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Der Putin-Boom

Deutscher Leopard-Panzer im Manöver: Können Rüstungsschmieden wie Rheinmetall den anstehenden Auftragsregen überhaupt finanziell bewältigen? Foto: Filmbildfabrik - stock.adobe.com
Deutscher Leopard-Panzer im Manöver: Können Rüstungsschmieden wie Rheinmetall den anstehenden Auftragsregen überhaupt finanziell bewältigen? Foto: Filmbildfabrik - stock.adobe.com

Energiewende, Sanktionen, Gasnotstand: Am 24. Februar, als Russland in die Ukraine einfiel, schalteten auch in Deutschland viele Unternehmen in den Krisenmodus. Anders die deutsche Verteidigungsindustrie: Bis zum Kriegsausbruch noch mit trägen Vergabeverfahren der Bundeswehr konfrontiert und in der „No-Deal“-Spalte der ESG-Listen notiert, stehen die Rüstungsschmieden nun vor einem Boom. Von dem 100 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für die Ertüchtigung der Bundeswehr dürfte ein nennenswerter Teil innerhalb nur weniger Jahre direkt in die Kassen deutscher Waffenhersteller fließen.

Berlin erwägt sogar, den Verteidigungssektor explizit als „ESG-freundlich“ zu deklarieren, damit die Lieferanten auf möglichst wenig Hindernisse bei der Finanzierung stoßen. Aber ist das schon genug, damit die Rüstungsunternehmen die enorme Geschäftsausweitung auch tatsächlich finanzieren können? Das ist für CFOs und Investoren die entscheidende Frage.

Aktie von Rheinmetall steigt immer weiter

Unsere Recherchereise durch die Branche beginnt bei Rheinmetall in Düsseldorf. Der im MDax gelistete Konzern gilt als der größte Nutznießer des 100-Milliarden-Topfs. Unmittelbar nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag die Auflage des Sondervermögens angekündigt hatte, funkte Rheinmetall-Chef Armin Papperger öffentlich einen Angebotskatalog mit Waren im Wert von 42 Milliarden Euro nach Berlin. Zur Einordnung: Das ist mehr als siebenmal so viel, wie Rheinmetall 2021 an Umsatz erwirtschaftet hat (5,7 Milliarden Euro).

Rheinmetall ist in einer privilegierten Position, weil das Unternehmen viele schnell verfügbare Produkte im Angebot hat: Munition und Helme, Lkw und Artillerie, dazu Schützenpanzer und als Flaggschiffprodukt den Kampfpanzer „Leopard“. Alle Produkte sind fertig entwickelt und bei der Bundeswehr bereits eingeführt. Durch Aufstockungen von bereits bestehenden Lieferverträgen ließen sich Geschäfte ohne Rückgriff auf die komplizierten Beschaffungsvorgänge der Bundeswehr schnell abschließen. Tatsachen, die den Aktienkurs des Unternehmens explodieren ließen. Dieser liegt heute mehr als doppelt so hoch wie noch Mitte Februar.

20 Milliarden Euro für Rheinmetall?

Inzwischen bremst Papperger Analysten ein wenig, indem er erklärt, dass die Umsatzkurve nicht so schnell in die Höhe schießen werde wie manche glaubten – dafür werde sie aber länger hoch bleiben. Trotzdem rechnet der Rheinmetall-Chef damit, dass sich die Umsätze seines Konzerns mit der Bundeswehr kurzfristig von 2 auf 4 Milliarden Euro pro Jahr verdoppeln werden. Und selbst dies erscheint konservativ, da Analysten schätzen, dass Rheinmetall allein schon mal die Hälfte des für Munition zur Verfügung stehenden Sonderbudgets von 15 Milliarden Euro abstauben wird.

Viele Analysten halten mittelfristig sogar eine Verdrei- bis Vervierfachung der Bundeswehr-Umsätze für möglich, alles in allem könnten bis zu 20 Prozent des 100-Milliarden-Budgets bei Rheinmetall landen. Im Jahr 2025 könnten dann schon 80 Prozent der Umsätze und ein noch größerer Anteil des Gewinns von Rheinmetall auf die Verteidigungssparte entfallen. Bis vor wenigen Jahren waren die Rüstungs- und die Automotive-Sparte noch mehr oder weniger gleich groß.

Normalerweise würde ein derart krasser unerwarteter Umsatzsprung eine Finanzabteilung ins Rotieren bringen. Bei Rheinmetall aber eher nicht, denn der Konzern sitzt faktisch immer noch auf einer Fertigungsstruktur aus Zeiten des Kalten Krieges. Die Munitionsfabriken sind riesig. Dort müsste Rheinmetall nur das Personal aufstocken und massiv Material einkaufen, um die Auftragsflut zu bewältigen. Papperger berichtete von einer Munitionsfabrik in Niedersachsen, deren Output er in kürzester Zeit verzehnfachen könnte. Auch für das Wiederhochfahren der Panzer- und Lkw-Produktion scheinen keine größeren Investitionsprogramme notwendig zu sein.

Selbst der Working-Capital-Aufbau ist für die Rüstungsmanager kein Grund zur Sorge.

Die Bundeswehr zahlt schnell

Überraschenderweise ist selbst das Working Capital für die Verteidigungsmanager, mit denen FINANCE sprach, kein Grund zur Sorge. Ihrer Beschreibung nach ist die Bundeswehr bei der Beschaffung zwar mitunter träge, aber wenn die Aufträge erst einmal da sind ein sehr partnerschaftlicher Kunde. Es gibt bei fast allen Aufträgen kurz getaktete Meilensteinzahlungen, die in aller Regel auch geleistet werden.

Dafür gibt es Haushalts- sowie taktische Gründe: Budget, das vergeben ist, muss abfließen, sonst ist es weg. Und jedes langlaufende Großprojekt läuft theoretisch Gefahr, in den Strudel eines Regierungs- oder Politikwechsels zu geraten.

Und auch jetzt treibt die Einkäufer der Bundeswehr die Sorge um, dass das 100-Milliarden-Sonderbudget schließlich doch noch politisch verwässert werden könnte, etwa durch Hinzunahme von Beschaffungsvorhaben für Polizei und Katastrophenschutz oder sogar eine Aufstockung von Flüchtlings- und Entwicklungshilfe. Daher gilt mit Blick auf das Budget das Motto „Alles muss raus“, und die Vorstände der Waffenschmieden sprechen täglich mit Berlin, um ihren erhofften Anteil am Geldtopf hinter die Brandmauer zu bringen.

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Nicht das ganze Geld bleibt im Land

Freilich laufen nicht alle Lieferanten der Bundeswehr in Berlin über eine derart kurz gemähte Wiese wie Rheinmetall. Beispiel Diehl: Das Familienunternehmen aus Nürnberg entwickelt komplexe Raketen- und Flugabwehrsysteme und hoffte, die Bundeswehr für die Entwicklung eines teuren, aber hochmodernen Raketenabwehrsystems begeistern zu können. Doch weil die Beschaffer im Moment lieber von der Stange kaufen, wird nun für mehrere Milliarden Euro wahrscheinlich ein Flug- und Raketenabwehrsystem aus Israel angeschafft („Arrow 3“).

Auch Airbus, der größte Lieferant der Luftwaffe, ist nicht ganz glücklich. Nachdem es hieß, 15 der 100 Milliarden Euro seien für die Beschaffung neuer Kampfjets vorgesehen, war der Jubel zunächst groß. Doch nur Tage später erklärte die Bundesverteidigungsministerin, 35 F-35-Tarnkappen-Jets aus den USA kaufen zu wollen. Profiteur ist Lockheed Martin. Airbus und BAE Systems versprach sie lediglich den Kauf von 15 Eurofightern zur elektronischen Kriegsführung. Auftragsvolumen: höchstens 2 Milliarden Euro.

Airbus hofft aber noch, dass die Luftwaffe das Sondervermögen nutzen wird, um alle und nicht nur einige der 70 veralteten Tornado-Jets durch neue Flieger zu ersetzen. Airbus wirbt vehement für den Eurofighter und hofft auf Aufträge für 43 weitere dieser Jets. Dies wäre ein zusätzlicher Umsatz von nochmal 5 Milliarden Euro und würde die Produktion bis zum Ende des Jahrzehnts auslasten. Unter dem Dach des riesigen Airbus-Konzerns wäre die Vorfinanzierung eines solchen Mega-Auftrags für CFO Dominik Asam kein Problem.

CFO-Profil

Dominik Asam, Airbus SE

Dominik Asam

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Airbus Group

TKMS will von Werftenpleite profitieren

Beim Hoflieferanten der Marine dagegen ist die Konzernzugehörigkeit kein Trumpf: TKMS ist die Marinesparte von Thyssenkrupp, einem Sanierungsfall, bei dem völlig unklar ist, welche Geschäftssparten in ein paar Jahren noch zum Konzern gehören werden und welche nicht. TKMS baut gerade für 5,5 Milliarden Euro sechs neue U-Boote für die deutsche und die norwegische Marine und hofft, die Auslieferung nun beschleunigen zu können. Aktuell geplant ist die Übergabe dieser Boote erst für die Jahre 2029 bis 2034. Es ist unwahrscheinlich, dass eine derart lange Perspektive bei der Mittelallokation im Hause Thyssenkrupp gerade günstig ist.

Allerdings bietet sich TKMS gerade eine besondere Gelegenheit: Der Schiffbauer prüft die Übernahme des riesigen Trockendocks der insolventen MV Werften in Wismar, wo derzeit noch das halbfertig gebaute größte Kreuzfahrtschiff der Welt liegt. Mit der Übernahme dieses Docks bekäme TKMS für kleines Geld die notwendigen Kapazitäten, um die Fertigstellung der U-Boote zu beschleunigen. Die lokalen Politiker im Norden sind angetan von dieser Perspektive für die Werft in Wismar – die Finanzer bei Thyssenkrupp wahrscheinlich auch, wäre diese Übernahme doch auch eine kapitalschonende Lösung zur Stärkung der Marinesparte.

Gewohnt komplex und undurchsichtig sind die Folgen des Waffenkaufrauschs dagegen für den Gewehr- und Pistolenfertiger Heckler & Koch. Die Schwaben scheinen die schlechteste Ausgangsposition zu haben: hohe Schulden, schwache Gewinne – und ein schlechtes Timing.

Seit Jahren schon hängt die Lieferung von 120.000 Sturmgewehren an die Bundeswehren im juristischen Dickicht fest. Wenn H&K hier tatsächlich wie erhofft bald freie Bahn bekäme, könnte der Kapazitätsbedarf für die Fertigung dieser Waffen die Abwicklung kurzfristiger Sonderaufträge ausbremsen. Heckler & Koch hat schon angekündigt, dass Geld investiert werden müsste, um Flaschenhälse in der Produktion zu beseitigen. Doch im April kommenden Jahres muss auch ein großer High Yield Bond refinanziert werden, der aktuell zu einer Rendite von über 10 Prozent gehandelt wird. Keine leichte Aufgabe für CFO Björn Krönert.

Rückenwind für Neu-CFO Christian Ladurner

Deutlich ungetrübter ist die Perspektive dagegen für Christian Ladurner. Der bisherige Investor-Relations– und Controlling-Chef wird im Juli von dem erfahrenen Axel Salzmann das CFO-Mandat bei Hensoldt übernehmen. Hensoldt ist ein Hersteller von Verteidigungselektronik und Radarsystemen, der 2020 von KKR an die Börse gebracht wurde und an dem der Bund 25,1 Prozent der Anteile hält.

Ladurner übernimmt den CFO-Posten zu einem Zeitpunkt, an dem das Auftragspolster bereits die Höhe von drei Jahresumsätzen erreicht. Und trotzdem wird Ladurner als eine seiner ersten Amtshandlungen dem Kapitalmarkt im Lauf des Sommers wahrscheinlich eine deutliche Anhebung der langfristigen Gewinnprognosen kommunizieren können.

CFO-Profil

Axel Salzmann, Hensoldt GmbH

Axel Salzmann

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Hensoldt GmbH

Viele „Quick Wins“ für Hensoldt

Hensoldt macht die Hälfte seines Umsatzes in Deutschland und ist der wichtigste Lieferant von elektronischer Sensortechnik für Heer, Marine und Luftwaffe. Das Geschäft ist wenig anlagenintensiv. Das Fertigungsnetzwerk dürfte dem Nachfrageschub standhalten können, auch weil der Konzern in den vergangenen Jahren im Zuge internationaler Akquisitionen neue Kapazitäten erworben hat.

Mit „Quick wins“ kann die Ex-Airbus-Tochter bei der Lieferung von Ersatzteilen und zusätzlichen Instandsetzungsaufträgen rechnen. Mit beidem ließe sich die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr-Systeme schnell verbessern. Dieses Potential betrifft Bereiche, mit denen die Bayern ein Viertel ihres Umsatzes erwirtschaften. Zusätzlich profitieren sie als Sublieferant auch noch von den zusätzlichen Eurofighter-Aufträgen.

„Gerade für Systeme, die bei der Bundeswehr bereits eingeführt sind, können wir die Produktionsrate rasch erhöhen. Zum Beispiel haben wir für unsere Luftverteidigungsradare eine skalierbare Serienfertigung aufgebaut. Wir gehen daher nicht von nennenswerten Investitionen aus“, antwortete Hensoldt auf eine FINANCE-Anfrage.

Und die Bilanz ist blitzsauber: Seit dem Börsengang hat Hensoldt die hohe Verschuldung aus der Private-Equity-Zeit deutlich reduziert. Bis Ende 2021 sank der Leverage auf nur noch 1,4x Ebitda, und der Cashflow ist stark. Auch die Hensoldt-Aktie hat sich seit Kriegsausbruch mehr als verdoppelt. Der deutschen Verteidigungsindustrie stehen goldene Jahre bevor.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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