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Otto cancelt IT-Megaprojekt

Die Otto Group scheitert mit ihrem SAP-Projekt.
Otto Group

Das muss ein schwerer Tag für CFO und IT-Vorstand Jürgen Schulte-Laggenbeck gewesen sein. Der Vorstand der Otto Group kippt das Vorhaben, eine zentrale Standardsoftware für den gesamten Konzern einzuführen, obwohl schon mehrere Millionen Euro investiert worden sind. Stattdessen will der Handels- und Dienstleistungskonzern die entgegengesetzte Strategie der Dezentralisierung verfolgen – und nimmt damit eine Doppel- und Dreifacharbeit in Kauf.

Zentralisierung zu komplex

Unter dem Namen „Passion for Performance“ (P4P) hatte die Otto Group 2009 ein IT-Projekt angestoßen, mit dem der zweitgrößte Onlinehändler einen wesentlichen Teil seiner IT-Systeme durch eine zentrale Standardsoftware ablösen wollte. Der Fokus lag dabei auf Deutschland. „Nach der intensiven Detailplanung der Umsetzungsschritte hat sich dieses Vorhaben jedoch als sehr komplex herausgestellt“, teilte der Hamburger Konzern nun mit. „Angesichts der hohen Komplexität und der zum Teil sehr heterogenen Strukturen der Konzernunternehmen besteht die flexiblere und damit wesentlich bessere Lösung darin, die Otto Group IT künftig dezentral zu managen.“ Alle Konzernunternehmen der Otto Group würden nun ihre eigenen IT-Lösungen planen und umsetzen. Sie sollten „selbstverantwortlich in ihre IT investieren und diese dezentral zukunftsfähig ausrichten“, heißt es in einer Mitteilung weiter.

„Die Unternehmen sind künftig frei in der Entscheidung, welche Software sie einführen wollen“, erklärte eine Unternehmenssprecherin gegenüber FINANCE das weitere Vorgehen. SportScheck, Bonprix und Otto Office arbeiteten an ihren SAP-Einführungen und verfolgen weiterhin ihre Projekte. „Das dabei erarbeitete Know-how steht auch den anderen Einzelgesellschaften zur Verfügung“, betont die Sprecherin. Zudem stelle eine zentrale IT-Governance sicher, dass übergreifende Zielsetzungen verfolgt werden könnten. Auf die Frage, wie die Otto Group einen einheitlichen IT-Standard unter den einzelnen Gesellschaften sicherstellen will, antwortete die Sprecherin: „Dazu gibt es noch keine verabschiedete Strategie. Mit dieser Fragestellung werden wir uns in den nächsten Wochen beschäftigen.“

Die Entscheidung für die Dezentralisierung der IT-Systeme hat aber auch Auswirkungen auf die Geschäftsstrategie des konzerneigenen IT-Unternehmens Group Technology Partner. Wie diese konkret aussehen, ist offensichtlich noch nicht ganz klar. Es müsse sichergestellt werden, dass auch bei einer dezentralen IT der  Aufbau einer konzernweiten Business Intelligence ermöglicht wird, heißt es seitens der Otto Group. „Wie dies genau gestaltet wird, gilt es in den kommenden Wochen zu erarbeiten“, sagte die Unternehmenssprecherin weiter.

Schaden in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe

Doch Otto hat bereits eigenen Angaben zufolge einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag im Rahmen dieses Projekts investiert. Das ist eine Menge Geld. Angesichts solcher Summen wird aber klar, warum in deutschen Unternehmen – wie auch bei Otto – inzwischen der CFO immer häufiger für die IT zuständig ist. Sein Finanzbereich zieht einen großen Nutzen daraus. Doch auch durch die Kosten kommt die IT wie ein Boomerang zum CFO zurück.

Ein weiterer Kostenpunkt ist das Personal: Im P4P-Programm sind derzeit rund 130 Mitarbeiter beschäftigt. „Die Mitarbeiter des P4P-Programms arbeiten bis zum Geschäftsjahresende (28. Februar 2013) weiter“, sagte die  Unternehmenssprecherin zu FINANCE. „Betriebsbedingte Kündigungen können aber nicht ausgeschlossen werden, wir bemühen uns jedoch aktiv, die Mitarbeiter auf vakante Stellen im Konzern zu vermitteln.“

Es war ein „anspruchsvolles Vorhaben“

Die Otto Group hat P4P als eines der „bedeutendsten Projekte in der Geschichte“ der Unternehmensgruppe apostrophiert. Im Rahmen dieses „anspruchsvollen Vorhabens“, wie es der Konzern selbst bezeichnete, wollten die Hamburger ihre Geschäftsprozesse gruppenweit überprüfen und den größten Teil der IT-Anwendungslandschaft unter dem Einsatz von SAP-Standard-Software modernisieren. Mittel der Wahl ist dabei der SAP Solution Manager (SolMan), wie Meike David, Projektleiterin IT bei „P4P“ auf der Unternehmenswebseite erläutert. Der SolMan sei eine zentrale Schlüsselstelle für alle Informationen rund um die SAP-Anwendungen von der Einführung bis zum Betrieb. Er werde daher auch oft als „Single Source of Truth“ bezeichnet. „Wir gehen im Solution Manager teilweise ganz neue Wege gemeinsam mit der SAP, um den Anforderungen an ein so großes SAP-Vorhaben gerecht zu werden“, sagt Meike David weiter. Das SAP-Vorhaben war offensichtlich zu groß für den Konzern.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

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Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.

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