Banker auf Jobsuche: Sind die Treasury-Teams des Mittelstands das gelobte Land?

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17.10.19
Finanzabteilung

„Die größte Banker-Wechselwelle seit zehn Jahren”

Die Banken setzen zu Tausenden Mitarbeiter vor die Tür, auch Kredit- und Treasury-Spezialisten. Finden diese in den Finanzabteilungen der Realwirtschaft Zuflucht?

Commerzbank, Deutsche Bank, HSBC: Viele große Banken haben ihre Sparprogramme verschärft und setzen jetzt tiefe Schnitte. Die Bankenszene ist aufgescheucht: „Der Banker-Arbeitsmarkt ist in Bewegung gekommen. Bei vielen Bankern ist die Bereitschaft, aus der Lage der Branche persönliche Konsequenzen zu ziehen, gewachsen“, berichtet Amra Ljaic, Bereichsleiterin für Banking bei dem Personaldienstleister Hays. „So eine Welle wechselinteressierter Banker wie jetzt habe ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen“, ergänzt die Recruiterin.

Position der Banker am Arbeitsmarkt ist nicht gut

Das scheint dazu geführt zu haben, dass die Finanzbranche einige der wenigen ist, in denen Fachkräftemangel und Vollbeschäftigung den Arbeitsmarkt noch nicht leergefegt haben, im Gegenteil: Unternehmen, die sich mit Bankern verstärken wollen, sind in den zurückliegenden Wochen in eine deutlich bessere Such- und Verhandlungsposition gekommen. „Sie finden ein großes Angebot an Bankern vor, die mit dem Thema Banking innerlich abgeschlossen haben“, sagt Ljaic.

Tatsächlich überlagert sich der Exodus in den Banktürmen mit einem anderen Trend: Die Nachfrage nach Corporate-Treasury-Experten ist derzeit so hoch wie lange nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, dass Mittelständler das „Insourcing“ klassischer Bankfunktionen forcieren. Dazu zählen Themen wie Absatzfinanzierung, Hedging oder die Verwaltung betrieblicher Pensionskassen. Die für diese Aufgaben zuständigen Neuzugänge kommen nicht selten aus den Banken. Personalberaterin Ljaic hält diesen Trend für nachhaltig und rechnet damit, „dass auch die Nachfrage nach personeller Verstärkung aus dem Banking länger anhalten wird“.

„Es gibt ein großes Angebot an Bankern, die mit dem Thema Banking innerlich abgeschlossen haben.“

Amra Ljaic, Bereichsleiterin Banking bei Hays

Könnten Sie als Banker sich einen Wechsel als Treasurer in die Realwirtschaft vorstellen?

Diese Fähigkeiten sind am Arbeitsmarkt gefragt

Aber welche Kompetenzen sind am Treasury-Markt gerade besonders gefragt? Im aktuellen Konjunkturumfeld gewinnt die Liquiditätsplanung wieder an Gewicht. Ljaic nennt auf Nachfrage aber auch Risikomanagement, Kreditbewertung und Beteiligungscontrolling.

Die Recruiterin stellt aber vor allem das grundlegende Setup der Kandidaten in den Vordergrund: „Reine Produktexperten sind nicht gefragt, sondern Banker mit speziellen Kenntnissen und einem breiten Wissen über Treasury- und Finanzierungsthemen. Das trifft interessanterweise vor allem auf klassische Firmenkundenbetreuer zu.“ Just in dieser Berufsgruppe ist der Wechselwille weit verbreitet. Schon im Herbst vor einem Jahr zeigte sich in einer Umfrage des FINANCE Think Tanks jeder dritte Firmenkundenbanker offen für einen Jobwechsel.

Doch so groß das Bewerberfeld sein mag – die Schnittmenge zwischen dem Angebot und der spezifischen Nachfrage auf Corporate-Seite ist vermutlich kleiner, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn wenn Treasury-Teams ihre Verstärkung in Banken rekrutieren, ist das in der Regel nicht billig. Diese Neuzugänge müssen vom Start weg „funktionieren“ und ihren neuen Arbeitgebern einen klaren Mehrwert bringen.

Flucht vor agilen Prozessen dürfte scheitern

Reine Produktexperten – etwa für Zahlungsverkehr, Risiko- oder Asset-Management – einzustellen, können sich de facto ausschließlich Konzerne mit großen Treasury-Abteilungen leisten. Davon gibt es in Deutschland nur ein paar Dutzend. Firmenkundenbanker hingegen, die zwar über einen guten Überblick, aber kaum Spezialkenntnisse verfügen, helfen insbesondere den schlanker aufgestellten Treasury-Teams nur bedingt weiter. Dort arbeiten die Treasurer sehr operativ, oft an mehreren Stellen gleichzeitig.

Hinzu kommt: Gerade für die Leitungspositionen im Treasury suchen Unternehmen verstärkt Finanzexperten mit Digitalkenntnissen. Sie sollen einerseits Automatisierungsprojekte stemmen, um die Effizienz der Abteilung weiter zu erhöhen. Zugleich hat die Digitalisierung des Kerngeschäfts auch Folgen für klassische Treasury-Aufgaben wie etwa Finanzierung oder Zahlungsverkehr. Über das dafür wichtige IT-Knowhow verfügen die Banker allerdings nur eingeschränkt.

Ein weiteres Hindernis bei den aktuellen Wechselplänen mancher Banker ist das Thema Agilität. Dieses ist unter vielen Bankern alles andere als populär. Amra Ljaic spricht aber eine klare Warnung aus: „Auch immer mehr Unternehmen setzen auf Agilität. Die Offenheit für dieses Thema machen sie bei Neueinstellungen zur Bedingung. Banker, die ihre Bank verlassen wollen, um dem Vormarsch agiler Prozesse zu entkommen, dürfen sich keine Illusionen machen: Auf Corporate-Seite wird ihnen dieses Thema wieder begegnen.“

Könnten Sie als CFO oder Treasurer sich vorstellen, einen geschassten Banker in Ihr Team zu holen?

Die Gehaltslücke wird kleiner

Allerdings haben sich zwei zentrale Aspekte auch so entwickelt, dass sie die Kluft zwischen den beiden Welten schmaler gemacht haben: Image und Bezahlung. „Die Vorbehalte auf Industrieseite gegenüber Banken haben sich überholt“, glaubt Ljaic. „Und die Kulturunterschiede sind ebenfalls kleiner geworden.“

Gleiches gelte für die Gehaltsunterschiede: „Seitdem die Banken die Boni kappen, wird auch die traditionelle Gehaltslücke zwischen der Realwirtschaft und der Finanzindustrie immer kleiner.“ Dass sich dies in naher Zukunft wieder ändern wird, ist nicht abzusehen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de