Das Berliner Fintech Labest sieht besonders im Onlinehandel großen Finanzierungsbedarf. Mit der totgeglaubten Kreditform des Lagerbestandskredits wollen Dirk Piethe und Stefan Franke die Lücke schließen.

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21.05.19
Finanzierungen

Fintech will Lagerbestandskredit wiederbeleben

Dirk Piethe, Gründer des Fintechs Labest, will den Lagerbestand wieder als Liquiditätsquelle erschließbar machen. Das sind seine Pläne.

Herr Piethe, Sie und Ihr Mitgründer Stefan Franke sind 2016 mit Ihrem Fintech Labest angetreten, um eine totgeglaubte Kreditform wiederzubeleben. Warum ausgerechnet Lagerfinanzierung?

Aufgrund unseres Hintergrunds – ich war viele Jahre im Bankgeschäft tätig, Stefan Franke kommt aus der Logistik – sind uns zwei Dinge bewusst: Zum einen wissen wir, dass der Digitalisierungsgrad in der Logistik sehr hoch ist. Vom Einkaufspreis über die Warenein- und -ausgangsdaten bis hin zu Haltbarkeitsdaten ist alles gut erfasst und transparent. All diese Informationen werden aber ausschließlich logistisch genutzt. Dabei wären sie für Finanzierungszwecke mindestens genauso geeignet.

Die meisten Banken sehen das anders.

Das liegt daran, dass Banken auf diese Warenlagerdaten nicht wirklich zugreifen. Deshalb spielen die Lager für die Finanzierung bisher nahezu keine Rolle. Wir helfen Unternehmen und ihren Banken nun aber, Lagerbestände in Echtzeit zu erfassen. In einem zweiten Schritt bilden wir aus bis zu drei Marktpreisen, die wir uns online holen, einen Durchschnittspreis, um so den aktuellen Warenwert zu berechnen – sogar mehrmals am Tag. Dieser immer aktuelle Warenlagerwert kann als Sicherheit zum Beispiel für Betriebsmittelkredite herangezogen werden.

Datentransparenz als Argument für den CFO

Eigentlich dürfte der Wert des Warenlagers sowohl der Bank als auch dem Unternehmen bekannt sein. Warum sollte Ihre Echtzeiterfassung der Lagerfinanzierung jetzt zu einem Comeback verhelfen?

Unternehmer mussten bislang ständig neue Zahlen zum Warenlagerbestand produzieren und liefern, wenn sie darüber eine Finanzierung laufen ließen. Unser Tool entlastet sie dabei – aber auch die Banken, bei denen die Verarbeitung von Warenbestandslisten bislang einen riesigen Aufwand erzeugt. Das ist mit ein Grund, warum die Kreditmargen in diesem Bereich meist nicht auskömmlich sind. Das kann sich nun ändern, denn die deutlich höhere Transparenz bei gleichzeitig sinkendem Aufwand sind Argumente, die den Kreditentscheider einer Bank überzeugen.

Mit welchen Abteilungen bei Banken und Unternehmenskunden arbeiten Sie?

Meist ist unser erster Ansprechpartner die Finanzabteilung des Unternehmens. Später kommen die IT und die Logistikabteilung dazu, die bei der Systemanbindung unterstützen. Bei den Banken ist unser erster Kontakt in der Regel ein Mitglied des Risiko-Controllings. In seltenen Fällen kommt auch die Firmenkundenabteilung auf uns zu. Konkret wird es aber erst dann, wenn das Risiko-Controlling den Mehrwert sieht.

Labest will die Fehler anderer Fintechs vermeiden

Finanzierungen welcher Größenordnung bahnen Sie an?

Die abgefragten Volumina fangen bei 500.000 Euro an, häufig liegen sie aber im zweistelligen Millionenbereich. Das betrifft in der Regel Unternehmen mit einer jährlichen Umsatzgröße ab 3 Millionen Euro. Das liegt an der hohen Skalierbarkeit unseres Systems. Je größer das Lager und die Finanzierung sind, desto mehr Nutzen kann Labest bringen.

Partner Ihrer Pilotprojekte ist die Erste Bank aus Österreich. Wie genau arbeiten Sie zusammen?

Wir und die Erste Bank haben viele Erfahrungen zum Einsatz unserer Technik mit Unternehmen gewonnen, aber auch wertvolle Hinweise zur Optimierung der Prozesse dahinter. Mit der Media-Shop-Gruppe als Kreditnehmer haben wir auch schon eine Referenztransaktion aufgesetzt, die neuen Banken und Unternehmenskunden als Praxisbeispiel dienen kann. Fintechs unterschätzen diesen Schritt oft.

Für unsere Marschrichtung sind solche Partnerschaften aber zentral: Mit jeder neuen Partnerbank gehen wir zunächst in die Pilotierung, um dann aus der Praxis heraus die Unternehmen zu überzeugen.

„Wir rechnen für dieses Jahr, ein Kreditvolumen von rund 300 Millionen Euro zu vermitteln.“

Wie viele Partnerbanken haben Sie aktuell?

Wir arbeiten mit zwei weiteren Banken enger zusammen und befinden uns aktuell in fortgeschrittenen Gesprächen mit drei weiteren Instituten. Über die Kooperation mit der Erste Bank ist es uns auch gelungen, neue Kunden zu gewinnen, so dass wir für dieses Jahr damit rechnen, im fortlaufenden Geschäft ein Kreditvolumen von rund 300 Millionen Euro zu vermitteln. Die meisten Anfragen, die wir erhalten, kommen aus der DACH-Region, aber bei weitem nicht alle: Großbritannien, die Benelux-Länder sowie Frankreich und die Schweiz haben einen historisch anderen Bezug zu Inventory Finance und Asset Based Lending. Daher erhalten wir auch aus diesen Ländern Anfragen – und seit Mitte April auch aus Italien.

Werden Sie ab September diesen Jahres auch auf Open-Banking-Plattformen von Banken präsent sein?

Ja, wir werden Labest zunächst auf der Open-Banking-Plattform der Ersten Bank anbieten, befinden uns aber auch schon mit weiteren Banken in Gesprächen, um Labest auch auf deren Plattformen zu platzieren. Mittelfristig hoffen wir, auch alternative Finanzierer wie Private-Debt-Anbieter anbinden zu können.

dominik.ploner[at]finance-magazin.de