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„Ich habe versprochen, jeden Stein umzudrehen“

What’s next, Marcus Wassenberg? Der Heideldruck-CFO im FINANCE-Interview
Heidelberger Druckmaschinen

Herr Wassenberg, seit September 2019 sind Sie CFO bei Heidelberger Druckmaschinen. In Ihrem ersten Amtsjahr haben Sie gleich ein Feuerwerk an Deals und Entscheidungen abgebrannt, um Heideldruck zu sanieren. Wenn Ihr Amtsantritt der Startschuss war und ein stabiles Unternehmen mit steigender Eigenkapitalquote das Ziel ist, wo befinden Sie sich jetzt gerade in Ihrem Marathonlauf?
Ich würde schätzen, wir haben ein Drittel der Wegstrecke zurückgelegt – aber den Teil mit den härtesten Steigungen. 

Die härteste war vermutlich die Sicherung der Liquidität. Ihr 150 Millionen Euro schwerer High Yield Bond notierte zeitweise unter 60 Prozent vom Nennwert, der Bondmarkt sah in Heidelberg einen Pleitekandidaten.
Das habe ich von Anfang an anders gesehen, und deshalb habe ich die Kursentwicklung des Bonds auch nie nachvollziehen können. Für die Bondholder war es aber offensichtlich eine Überraschung, dass wir das Liquiditätsthema lösen konnten – und dann die Anleihe plötzlich vorzeitig zu par zurückzahlten. 

Das Geheimnis des Pensionsfonds

Das Geld dafür haben Sie bekommen, indem Sie 380 Millionen Euro aus dem Heidelberg-Pensionsfonds zurück auf die Unternehmensbilanz geholt haben. Niemand hatte diese eiserne Reserve auf der Rechnung.
Als ich mein Amt antrat, habe ich versprochen, jeden Stein umzudrehen – und unter einem besonders großen fand ich den Pensionsfonds. Ich war überrascht, dass der Fonds eine Öffnungsklausel hatte, was eher ungewöhnlich ist. Dafür gab es jedoch historische Gründe, und als uns die klar wurden, haben wir uns sofort an die Arbeit gemacht.

Was waren denn diese Gründe? 
Der Fonds war zu einer Zeit entstanden, als Heidelberg rund eine halbe Milliarde Euro Cash auf der Bilanz hatte und eine Übernahme durch Hedgefonds fürchtete. Das war damals der Auslöser für die Auslagerung der Pensionsverpflichtungen. Zusammen mit Juristen und den Verantwortlichen des Pensionsfonds haben wir geprüft, ob wir diese Gelder zurück auf die Bilanz holen können, ohne dass unseren Angestellten und Pensionären dadurch Nachteile entstehen. 

Diese Prüfung fiel positiv aus. Mit dem Geld konnten wir den High Yield zurückzahlen, der wie ein Damoklesschwert über der Firma hing, und wir konnten eine tiefgreifende Restrukturierung anpacken, die Heidelberg zukunftsfähig aufstellen wird. Beides ist wesentlich besser, als das Geld mit minimaler Verzinsung in einem Fonds zu parken. Das haben alle so gesehen. Mit Sicherheit war das der Durchbruch für unsere Restrukturierungsbemühungen.

Jetzt muss das Unternehmen die Pensionen aber selbst bezahlen.
Ja, das stimmt. Die wegfallenden Erträge aus dem Pensionsvermögen werden aber in einem ersten Schritt durch die eingesparten Zinskosten aus der vorzeitigen Rückführung des High Yield Bonds bis auf knapp 8 Millionen Euro pro Jahr kompensiert. Die angestrebte Verbesserung der Ebitda-Rendite um mehr als 6 Prozentpunkte wird durch den verbesserten Cashflow dann auch diese verbleibende Belastung überkompensieren. Insofern ist der Mitteleinsatz des Vermögens für Heidelberg, seine Mitarbeiter und Rentner vorteilhaft und sichert Arbeitsplätze.

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Marcus A. Wassenberg, Heidelberger Druckmaschinen AG

Seine Karriere beginnt Wassenberg 1998 bei dem Wirtschaftsprüfer BDO als Auditor. 1999 wird er zum ersten Mal CFO bei der PR-Agentur KohtesKlewes in Düsseldorf. 2006 wechselt er die Branche und wird Geschäftsführer der Luftfahrtgruppe Cirrus in München, wo er sechs Jahre bleibt. 2012 wird er CFO des Windanlagenbauers Senvion, 2015 geht er in gleicher Funktion zu dem Motorenbauer Rolls-Royce Power Systems an den Bodensee.

Dort leitet Wassenberg das Ressort Konzerndienstleistungen mit den Bereichen Controlling, Finanzen, IT-Anwendungen und Recht. Zusätzlich ist er auch Geschäftsführer der Rolls-Royce-Power-Systems-Tochter MTU. Im April 2019 kehrt er Rolls-Royce den Rücken, um ein halbes Jahr später als Finanzvorstand bei Heidelberger Druckmaschinen anzuheuern.

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Corona kostet Heideldruck mindestens ein Jahr

Wie tief sind denn die Löcher, die Corona in die Konzernkasse reißt?
In unserem ersten Geschäftsquartal, das dem zweiten Kalenderquartal entspricht, ist unser Umsatz um ein Drittel eingebrochen. Bei der Profitabilität kommt zwar nur ein Teil dieser Einschläge an, weil wir einerseits schnell für 80 Prozent unserer Mitarbeiter Kurzarbeit eingeführt haben und zudem auch bilanzielle Effekte aus der Neuordnung unseres Betriebsrentensystems erzielen konnten. Trotzdem wird uns Corona im laufenden Geschäftsjahr einen signifikanten zweistelligen Millionenbetrag kosten – und mindestens ein Jahr auf dem Weg, unsere ursprünglichen Ziele zu erreichen.

Braucht Heidelberg frisches Eigenkapital?
Zufrieden sind wir mit dem aktuellen Niveau ganz sicher nicht. Wir haben zwar kein Liquiditätsthema mehr, aber unsere Eigenkapitalquote hat sich im Konzern durch die Restrukturierungsaufwendungen – und nicht zuletzt auch durch den sinkenden Rechnungszins zur Bewertung der Pensionsverpflichtungen – in den einstelligen Bereich entwickelt. Das schränkt uns schon ein. Unsere nach HGB bilanzierende Muttergesellschaft ist hier deutlich besser aufgestellt. Die konsequente Umsetzung der Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität ist sicher das probateste Mittel, um hier auch im Konzern wieder auf ein solideres Niveau zu kommen, bevor wir andere Optionen erwägen. 

„Wir haben keine KfW-Hilfskredite beantragt – und wollen das auch nicht.“

Zuletzt haben einige M&A-Deals Ihr Eigenkapital gestärkt, weil Sie Buchgewinne realisieren konnten. Der Verkauf der Gallus-Gruppe im Juli zum Beispiel stärkte die Bilanz um einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Gibt es noch mehr stille Reserven, die über M&A zu heben wären?
Buchgewinne sind nicht der Treiber unserer Verkaufsentscheidungen. Uns geht es darum, den Fokus und die Stringenz des Unternehmens zu schärfen und uns auf unser profitables Kerngeschäft zu konzentrieren, auf das, was wir wirklich gut können.

Mit Verlaub und mit Blick auf Ihre Eigenkapitalquote: Wir sind noch nicht völlig überzeugt.
Natürlich nehme ich die Buchgewinne gern mit. Aber wir prüfen gerade den Verkauf weiterer Non-Core Assets, und wir würden auch Deals machen, die keine Buchgewinne bringen. Im Übrigen habe ich schon im vergangenen Jahresabschluss an stillen Reserven gehoben, was ich brauchte, um die Rückstellungen für die Restrukturierung bilanziell verarbeiten zu können: Wir haben unseren Grundstücksbestand um rund 170 Millionen Euro hochgeschrieben. Fast alle nötigen Restrukturierungskosten sind jetzt durch Rückstellungen abgedeckt. Das ist uns auch noch aus einem zweiten Grund wichtig gewesen: Wir wollen Heidelberg aus eigener Kraft aus der Krise herausführen. Das galt vor Corona, und das gilt auch jetzt noch.

Sie haben keine KfW-Hilfskredite beantragt?
Nein, haben wir nicht. Und wir wollen auch in Zukunft ohne auskommen.

Wassenberg will zweistellige Gewinnmarge

Welche Schritte bis zum Abschluss der Restrukturierung sind jetzt noch zu gehen?
Mehrere! Wir müssen den geplanten Stellenabbau zügig abschließen und dabei auch die zweite Managementebene straffen. Auch unsere Gebäude und Grundstücke können und müssen wir konsolidieren, wir verkleinern unsere Strukturen ja auf allen Ebenen. Parallel dazu wollen wir mehr im Wachstumsmarkt China produzieren und dort auch unser Geschäft ausbauen. 

Zudem wollen wir mit unserem Subskriptionsmodell, das Cashflow-seitig wirklich attraktiv ist, weiter wachsen, wenngleich wir dafür auch noch einen Partner suchen. Unsere Bilanz gibt es bis auf weiteres nicht her, Maschinen als Leasinggüter auf unsere Bücher zu nehmen. Dadurch können wir noch nicht das volle Potential dieses erfolgreichen und zukunftsträchtigen Vertriebsmodells ausschöpfen.

„Unsere Bilanz gibt es bis auf weiteres nicht her, Maschinen als Leasinggüter auf unsere Bücher zu nehmen.“

Und was kommt dann?
Eine Zukunftsstrategie, die auch wieder strukturelles Wachstum ermöglicht. Aber zuerst bringen wir unsere Hausaufgaben zu Ende. Wenn es uns gelänge, damit unsere Ertragsziele zu erreichen, wären wir 2023 deutlich Cashflow-positiv und hätten eine zweistellige Ebitda-Marge. Das bedeutet auch ohne Wachstumsfantasie bereits ein attraktives Kurssteigerungspotential.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Der CFO
Marcus Wassenberg ist seit September 2019 CFO von Heideldruck. Zuvor war der 53-jährige CFO bei Senvion und Rolls-Royce Power Systems. Er folgte auf Dirk Kaliebe, der 13 Jahre lang die Finanzen gemanagt hatte. Bei FINANCE-Köpfe erfahren Sie mehr über Werdegang und Karriere von Marcus Wassenberg.

Das Unternehmen
Heidelberger Druckmaschinen ist Weltmarktführer im Bogenoffsetdruck und zählt zur Gruppe der wenigen weltweit tätigen Hersteller von Druckmaschinen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr fiel bei einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro ein Ebitda von 102 Millionen Euro an. Das laufende Geschäftsjahr wird wegen Corona deutlich schwächer ausfallen.

Die Probleme
Der Konzern kämpft schon seit rund zwei Jahrzehnten mit einer ausgeprägten Ertragsschwäche, ausgelöst von massiven Überkapazitäten am Weltmarkt. Prekär ist die Eigenkapitalquote von nur noch 6 Prozent – fallende Rechnungszinsen für die enormen Pensionslasten drücken sie immer weiter in die Tiefe.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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