E.on zählt zu den Unternehmen, die den wiedereröffneten Markt gleich zur Finanzierung genutzt haben. Der Konzern platzierte einen Green Bond inmitten der Corona-Krise.

E.on

03.04.20
Finanzierungen

Bondmarkt läuft inmitten der Corona-Krise auf Hochtouren

Die Corona-Pandemie hat auch die Bondmärkte hart getroffen. Nach dem massiven Notkaufprogramm der EZB hat sich der Markt aber wieder geöffnet. Für die Neuemissionen müssen CFOs allerdings tiefer in die Tasche greifen.

Die globale Krise durch den Coronavirus hat den Anleihemarkt auf eine harte Probe gestellt. Es war der schnellste Spread-Anstieg, den der europäische Markt für Investmentgrade-Anleihen (Corporates und Financial Institutions) je gesehen hat: Innerhalb von 19 Tagen haben sich die Spread-Level verdoppelt. Wie gravierend das ist, zeigt ein Vergleich von Analysten der Bank of America: In der Lehman-Krise dauerte es 45 Tage, bis sich die Spreads verdoppelt hatten.

„Wir befinden uns bei den Spreads sehr deutlich im dreistelligen Bereich – auch für Unternehmen mit starkem Investmentgrade-Rating“, kommentiert Paula Weißhuber, Leiterin des DCM-Geschäfts in Deutschland bei der Bank of America. Auch bei den Neuemissionsprämien ist der Anstieg signifikant: Die Spreads liegen deutlich im zweistelligen Bereich. „Bei einzelnen Transaktionen sehen wir inzwischen allerdings auch schon wieder geringere Neuemissionsprämien“, beobachtet die Expertin.

Neuemissionswelle nach wochenlanger Flaute

Doch die höheren Finanzierungskosten sorgen nicht für Zurückhaltung am Bondmarkt. Nachdem die hohe Volatilität durch die Corona-Krise wochenlang für eine Flaute bei den Neuemissionen sorgte, gab es in nun wieder extrem viele Transaktionen.

„Wir haben innerhalb von eineinhalb Wochen so viel Emissionsvolumen gesehen, wie im letzten Jahr in einem Monat“

Paula Weißhuber, DCM-Expertin der Bank of America

„Es hat einen deutlichen Nachholeffekt gegeben“, kommentiert Weißhuber. Im März wurden Bonds über insgesamt 59 Milliarden Euro von Unternehmen und Finanzinstitutionen im Euromarkt platziert. Im März 2019 waren es 55 Milliarden Euro.

„Allerdings war der Markt in diesem Jahr bis zum 20. März praktisch geschlossen. Wir haben also innerhalb von eineinhalb Wochen so viel Emissionsvolumen gesehen, wie im letzten Jahr in einem Monat“, so die Bankerin. Viele Transaktionen seien zudem mehrfach überzeichnet, ergänzt sie.

Zentralbanken sorgen für Rückenwind am Bondmarkt

Ein wesentlicher Treiber für die Erholung ist die Europäische Zentralbank. Nachdem die Wirkung der ersten Maßnahmen der EZB schnell verpufften, hat das Mitte März verkündete Notkaufprogramm über 750 Milliarden Euro einen deutlicheren Effekt. Auch die Bank of England und die Federal Reserve haben Maßnahmen zur Unterstützung der Märkte beschlossen.

In den USA lief die Wiederöffnung der Märkte noch vor dem europäischen Markt in der vorletzten Woche sehr schnell ab. „Im amerikanischen Markt haben wir die vierstärkste Emissionswoche seit 20 Jahren gesehen“, sagt Dominik Boskamp, der Leiter des Corporate-DCM-Geschäfts von der Crédit Agricole CIB in Deutschland.

Unilever und Engie machten den Anfang

Mit dem Rückendwind der Zentralbankentscheidungen hatten sich auch in Europa die ersten Bluechip-Namen wieder an den Markt gewagt. Der französische Energiekonzern Engie und der niederländisch-britische Verbrauchsgüterkonzern Unilever platzierten beispielsweise kurz nach Verkündung des EZB-Corona-Notkaufprogramms neue Anleihen. Die Nachfrage nach den Papieren war hoch. „Es waren die Top-Namen, die die Gelegenheit hatten, an den Märkten wieder für Aktivität zu sorgen“, sagt Dominik Boskamp.

An den deutlich höheren Spreads kann aber auch das Bondprogramm der EZB nicht rütteln. „Die Unsicherheit ist derzeit immer noch so hoch, dass sich die Finanzierungskonditionen erstmal nicht sofort wieder auf das Vorkrisenniveau verbessern dürften“, so der Experte.

Auffallend ist, dass derzeit vor allem lange Laufzeiten gefragt sind – die Bonds von Engie und Unilever laufen beispielsweise zwischen fünf und zwölf Jahren. In Zeiten großer Unsicherheit sind oft eigentlich kürzere Laufzeiten beliebter. „In der aktuellen Lage kommt es aber gerade am Sekundärmarkt für kürzer laufende Papiere zu größeren Verwerfungen, da dort Investoren verstärkt verkaufen, um sich Cash zu besorgen“, erklärt Boskamp.

 „Es waren die Top-Namen, die die Gelegenheit hatten, an den Märkten wieder für Aktivität zu sorgen.“

Dominik Boskamp, DCM-Experte der Crédit Agricole CIB

Deutsche Unternehmen zapfen den Bondmarkt an

Nachdem Unternehmen wie Engie und Unilever mit Top-Ratings für die ersten Transaktionen gesorgt haben, hat sich der Markt inzwischen auch für Unternehmen geöffnet, deren Ratings nicht am oberen Ende der Investmentgrade-Skala liegen. Das haben auch deutsche Unternehmen genutzt. Den Anfang machte Bertelsmann vergangene Woche mit einem Bond über 750 Millionen Euro (acht Jahre).

In dieser Woche folgten noch eine ganze Reihe von deutschen Unternehmen, wie etwa Fresenius mit einem Bond ebenfalls über 750 Millionen Euro (siebeneinhalb Jahre/1,625 Prozent) und Vonovia mit 1 Milliarde Euro (vier und zehn Jahre). Der Energiekonzern E.on  sorgte sogar für eine Green-Bond-Emission während der Corona-Krise und platzierte einen Bond über 750 Millionen Euro (fünfeinhalb Jahre/1 Prozent). Die Deutsche Bahn, ein Unternehmen mit AA-Rating, platzierte zudem einen Bond über 900 Millionen Euro (sieben Jahre/0,5 Prozent).

Ebenfalls bemerkenswert: Sogar Unternehmen aus der Automobilindustrie, die von der Corona-Krise besonders hart getroffen wird, konnten sich über den Bondmarkt finanzieren. Daimler platzierte einen Bond über 1,5 Milliarden Euro (fünf Jahre/2,625 Prozent) und auch Volkswagen Financial Services ging mit einer Transaktion über 2,15 Milliarden Euro (drei, fünf und acht Jahre/2,5 Prozent, 3 und 3,375 Prozent) erfolgreich an den Markt.

Timing bleibt zentrales Thema bei Neuemissionen

Dass am Bondmarkt inzwischen nicht nur die Emittenten mit den absoluten Bestnoten des Investmentgrade aktiv sind, ist für DCM-Chef Boskamp ein gutes Zeichen, aber: „Wir müssen nun abwarten, wie die Neuemissionen im Sekundärmarkt handeln und ob bei den Investoren das Vertrauen zurückkommt“. Klar sei allerdings schon jetzt, dass die Volatilität hoch bleibe und die Zeitfenster für Emissionen daher kurz oder zumindest wenig vorhersagbar seien.

„Für Unternehmen, die den Markt in absehbarer Zeit anzapfen wollen, bedeutet das, dass sie jederzeit bereit sein müssen“, betont Boskamp. Ihm seien Fälle bekannt, in denen eine Transaktion nicht wie geplant ablaufen konnte, weil die Dokumentation nicht auf dem neusten Stand war. In dem unbekannten Terrain, in dem sich alle Märkte derzeit bewegen, ist das ein Fehler, den man unbedingt vermeiden sollte.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de