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Big Four: EY bietet ukrainischen Kollegen Jobs an

Das Big-Four-Haus EY vermittelt mehrheitlich weibliche ukrainische Flüchtlinge, die in ihrer Heimat für den Wirtschaftsprüfer gearbeitet haben. Foto: Halfpoint_stock.adobe.com
Das Big-Four-Haus EY vermittelt mehrheitlich weibliche ukrainische Flüchtlinge, die in ihrer Heimat für den Wirtschaftsprüfer gearbeitet haben. Foto: Halfpoint_stock.adobe.com

Der Krieg in der Ukraine hat vieles aus den Fugen gebracht – und auch die Karrieren von Finanzprofis aus dem osteuropäischen Land vor gewaltige Herausforderungen gestellt. Schnelle unkomplizierte Hilfe bieten nach FINANCE-Informationen mehrere Anwaltskanzleien und Prüfungsgesellschaften an, darunter auch EY.

„Der Krieg ist schlimm. Umso wichtiger ist es, dass unsere Kolleginnen und Kollegen hier in Deutschland eindeutig signalisiert haben: Wir wollen helfen“, sagt Jan-Rainer Hinz, Managing Partner Talent, Culture & NextWave Strategy und Arbeitsdirektor bei dem Big-Four-Haus EY. Um die Folgen des Ukraine-Krieges für die Kollegen und Kolleginnen vor Ort abzumildern, organisiert Hinz mit anderen EY-Partnern und Mitarbeitern in einer Task Force ein Programm zur Jobvermittlung ukrainischer Kollegen in Deutschland und Koordination der vielen persönlichen initiierten Hilfsaktionen von Mitarbeitenden der deutschen Organisation.

EY bietet Bewerber-Programm für ukrainische Geflüchtete an

Zur besseren Koordinierung hat EY seine Hilfsangebote in drei Bereiche gegliedert: Zum einen ruft die WP-Gesellschaft an ihren verschiedenen deutschen Standorten zu Sachspenden auf. Diese würden lokal organisiert und an die Ukraine gespendet, heißt es.

Den Kern des Hilfsangebots bildet ein Job-Programm für Kolleginnen und Kollegen, die in der Ukraine für EY arbeiten, aufgrund des Krieges aber flüchten mussten und sich derzeit in Deutschland aufhalten, erklärt Hinz. EY habe dazu eine deutschlandweite Homepage über einen SharePoint-Server eingerichtet, in der Betroffene die verschiedenen Standorte der Bundesrepublik sowie Ansprechpartner erkennen können.

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Daraufhin könnten sich die ukrainischen Kollegen bewerben – ohne einen aufwändigen Auswahlprozess absolvieren zu müssen. „Um den Ablauf so unkompliziert wie möglich zu gestalten, versuchen wir natürlich die Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine in denjenigen Arbeitsbereichen zu platzieren, in denen sie bereits in ihrer Heimat tätig waren“, erzählt Hinz – ob Wirtschaftsprüfung, das Consulting oder die Transaktions- oder Steuerberatung.

Am Ende des Prozesses steht dann das Angebot eines zweijährigen Arbeitsvertrags in Deutschland. Der sähe einen Verdienst analog zu den deutschen Gehältern vor. Auch bestehe die Option, den Vertrag vorzeitig aufzulösen, falls der Krieg endet und die Mitarbeiter zurückkehren möchten. „Wir wollen da ganz pragmatisch agieren, nach den zwei Jahren bieten wir bei Interesse eine Umwandlung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis an“, verspricht Hinz.

60 ukrainische Kollegen hat EY bereits aufgenommen

Über 60 Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine seien bereits im Vermittlungsprozess. Bisher habe EY gute Erfahrungen mit dem Programm gemacht. Viele Spezialisten würden sich schnell einarbeiten und zeigten eine hohe Einsatzbereitschaft, so Hinz. Da die Aufgenommenen gut ausgebildet seien und über gute Englischkenntnisse verfügen, sei die Kommunikation kein Problem. Dennoch bietet EY auch Deutschkurse an. „An diesen können die Mitarbeitenden ohne Bedingungen teilnehmen, es wird kein Zertifikat oder ähnliches erwartet. Es soll ausschließlich das Ankommen erleichtern“, erklärt Hinz.

Das komme nicht nur der Abteilung zugute, die eine neue Mitarbeiterin oder einen neuen Mitarbeiter willkommen heißen kann, es fördere auch das Selbstbewusstsein der Geflüchteten, wirklich gebraucht zu werden und einen Betrag leisten zu können, unterstreicht Hinz. „Wir wollen, dass die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen bei uns so schnell wie möglich ankommen und sich zurechtfinden“, sagt der EY-Partner.

Und das gelte sowohl beruflich als auch privat. Dafür arbeite die WP-Gesellschaft intensiv mit den zuständigen Behörden zusammen, heißt es. „Nicht nur, dass wir die hier in Deutschland Ankommenden in Fragen der Aufenthaltsgenehmigung und anderen bürokratischen Angelegenheiten unterstützen. In unserer Hilfe erfahren auch wir wiederum von den Behörden Unterstützung, die es uns als Unternehmen so unkompliziert wie möglich machen“, freut sich Hinz.

EY bietet bezahlte Freistellung an

Ergänzend habe EY eine so genannte Buddy-Initiative ins Leben gerufen, bei der bisher etwa 100 mehrheitlich ukrainisch-stämmige Mitarbeitende den Geflüchteten besonders helfen. So wird die Unterstützung – falls beispielsweise sprachliche oder kulturelle Schwierigkeiten auftreten – persönlicher gestaltet, beschreibt Hinz die Vorteile. Für alle Mitarbeitenden der deutschen Praxis gilt grundsätzlich: Wer direkt helfen möchte – völlig unabhängig von der Art –, erhält vom Arbeitgeber eine bezahlte Freistellung von bis zu zwei Tagen.

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Zusätzlich zum Bewerberprogramm bietet EY jedem eingestellten Mitarbeitenden aus der Ukraine ein Startpaket an, welches ein Startkapital von 6.000 Euro umfasst. „Damit soll den hier Ankommenden der Einstieg erleichtert werden, beispielsweise könnte damit die Kaution oder Kleidung bezahlt werden“, erklärt Hinz die Zahlung. Auch würde EY den ukrainischen Kollegen bei Bedarf psychologische Beratung vermitteln.

EY nahm schon 2014 Kollegen aus der Ukraine auf

Der Wirtschaftsprüfer hat mit der Aufnahme und Vermittlung bereits in der Vergangenheit Erfahrungen gemacht hat. „Als Russland 2014 völkerrechtswidrig die Krim annektiert hat, haben wir damals etwa 90 Ukrainerinnen und Ukrainer an deutsche Standorte eingliedern können“, erinnert sich Hinz.

EY Deutschland arbeitet in Sachen Ukraine eng mit den anderen europäischen EY-Gesellschaften zusammen. Die europäische Einheit hat schnell einen Standort im polnischen Lodz ausgebaut, um ukrainischen Kollegen von dort aus in einer sicheren Umgebung das Arbeiten für EY Ukraine zu ermöglichen. „Für diejenigen ukrainischen Kolleginnen und Kollegen, die zwar aufgrund des Krieges geflüchtet sind, aber dennoch weiter die Kommunikation zu und die Zusammenarbeit mit Ihren Mandanten in der Ukraine aufrechterhalten wollen, besteht die Möglichkeit, das von Lodz aus zu tun“, erklärt Hinz.

Die Initiative von EY ist eine von mehreren in Frankfurt. Sie zeigt aber, wie flexibel sich die Branche derzeit zeigt, um Flüchtende möglichst unbürokratisch zu integrieren und eine Zukunftsperspektive zu bieten.

Gleichzeitig haben sich etliche Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshäuser infolge des Kriegs von ihrem Russlandgeschäft getrennt. So haben EY, PwC, Deloitte und KPMG in den vergangenen Wochen die russischen Mitgliedsunternehmen aus dem globalen Netzwerken ausgeschlossen.

jan.schuermann[at]finance-magazin.de

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Jan Schuermann ist Redakteur bei FINANCE und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Gehalt in der Corporate-Finance-Welt. Er hat in Köln Geschichte, Deutsch und North American Studies studiert. Während eines Auslandsaufenthalt an der UC Berkeley hat er zeitweise für den Daily Californian gearbeitet. Bevor Jan Schuermann zum Fachverlag F.A.Z Business Media gestoßen ist, war er für die Nachrichtenagentur Thomson Reuters im polnischen Danzig tätig.

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