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19.07.18
Finanzierungen

Trendwende am Bondmarkt hat begonnen

Die EZB wird ihr massives Anleihekaufprogramm zum Jahresende auslaufen lassen. Investoren fangen bereits jetzt an, bei Bonds genauer hinzuschauen. Die Folgen sind spürbar.

Nach einer regelrechten Bondparty im vergangenen Jahr kühlt sich die Stimmung am europäischen Bondmarkt langsam ab. Das erste Halbjahr war jedenfalls deutlich weniger aktiv als das vergangene: In den ersten sechs Monaten wurden laut Daten von Dealogic Unternehmensanleihen über rund 152 Milliarden Euro platziert (Euro-Emissionen im Investmentgrade-Segment). Das entspricht einem Rückgang von rund 20 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 (etwa 190 Milliarden Euro).

Offensichtlichster Grund für den Rückgang: Die Europäische Zentralbank hat angekündigt, ihr massives Anleihekaufprogramm zum Jahresende auslaufen zu lassen. Mitte Juli hielt die Zentralbank rund 163 Milliarden Euro an Corporate Bonds. Etwa 82 Prozent ihrer Käufe im ersten Halbjahr tätigte sie am Sekundärmarkt, den Rest am Primärmarkt.

„Obwohl es noch einige Monate bis zum Ende des Programms sind, beginnen Investoren bereits, sich wieder auf die Zeit danach einzustellen“, beobachtet Paula Weisshuber, DCM-Chefin für die deutschsprachige Region bei der Bank of America Merrill Lynch.

Insgesamt seien Investoren bei Bonds zurückhaltender geworden: „Ein guter Stimmungsindikator sind die Zu- und Abflüsse in den Portfolien von Anleiheinvestoren“, so Weisshuber. „Und hier hat man in diesem Jahr seit langem mal wieder Abflüsse gesehen.“

Anleihe-Spreads weiten sich aus

Die Zurückhaltung war in den ersten Monaten zeitweise deutlich zu spüren: „Im März gab es eine Phase, in der das Angebot von Neuemissionen die Nachfrage übertraf“, so Weisshuber. „Investoren sind selektiver geworden und haben nicht in jeder Neuemission partizipiert, vor allem, wenn die angebotenen Konditionen aus ihrer Sicht nicht attraktiv genug waren.“

Die Folge: Die Spreads am Sekundärmarkt, gemessen am ICE BofAML Euro Non-Financial Index, der im Februar noch am Tiefstand bei 33 Basispunkten und damit auf einem sehr niedrigen Niveau handelte, sind seitdem deutlich nach oben gegangen. Der Index handelte im Juli bei einem Niveau von 64 Basispunkten.

„Die Emittenten haben einen Teil ihrer Pricing-Power verloren.“

Paula Weisshuber, BofAML

Zudem sind die Neuemissionsprämien gestiegen. Laut Bank of America Merrill Lynch lagen diese im vergangenen Jahr im Schnitt zwischen 5 und 10 Basispunkten. Im Juni stiegen sie nun durchschnittlich auf circa 20 Basispunkte. „Dies zeigt, dass die Emittenten einen Teil ihrer Pricing-Power verloren haben “, kommentiert die Expertin.

In den vergangenen Monaten war publik geworden, dass einige Transaktionen nach der Ankündigung noch zurückgezogen wurden. Andere sollen sogar schon nach der Roadshow abgebrochen worden sein, ist aus dem Markt zu hören.

Zeitliche Flexiblität am Bondmarkt gefordert

Neben der Tatsache, dass Unternehmen beim Pricing nachlegen müssen, ist auch das Timing schwieriger geworden. „Die Planbarkeit von Emissionen, die im letzten Jahr noch sehr gut war, ist in dieser Form aktuell nicht gegeben, da sich Marktfenster häufiger öffnen und schließen“, kommentiert Weisshuber.

Grund zur Panik sieht die Bankerin aber zunächst nicht: „Das ist eine Normalisierung der Situation mit Blick auf die zurückgehende Unterstützung der Zentralbanken.“ Mit der nun beginnenden Sommerpause habe der Anleihemarkt zudem die Gelegenheit, sich weiter zu stabilisieren.

„Mit der zu erwartenden Welle an Neuemissionen im September steht ein weiterer wichtiger Test und Richtungsgeber für die Stimmung an den Märkten für den Rest des Jahres bevor“, meint die Expertin. Dass die Spreads noch einmal auf die Niedrigstände der vergangenen Monate zurückkehren, hält sie für unwahrscheinlich.

Nach wie vor gute Finanzierungskonditionen möglich

Ein Faktor indes kommt den Unternehmen derzeit entgegen: Die Zinswende lässt auf sich warten. Während Spreads und Neuemissionen steigen, sind die Zinsen zuletzt sogar gesunken. „Das Level der Kupons ist auch deshalb relativ stabil geblieben “, kommentiert Weisshuber.

Für die Unternehmen, die bei ihren Finanzierungen vor allem auf die Kupons schauen, ist das eine gute Nachricht. Auf den Ausstieg der EZB als Großkäufer sollten aber auch sie sich bei ihrer Finanzierungsplanung vorbereiten.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de