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Deutsche Lichtmiete zieht überraschend Insolvenzanträge zurück

Der Beleuchtungsspezialist Deutsche Lichtmiete zieht die Anträge auf Insolvenz überraschend zurück. Foto: black_kira - stock.adobe.com
Der Beleuchtungsspezialist Deutsche Lichtmiete zieht die Anträge auf Insolvenz überraschend zurück. Foto: black_kira - stock.adobe.com

Pleite oder doch nicht? Der Fall der Deutschen Lichtmiete wird immer skurriler. Nachdem der Oldenburger Beleuchtungsspezialist Ende Dezember Anträge auf Insolvenz gestellt hatte, zieht Vorstandschef Alexander Hahn diese nun überraschend zurück. Und zwar für alle Tochtergesellschaften, die bereits in einem vorläufigen Insolvenzverfahren waren, wie der vorläufige Insolvenzverwalter Rüdiger Weiß gegenüber dem „Handelsblatt“ bestätigt. Damit erhält die Geschäftsführung faktisch wieder die Kontrolle über das Unternehmen.

Plötzlicher Geldsegen bei der Deutschen Lichtmiete?

Ein Rückzieher dieser Art ist recht ungewöhnlich, aber rechtlich möglich, da noch kein Insolvenzverfahren eröffnet war. Bisher wurde im vorläufigen Verfahren noch geprüft, ob Gründe für eine Insolvenz vorliegen. Allerdings sei in den Anträgen von Zahlungsunfähigkeit die Rede gewesen, stellt Insolvenzrechtexperte Marc Gericke in seiner Einordnung der Lage fest. Dem Anwalt liegen laut eigener Aussage die Anträge vor. Die Tatsache, dass die Deutsche Lichtmiete die Insolvenzanträge zurückzieht, würde bedeuten, dass das Unternehmen offenbar zu Geld gekommen ist, um die Gläubiger zu bezahlen, so Gericke.

Doch woher genau das Geld kommen soll, sei dem Gericht nicht mitgeteilt worden, erklärt Insolvenzverwalter Weiß gegenüber dem „Handelsblatt“: „Diese Schreiben von Herrn Hahn enthalten meinem Kenntnisstand nach keine Ausführungen dazu, wie Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung beseitigt werden sollen“, wird er zitiert. Über seinen Anwalt lies der Firmengründer Hahn verlauten, dass er die Rückendeckung der Gläubiger hätte, auch jener Investoren, die eine Zahlungsfähigkeit garantieren würden, so der Bericht weiter. Und es gebe auch einen neuen Vorstand: Unternehmer Thomas Rogalla soll die Lichtmiete AG sowie die Töchter Deutsche Lichtmiete Produktionsgesellschaft und Deutsche Lichtmiete Vermietgesellschaft künftig führen.

Deutsche Lichtmiete: Lampen im Wert von 56 Millionen Euro vermisst

Nicht nur der Rückzieher und die Unklarheit über den plötzlichen Geldsegen werfen Fragen auf. Zusätzliche Brisanz bekommt die ganze Sache dadurch, dass im Bestand der Unternehmensgruppe offenbar Lampen im Wert von 56 Millionen Euro fehlen. Der vorläufige Insolvenzverwalter Weiß hat dies gegenüber dem „Handelsblatt“ bestätigt und erklärt, dass dies auch Gegenstand seines Gutachtens sei. Gegenüber dem „Handelsblatt“ wehrte Hahn allerdings ab und sagte, er könne die genannte Zahl nicht bestätigen.

Ein Gutachten erstellen vorläufige Insolvenzverwalter, um die wirtschaftliche Lage des Unternehmens darzustellen und gegebenenfalls die Eröffnung des Verfahrens zu begründen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Rückzug der Insolvenzanträge wie ein geschickter Versuch, diese Information noch länger aus der Öffentlichkeit zu halten, glaubt Rechtanwalt Marc Gericke. Denn die Berichte des vorläufigen Insolvenzverwalters werden nun vorerst nicht wie geplant den Gläubigern zugestellt. Anfang März hätte das Amtsgericht Oldenburg über das Regelinsolvenzverfahren entscheiden sollen. Im vorläufigen Insolvenzverfahren wurde ein Verkaufsprozess der Vermögenswerte der Lichtmiete angestoßen. Auch dieser Prozess liegt nun vorerst auf Eis.

Was machen die Anleihegläubiger jetzt?

Die Insolvenzanträge zurückzurufen ist zwar legitim, aber meist „witzlos“, ergänzt auch Rechtsanwalt Wilhelm Segelken, der sich zu dem Fall heute öffentlich geäußert hat. Wird „ein Eigenantrag vom Schuldner zurückgenommen (…) dürfte ein nachzureichender Fremdantrag eines Gläubigers wegen Überschuldung zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens führen“, so Segelken. Genau darauf könnte sich die Deutsche Lichtmiete laut FINANCE-Informationen gefasst machen müssen. Wie FINANCE aus den Reihen der Gläubiger, die gestern zusammenkamen, gehört hat, sind nicht alle Investoren vom Manöver des Managers überzeugt und streben einen Fremdantrag an.

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Rückzug der Insolvenzanträge betrifft laufende Ermittlungen nicht

Die Zweifel der Investoren kommen nicht von ungefähr. Schon länger kämpft die Deutsche Lichtmiete mit Vorwürfen bezüglich ihrer Geschäftspraktiken: Die Staatsanwaltschaft geht gemeinsam mit der Zentralen Kriminalinspektion Oldenburg einem Betrugsverdacht nach und ermittelt gegen vier namentlich nicht genannte Personen. Ende vergangenen Jahres folgten zudem Hausdurchsuchungen der Unternehmensräume, und die Behörden ließen wohl auch Konten sperren.

Es ist das Geschäftsmodell der Lichtmiete, dass ins Fadenkreuz der Ermittler rückt. Der Beleuchtungsspezialist nutzt ein System, bei dem Anleger Leuchtsysteme kaufen und an die Lichtmiete zurückvermieten. Diese wiederum vermietet die Beleuchtungssysteme an gewerbliche Kunden weiter. Nach Ende der Mietzeit kauft die Lichtmiete die Leuchtsysteme zu einem zuvor vereinbarten Preis zurück.

Den Investoren, die zunächst über Direktinvestments investierten, versprach Firmengründer Hahn mindestens 5 Prozent jährliche Rendite. Doch die Staatsanwaltschaft hegte offenbar Zweifel an der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells. Der Verdacht der Ermittler: Die Verantwortlichen könnten die mangelnde Tragfähigkeit ebenfalls erkannt, aber dennoch weiterhin Gelder bei Investoren eingesammelt haben. Sollte sich dieser Verdacht erhärten, käme das als „Light as a Service“ vermarktete Modell der Oldenburger einem Schnellballsystem gleich. Diese Ermittlungen seien nicht von den neusten Entwicklungen rund um die zurückgezogenen Insolvenzanträge betroffen, bestätigt die Staatsanwaltschaft dem „Handelsblatt“.

Deutsche Lichtmiete hat mehrere Anleihen emittiert

All sorgt für Unruhe bei Anlegern: Finanziert hat sich die Lichtmiete nicht nur über Direktinvestitionen, sondern seit 2018 mehrfach auch über den Markt für Mittelstandsanleihen im Gesamtvolumen von insgesamt 120 Millionen Euro. Mit der letzten der vier Anleihen hatte die Lichtmiete von einem Jahr noch 30 Millionen Euro mit einer Laufzeit bis 2027 aufgenommen, zu einem Kupon von 5,25 Prozent. Die ausstehenden Anleihen sind nach dem Bekanntwerden der Insolvenzanträge abgestürzt und notieren derzeit zwischen 18 und 28 Prozent. Die Nachricht, dass die Insolvenzanträge zurückgezogen werden, hat zu einer geringfügigen Erholung geführt.

melanie.ehmann[at]finance-magazin.de

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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.