Der E-Ladesäulenhersteller Compleo geht kommende Woche an die Börse. Co-CEO und CFO Georg Griesemann erklärt im Gespräch mit FINANCE, was das Unternehmen mit dem Erlös erreichen will.

Compleo

15.10.20
Finanzierungen

Compleo-CFO Griesemann: „Mit dem Markt für E-Autos wachsen“

Ein Greentech strebt an die Börse: Compleo will um die 50 Millionen Euro einsammeln. Co-CEO und CFO Georg Griesemann erklärt, was der Ladesäulenhersteller mit dem Erlös vorhat.

Der nächste Börsengang auf dem Frankfurter Parkett steht an. Der Kandidat ist Compleo Charging Solutions, ein mittelständischer E-Ladesäulenhersteller aus Dortmund. 900.000 neue Aktien will das Unternehmen über eine Kapitalerhöhung platzieren, erster Handelstag soll der 21. Oktober sein. In der Mitte der recht breiten Preisspanne, die zwischen 44 und 59 Euro liegt, würde das für Compleo einen Bruttoerlös von 46 Millionen Euro bedeuten – eine stolze Summe für ein Unternehmen, dessen Marktkapitalisierung bei vollständiger Platzierung aller Aktien zwischen 151 und 202 Millionen Euro liegen könnte.

Die Ambitionen des Börsenkandidaten sind groß: Wachstum steht auf der Agenda. Das Thema Elektromobilität wird in den künftigen Jahren zweifelsohne Fahrt aufnehmen. Dafür sorgt nicht zuletzt die Politik. Das Unternehmen, das aus der 2009 gegründeten EBG-Gruppe entstanden ist, will mitmischen. Wie genau, erklärt Co-CEO und CFO Georg Griesemann gegenüber FINANCE.

Rolf Elgeti bei Compleo an Bord

Griesemann spricht für Compleo nicht nur als Co-CEO und CFO. Er und seine Managementkollegen Checrallah Kachouh, Co-CEO & CTO, sowie COO Jens Stolze gehören auch zu den bisherigen Gesellschaftern. Die drei waren 2019 im Rahmen eines Management-Buy-outs bei Compleo eingestiegen. Zu den weiteren Aktionären gehört neben Aufsichtsratschef Dag Hagby noch ein weiterer bekannter Name: Obotritia Capital, das Investmentvehikel des Unternehmers Rolf Elgeti. Elgeti und Griesemann sind alte Bekannte: Griesemann war von 2012 bis 2014 CFO des MDax-Unternehmens TAG-Immobilien. In der Zeit hatte Elgeti dort noch den Vorstandsvorsitz inne.

Das Management, der Aufsichtsratsvorsitzende Hagby und Elgeti halten etwa jeweils ein Drittel an dem Unternehmen. Neben den 900.000 neuen Aktien aus der Kapitalerhöhung wollen sich auch die bestehenden Aktionäre im Zuge des IPO von Papieren trennen. Das Basisangebot umfasst 180.000 Aktien aus ihrem Bestand, im Zuge einer Aufstockungs- und einer Mehrzuteilungsoption können noch einmal bis zu 576.000 Aktien dazukommen. Der Streubesitz könnte nach der vollständigen Platzierung bei bis zu 48 Prozent liegen. 

Der Fokus liegt jedoch auf der Kapitalerhöhung: „Die Platzierung neuer Aktien steht für uns bei der Transaktion im Mittelpunkt“, formuliert es Co-CEO und CFO Georg Griesemann im Gespräch mit FINANCE. Das Unternehmen will mit dem IPO-Erlös vor allem weiter wachsen. Auch nach dem Börsengang werden die Alteigentümer wesentlich in Compleo investiert bleiben.

„Die Platzierung neuer Aktien steht für uns bei der Transaktion im Mittelpunkt.“

Compleo verdoppelt Umsatz

Der Ladesäulenhersteller spürt den Wachstumsschub am Markt für E-Mobilität bereits jetzt. Im ersten Halbjahr hat das Unternehmen seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum fast verdoppelt, wenn auch ausgehend von einem noch niedrigen Niveau: er lag bei 14,3 Millionen Euro, 2019 waren es im ersten Halbjahr nur 7,2 Millionen Euro, im Gesamtjahr etwas über 15 Millionen Euro. Laut Compleo waren zum 1. Januar in Deutschland knapp 240.000 E-Autos angemeldet. Das Unternehmen rechnet bis zum Jahr 2040 mit einem Anstieg auf etwa 36 Millionen solcher Fahrzeuge. An dem Aufschwung will Compleo partizipieren: „Wir werden mit dem Markt für E-Autos wachsen“, so der CFO.

Die Dortmunder sind aber natürlich längst nicht das einzige Unternehmen, das auf diesen Wachstumstrend spekuliert. In dem Markt mischen neben mittelständischen Unternehmen auch Großkonzerne wie ABB, Siemens oder Schneider Electric mit. Auch die Stromkonzerne sind zum Teil in dem Geschäft aktiv.

Compleo selbst hat in Deutschland rund 22.000 Ladepunkte ausgeliefert, im Ausland etwa 3.000. „Wir möchten damit punkten, dass wir ein Pure-Play-Anbieter sind, der zudem unabhängig ist“, sagt Griesemann. Zu den Kunden des Mittelständlers gehören namhafte Kunden wie Deutsche Post, Siemens, Telekom oder auch deutsche Automobilhersteller, die aber nicht namentlich bekannt sind. Zudem zählen über 150 Stadtwerke zu den Kunden. 

Compleo entwickelt und baut Ladeinfrastruktur

Konkret funktioniert Compleos Geschäftsmodell so: Die Dortmunder entwickeln und bauen Ladesäulen für Elektrofahrzeuge – und zwar sowohl für Wechsel (AC)- als auch Gleichstrom (DC)-Ladelösungen. Das umfasst sowohl die Produktion der Ladesäule selbst wie auch die dafür notwendige Software. „Auf den Verkauf der Hard- und Software entfällt ein Großteil unseres Umsatzes“, so Griesemann. Er beziffert den Anteil auf rund 70 Prozent. 

„Wir übergeben die Ladeinfrastruktur schlüsselfertig an den Ladesäulenbetreiber.“

Georg Griesemann, Co-CEO und CFO bei Compleo

Darüber hinaus übernimmt Compleo auch den Bau und die Projektierung der Ladesäulen am jeweiligen Standort. „Wir übergeben die Ladeinfrastruktur schlüsselfertig an den Ladesäulenbetreiber“, erklärt er. Der kleinste Teil des Umsatzes entfällt derzeit noch auf Service- und Wartungen. „Wir gehen aber davon aus, dass dieses Geschäft in Zukunft zunehmen wird“, meint der CFO.

Compleo will Forschung und Entwicklung vorantreiben

Den Erlös aus dem Börsengang will das Management von Compleo in drei Bereiche fließen lassen. Dazu zählt zum einen die Weiterentwicklung der Technologie. „Das Segment ist für unser Haus extrem wichtig, wir haben in den vergangenen Jahren zwischen 10 und 20 Prozent unseres Umsatzes in F&E“ gesteckt, sagt er.

Die Folge der hohen Entwicklungsaktivitäten: Unter dem Strich weist das Unternehmen noch kein positives Ergebnis auf. „Unser Geschäft ist im Grunde profitabel, die Bruttogewinnmarge lag im ersten Halbjahr 2020 bei rund 27 Prozent, doch wir stecken viel wieder zurück in das Geschäft“, sagt der Vorstand. Im ersten Halbjahr 2020 lagen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei etwa 1,3 Millionen Euro. Das bereinigte Ebitda lag bei etwa minus 0,4 Millionen Euro. „Wir wollen mittelfristig trotz intensiver F&E-Aktivitäten ein positives Ergebnis erzielen“, so Griesemann. 

Expansion ins Ausland geplant

Darüber hinaus will Compleo den Erlös des Börsengangs einsetzen, um die Expansion ins Ausland zu forcieren. „Bislang sind wir immer opportunistisch mit unseren Kunden gewachsen. Das heißt, wir haben auch Standorte unserer deutschen Kunden im Ausland mit Ladeinfrastruktur versorgt“, erklärt der Co-CEO. Künftig will das Unternehmen gezielter vorgehen und Märkte wie Frankreich, die Benelux-Länder oder Polen erschließen. Dazu sollen vor Ort Vertriebsteams aufgebaut oder auch andere Unternehmen zugekauft werden. 

Die Produktion soll aber weiterhin zentriert in Dortmund bleiben. Um mit der Expansion mithalten zu können, muss auch der dortige Standort wachsen – hierfür soll ein Großteil des IPO-Erlöses eingesetzt werden. „Wir brauchen das Kapital, um Produktion und Verwaltung mehr Raum zu verschaffen“, erklärt Griesemann. Ende 2019 beschäftigte das Unternehmen nur 81 Mitarbeiter, inzwischen sind es knapp 200. Doch dabei wird es nicht bleiben.

„Wir brauchen das Kapital, um Produktion und Verwaltung mehr Raum zu verschaffen.“

Zwei bis drei Jahre dürfte das eingesammelte Kapital für die Pläne reichen, erwartet der CFO. Mit welchen Finanzierungsinstrumenten es dann weitergeht, ist noch offen. Klar ist vor allem, dass der Markt für E-Mobilität in den kommenden Jahren stark in Bewegung sein wird. Zum einen durch weitere Entscheidungen auf politischer Ebene. Doch auch die Wettbewerbsstruktur ist vor Veränderungen nicht gefeit. In der jungen Branchen könnte es mittelfristig mehr Konsolidierung geben.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de