten unternehmen Goodwill aus, darunter überproportional viele Dax-Konzerne. Seit 2014 gibt es Duff & Phelps zufolge kein Unternehmen mehr im Dax, das keinen Goodwill ausweist. Der Gesamtbetrag des ausgewiesenen Goodwill hat sich zwischen 2005 und 2015 von 151 auf 314 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.

Goodwill teils höher als Eigenkapital

Bei einigen Unternehmen repräsentiert der Goodwill der Studie zufolge inzwischen den bedeutsamsten Bilanzposten. Bei SAP macht der Goodwill etwa 54,8 Prozent der Gesamtvermögenswerte aus, bei Fresenius Medial Care und der Fresenius SE sind es jeweils rund 50 Prozent. Die Ursache dafür sieht Paulus neben der hohen M&A-Aktivität auch darin, dass das Geschäftsmodell dieser Firmen vergleichsweise wenige Vermögenswerte wie Maschinen oder Anlagen umfasst, dadurch steigt die Quote.

Mitunter übersteigt der Goodwill sogar das bilanzielle Eigenkapital der Unternehmen: Bei Pro Sieben Sat.1 repräsentiert der Betrag von 1,65 Milliarden Euro in Relation rund 175,5 Prozent des Eigenkapitals, bei RWE macht der Goodwill von knapp 12 Milliarden Euro etwa 134,7 Prozent des Eigenkapitals aus. Das ist zwar kein generelles Alarmsignal, kann allerdings schnell zu Problemen führen, wenn größere Abschreibungen notwendig werden.

Standardsetzer diskutieren über Goodwill-Bilanzierung

Dass der Goodwill derart gestiegen ist, liegt zum einen an der regen M&A-Tätigkeit der vergangenen Jahre. Doch auch veränderte Bilanzierungsvorschriften spielen eine Rolle: Seit einer Änderung des IFRS-Standards im Jahr 2004 wird der Goodwill nicht mehr über 15 Jahre planmäßig abgeschrieben, sondern verringert sich nur durch außerplanmäßige Abschreibungen, wenn eine Wertminderung eintritt. Die Unternehmen müssen in jährlichen sogenannten Impairment-Tests prüfen, ob eine solche Wertminderung vorliegt.

Bei der Goodwill-Bilanzierung haben die Unternehmen an mehreren Stellen einen Ermessensspielraum – entsprechend gilt die Bilanzierung als anspruchsvoll. Das Thema Goodwill-Bilanzierung zählt zu den Punkten, die regelmäßig durch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung beanstandet werden. Auch der Standardsetzer IASB prüft daher, ob Veränderungen an der aktuellen Impairment-Praxis notwendig sind.

Zum Zeitpunkt der Analyse 2015 war Duff & Phelps zufolge der VW-Konzern das Unternehmen, das mit insgesamt 23,6 Milliarden Euro den nominal höchsten Goodwill-Posten in der Bilanz stehen hatte, gefolgt von Siemens mit 23,2 Milliarden Euro. Der Pharmakonzern Bayer, der momentan etwa 16 Milliarden Euro Goodwill in der Bilanz hat, dürfte beide aber bald überholen: Durch die Übernahme von Monsanto, die mit rund 58 Milliarden Euro bewertet wird, könnten Schätzungen von Duff & Phelps zufolge bis zu 20 Milliarden Euro an Goodwill hinzu kommen. Aufgrund der großen M&A-Aktivität deutscher Unternehmen erwarten die Experten auch für den Markt insgesamt, dass die Kennziffer auch für die Gesamtheit der börsennotierten deutschen Unternehmen in Summe weiter steigt.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de