Für Unternehmen können manipulierte Kurse dramatische Folgen haben. Doch die Nutznießer müssen oft international gesucht werden und sind schwer zu fassen.

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05.10.17
Finanzierungen

Wie die Bafin auf Shortselling & Co. reagiert

Ströer, Aurelius und Wirecard haben erlebt, wie Short-Attacken den Aktienkurs auf Talfahrt schicken können. Oft steht dabei der Verdacht der Marktmanipulation im Raum. Die Leiterin der Marktmanipulationsüberwachung der Bafin erklärt, was ihre Behörde in diesen Fällen tun kann.

Was versteht die Bafin unter Marktmanipulation?

Manipulationen funktionieren in beide Richtungen: Ein Research-Bericht, der eine Cent-Aktie als nächstes Superinvestment anpreist, kann ebenso darunter fallen wie ein Bericht, der ein Papier negativ darstellt. Eine Stellungnahme zu einer Aktie zu veröffentlichen ist dabei allein noch nicht strafbar – ebenso wenig, wie eine Short-Position aufzubauen.

Problematisch wird es, wenn die aufgebaute Position und eine anschließend veröffentlichte Stellungnahme einen Interessenkonflikt darstellen, auf den die Verfassen nicht deutlich genug hinweisen. Die vorhandenen Disclaimer sind oft unzureichend: „Ein pauschaler Hinweis, dass aufgrund bestehender Shortpositionen Interessenkonflikte bestehen könnten, genügt nicht“, sagt Regina Schierhorn, Leiterin der Marktmanipulationsüberwachung bei der Bafin. „Wird über den Interessenskonflikt nicht hinreichend aufgeklärt, ist das strafbar und wird verfolgt.“

Wie werden mögliche Manipulationsfälle bekannt?

Besonders dramatische Folgen für die betroffenen Unternehmen haben Shortseller-Attacken, wie sie zuletzt unter anderem Aurelius, Ströer und Wirecard zu spüren bekommen haben. „Betroffene Unternehmen melden sich häufig selbst bei uns“, sagt Schierhorn. Deutlich häufiger seien allerdings Fälle, in denen Aktienkurse beispielsweise über dubiose Anlegerbriefe nach oben manipuliert werden sollen. Häufig bekomme die Bafin von Anlegern Hinweise auf auffällige Kursverläufe. Zudem beobachten die Behördenmitarbeiter selbst die Kurse und schalten die Warnlampen an, wenn Kurse erhebliche Schwankungen aufweisen.

Wie kann die Bafin auf Kursmanipulationen reagieren?

Die Bafin analysiert zunächst die Situation – und ist dabei als Aufsichtsbehörde neutral. „Wir ermitteln nicht für oder gegen jemanden“, stellt Schierhorn klar. Die Behörde versucht, die auffälligen Kursbewegungen auf einzelne Transaktionen zurückzuführen. Hierzu nutzt sie umfassende Datenbanken, die börsliche und außerbörsliche Transaktionen erfassen. Damit kann die Bafin sehen, welche Trades im relevanten Zeitraum von den Kursbewegungen profitiert haben. „Ob es sich um Long- oder Shortpositionen handelt, macht dabei rechtlich keinen Unterschied“, sagt Schierhorn.

Wie werden verdächtige Transaktionen verfolgt?

Die verdächtigen Geschäfte verfolgt die Bafin weiter – auch wenn dies langwierig sein kann. Ein klassischer Fall verläuft so: Die Bafin meldet sich mit einem Auskunftsersuchen bei Bank A, um den Namen des Kunden zu ermitteln, der die verdächtige Position gehandelt hat. Die Bank handelte aber im Auftrag der Bank B mit Sitz in der Schweiz, es muss ein Amtshilfeersuchen an die dortige Finanzaufsicht gestellt werden. Die Bank B handelte aber im Auftrag der Bank C in Luxemburg – und so weiter. „Das kann beliebig so weitergehen, bis man entweder den gesuchten Namen hat, oder in einer unkooperativen Jurisdiktion angekommen ist“, sagt Schierhorn.

Die Mühe trägt aber häufig auch Früchte: „In der Regel findet man zumindest einige der Nutznießer.“ Diese zeigt die Bafin an und übergibt den Fall der Staatsanwaltschaft. Nicht immer steht jedoch am Ende ein Urteil. „Der Weg zur Verurteilung ist weit, insbesondere wenn es sich bei den Verdächtigen um ausländische Staatsbürger handelt“, sagt Schierhorn.

Wie können Unternehmen sich vor Attacken schützen?

Für Unternehmen sind Marktmanipulationen kritisch, wenn sie auf sinkende Aktienkurse abzielen. Den Schaden, der durch eine Short-Attacke geschieht, kann auch die Bafin nicht verschwinden lassen. „Wir können nur die Anleger aufklären“, sagt Schierhorn. Sie beobachtet, dass Shortseller oft auf geschickte Weise Zweifel streuen. Auf erste Verkäufe folgt dann oft eine massenhafte Flucht aus dem Papier – ein psychologischer Effekt.

Die vorübergehende Aussetzung einer Aktie vom Handel, wie ihn eine Börse beschließen könnte, könnte dies theoretisch verhindern und dem Unternehmen Zeit verschaffen, die Vorwürfe zu entkräften. Doch ein solcher Schritt hätte Folgen: „Wenn man die Aktie vom Handel aussetzt, nimmt man den Anlegern, die aussteigen wollen, die Möglichkeit, das Papier zu verkaufen“, sagt Schierhorn. Sie sieht größtmögliche Transparenz als besten Schutz vor Kursverlusten. „Wer offen kommuniziert, schafft wenig Angriffspunkte und kann Gerüchte früh unterbinden.“

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de


Welche Unternehmen sich mit extremen Kursschwankungen auseinandersetzen mussten, lesen Sie auf unserer Themenseite zu Shortseller-Attacken