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Neue Vorwürfe: Bilanzaffäre bei Gerresheimer weitet sich aus

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Die Bafin will ihre Bilanzprüfung bei Gerresheimer wegen neuer Verdachtspunkte ausweiten. Foto: Mojahid Mottakin - stock.adobe.com
Die Bafin will ihre Bilanzprüfung bei Gerresheimer wegen neuer Verdachtspunkte ausweiten. Foto: Mojahid Mottakin - stock.adobe.com

Gerresheimer kommt nicht zur Ruhe: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) will ihre Bilanzkontrolle bei Gerresheimer ausweiten. Das teilte der Hersteller von Glas- und Kunststoffverpackungen für die Pharma- und Kosmetikindustrie am gestrigen Mittwochabend nach Börsenschluss ad-hoc mit.

Demnach hat die Bafin angekündigt, die im vergangenen Herbst eingeleitete Prüfung des Konzernabschlusses und des zugehörigen Konzernlageberichts für das Geschäftsjahr 2023/2024  auszuweiten und zusätzlich den Halbjahresbericht des Geschäftsjahres 2024/2025 in den Blick zu nehmen.

Ursprünglich wollte die Bafin nur prüfen, ob die 2023/2024 erfassten Bill-and-Hold-Umsätze korrekt verbucht wurden. Gerresheimer räumte später Fehler ein und kündigte kurz vor Weihnachten an, sämtliche Bill-and-Hold-Umsätze in Höhe von 28 Millionen Euro im Konzernabschluss 2023/2024 zu korrigieren und künftig auf solche Vereinbarungen zu verzichten. 

Bafin prüft weitere Teile des Gerresheimer-Abschlusses

Nun wollen die Bafin-Aufseher drei weiteren möglichen Bilanzverstößen nachgehen, für die sie konkrete Anhaltspunkte sehen. Demnach sind die Leasingverbindlichkeiten von 65,5 Millionen Euro und/oder die im Anhang angegebenen, mit den Leasingverbindlichkeiten korrespondierenden nicht diskontierten Zahlungsverpflichtungen möglicherweise fehlerhaft.

Der zweite Punkt betrifft die aktivierten Entwicklungskosten, die einen Buchwert von 29,4 Millionen Euro haben. Hier wurden womöglich die Nutzungsdauern falsch ausgewiesen.

Betroffen sind drittens auch Vermögenswerte des Segments Advanced Technologies, die in der Bilanz mit einem Buchwert von 196,5 Millionen Euro ausgewiesen sind. Es steht der Verdacht im Raum, dass sie eventuell im Wert gemindert waren, Gerresheimer das aber nicht erfasst hat.

Konkret geht es hierbei um Abschreibungen bei der Sensile Medical AG. Gerresheimer hatte am 10. Februar 2026 für den Konzernabschluss 2025 Wertminderungen in Höhe von 220 bis 240 Millionen Euro angekündigt. Neben Sensile Medical betreffen sie unter anderem auch Vermögenswerte der Gerresheimer Moulded Glass Chicago Inc.

Wurden Risiken nach Bormioli-Kauf falsch eingeschätzt?

Die Bafin will zudem den Halbjahresbericht für das Geschäftsjahr 2024/2025 (1.12.2024 bis 31.05.2025) prüfen. Auch hier geht es um eventuell falsch erfasste Umsatzerlöse und -kosten bei Bill-and-Hold-Vereinbarungen und nicht erfolgte Wertminderungen von Vermögenswerten.

Zu allem Überfluss ist Gerresheimers Risikobeurteilung ebenfalls ins Visier der Finanzdienstleistungsaufsicht gerückt: Demnach sieht die Bafin konkrete Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Risikoeinschätzungen wegen der Finanzierung der Bormioli-Pharma-Übernahme nicht mehr korrekt waren. Der Kauf wurde vollständig in bar bezahlt und durch einen Bridge Loan mit zweijähriger Laufzeit finanziert. Gerresheimer hatte später im Halbjahresfinanzbericht 2025 die Risiken aus Akquisitionen, Desinvestitionen und Kooperationen sowie das Liquiditätsrisiko weiterhin als gering eingestuft.

DSW will Schadensersatzansprüche prüfen

Die Anlegerschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) haben infolge der jüngsten Nachrichten angekündigt, mögliche Schadensersatzansprüche prüfen zu wollen. Demnach hat sich die Schutzvereinigung bereits in den vergangenen Monaten mit der Verantwortlichkeit der Organe – konkret des ehemaligen Vorstandes sowie der Mitglieder des Aufsichtsrates, insbesondere des Prüfungsausschusses – auseinandergesetzt und hierzu auch ein Gutachten eingeholt.

„Mit der nun angekündigten Ausweitung der Bafin-Prüfung auf weitere Sachverhalte sieht die DSW nunmehr ein Maß erreicht, das eine koordinierte Prüfung und Geltendmachung möglicher Schadensersatzansprüche im Interesse betroffener Aktionäre erforderlich erscheinen lässt“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Die Gerresheimer-Aktie hat am heutigen Donnerstagvormittag nach Bekanntwerden der erweiterten Bilanzprüfung erneut zweistellig verloren. Auf Jahressicht ist das Papier um rund 80 Prozent eingebrochen. MWB Research hat die Aktie mittlerweile auf „Sell“ gesetzt. Auch UBS hatte das vor wenigen Tagen getan.

Lena Scherer ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Publizistik, Anglistik und Komparatistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert und nebenbei für verschiedene Redaktionen gearbeitet. Bevor sie zu FINANCE kam, war sie mehr als acht Jahre lang beim Branchen-Fachdienst buchreport aktiv, zuletzt als Co-Chefredakteurin. Dort hat sie unter anderem Marktanalysen vorgenommen sowie die Bereiche Fachinformation, Recht/Wirtschaft/Steuern und Digitales betreut.