Sieht 1,5 Milliarden Euro Kapitalbedarf, will mit der Mittelaufnahme aber noch warten: Tui-Chef Friedrich Joussen fährt eine Finanzstrategie mit Risiko.

Tui

FINANCE+ 01.10.20
Finanzierungen

Tui-Chef dementiert schnelle Kapitalerhöhung

Tui-Chef Joussen hat eingeräumt, dass der Reisekonzern 1,5 Milliarden Euro frisches Eigenkapital benötigt. „Jetzt“ sei aber nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wie lange kann Tui noch warten?

„Kapitalerhöhung geplant: Tui bittet Aktionäre zur Kasse“ betitelte das „Handelsblatt“ vor zwei Wochen eine Exklusivmeldung. Der Reisekonzern werde schon Ende September „die Konditionen für eine Kapitalerhöhung zwischen 0,7 und 1,0 Milliarden Euro festzurren“, schrieb die Wirtschaftszeitung. Bis zu 300 Millionen Euro davon sollten von dem russischen Tui-Großaktionär Alexej Mordaschow kommen, der 24,9 Prozent der Aktien hält.

Tui-Chef Friedrich Joussen hat diese Meldung nun klar dementiert. „Ja, wir brauchen frisches Eigenkapital – aber nicht jetzt, sondern zum richtigen Zeitpunkt“, sagte der Manager am gestrigen Mittwochabend vor Wirtschaftsjournalisten in Frankfurt. Zunächst einmal gehe es darum, die Liquidität des Konzerns sicherzustellen und das Reisegeschäft wieder zum Laufen zu bringen. Joussen hofft, dass Tui im nächsten Kalenderjahr zumindest wieder rund 80 Prozent des alten Geschäftsvolumens erreichen kann. In den Jahren danach soll Tui dann größer werden als zuvor, gleichzeitig aber schlanker, kostenbewusster und digitaler.

Warum Tui jetzt ein Aktienproblem hat

Zugleich nannte Joussen technische Gründe, die eine Kapitalerhöhung zum jetzigen Zeitpunkt „schwierig“ machten: Der Tui-Chef hält eine solche Transaktion beim gegenwärtigen Aktienkurs von 3 Euro auch deshalb für „wenig realistisch“, weil der Kurs inzwischen sehr nah an den Nennwert je Aktie herangerutscht sei. Dieser liegt bei 2,56 Euro.

Diesen Kurs dürfte der Ausgabepreis neuer Aktien nicht unterschreiten. Gleichzeitig sind bei Kapitalerhöhungen einer solchen Größenordnung hohe Preisabschläge aber üblich und auch notwendig, da auch die Verwässerung des Aktienkapitals erheblich wäre. Das kolportierte Volumen von 1 Milliarde Euro entspräche in etwa der Hälfte der kompletten aktuellen Marktkapitalisierung des Reisekonzerns.

UBS: Massiver Cash-Drain bei Tui hält an

Doch Joussens Strategie, das Ende der Krise abzuwarten, bevor er mit der Reparatur der ausgezehrten Bilanz beginnt, ist nicht ohne Risiko. Gerade erst haben die um sich greifenden Auslandsreisewarnungen des Auswärtigen Amts die zaghafte Erholung des Reisegeschäfts aus dem Juli und August schon wieder beendet. Und die Bilanzsituation seines Unternehmens bezeichnet Joussen selbst als kritisch. 

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