Neuer Eigentümer aus Polen: LOT übernimmt den Ferienflieger Condor.

Condor

24.01.20
Wirtschaft

Condor wird polnisch

Die polnische Airline LOT hat überraschend die beiden Finanzinvestoren Greybull und Apollo ausgestochen und übernimmt den Ferienflieger Condor. Der Deal ermöglicht es dem Ferienflieger, den Staatskredit vollständig zurückzuzahlen.

Die seit Ende September andauernde Zitterpartie bei Condor ist zu Ende. Die staatseigene polnische Polska Grupa Lotnicza (PGL), ihres Zeichens Dachgesellschaft der Fluglinie LOT, hat den Verkaufsprozess für den insolventen Ferienflieger für sich entschieden. Dies gab Condor heute am späten Vormittag bekannt. Nach Abschluss der Kartellprüfung soll der Deal schon im April abgeschlossen werden. Dann kann Condor auch das Schutzschirmverfahren verlassen, in das sich der Konzern begeben hatte, um sich aus dem Sog des im September untergegangenen früheren Mutterkonzerns Thomas Cook zu befreien.

Die beiden ebenfalls interessierten Finanzinvestoren Greybull und Apollo gehen damit leer aus. Der US-Investor Apollo hatte gemeinsam mit mehreren deutschen Reiseveranstaltern für Condor geboten. Insgesamt hätten sechs Parteien nicht-bindende Angebote abgegeben, wovon drei in bindende Angebot überführt worden seien, berichtete der im November von Thomas Cook zurückgekehrte Condor-CFO Christoph Debus. Die Polen hätten am meisten geboten. 

Condor kann Staatskredit zurückzahlen

Um die Suche nach einem neuen Eigentümer zu ermöglichen, flog Condor seit der Thomas-Cook-Pleite mit Hilfe eines staatlichen Überbrückungskredits in Höhe von 380 Millionen Euro. Dieses Darlehen können nun im April vollständig zurückgezahlt werden, sagte Condor-Chef Ralf Teckentrup.

Zum konkreten Kaufpreis wollte er keine Angaben machen. Es kursieren jedoch Gerüchte um eine Einstiegssumme von lediglich 250 Millionen Euro, wie das Luftfahrtmedium „Airliners“ unter Berufung auf Verhandlungskreise berichtet. Dies würde bedeuten, dass Condor in der Lage wäre, selbst einen nennenswerten Teil des Staatskredits zurückzuzahlen. Dazu passt, dass Teckentrup verriet, dass die Airline bislang nicht den gesamten Hilfskredit habe in Anspruch nehmen müssen. 

Condor-Kauf verdoppelt bei LOT den Umsatz

Mit dem Condor-Deal untermauern die Polen den starken Expansionskurs, den sie in der jüngeren Vergangenheit eingeschlagen haben. Gegenüber 2015 hat sich die Zahl der von LOT beförderten Passagiere auf über 10 Millionen mehr als verdoppelt, ebenso die Anzahl der Flugzeuge. Mit dem Kauf von Condor verdoppele man den Umsatz noch einmal auf einen Schlag, sagte PGL-Chef Rafal Milczarski auf der heutigen Pressekonferenz in Frankfurt.

Bereits vergangene Woche hatte er 20 Millionen Passagiere als Wachstumsziel bis 2024 angegeben. Inklusive Condor würde er dieses Ziel fast schon erreichen. Einen Stellenabbau schloss der polnische Flugmanager aus, vielmehr rechne er mit Neueinstellungen.

Milczarski will auch beide Markennamen erhalten. So solle Lot in Zukunft für das Liniengeschäft, Condor für das Urlaubsgeschäft stehen. Der neuen Tochter räumt er aber Wachstumschancen im Ausland ein, insbesondere in Österreich und der Schweiz. Außerdem könnte Condor neue Stützpunkte in Polen und  Ungarn aufbauen. Doch das dortige Marktumfeld ist eine Herausforderung: Beide Luftfahrtmärkte werden von Ultra-Low-Cost-Carrieren wie Ryanair und Wizzair dominiert. 

Die Polen wollen bei Condor keine weiteren Stellen streichen. Stattdessen stehen die Zeichen auf Expansion.

LOT bringt Vor- und Nachteile für Condor

Die Übernahme durch LOT bringt Condor Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass Condor mit LOT – einer europäischen Staatsairline – an der Seite mühelos die Anforderungen der Luftfahrtbehörden erfüllen wird, zu mindestens 51 Prozent im Besitz von Eigentümern aus der Europäischen Union zu sein. Nur so kann Condor nach einem Eigentümerwechsel die wertvollen Start- und Landerechte behalten. Bei einem Kauf durch britische oder US-Finanzinvestoren hätten komplizierte Holding-Konstruktionen und wahrscheinlich auch europäische Co-Investoren gefunden werden müssen, um diese für den Flugbetrieb zentrale Bedingung zu erfüllen.

Andererseits ist LOT Mitglied der Star Alliance und damit bislang ein enger Partner der Lufthansa. Die Lufthansa ist auch der wichtigste Anbieter von Zubringerflügen für Condor-Strecken, expandiert allerdings gerade ebenfalls stark auf touristischen Strecken. Damit droht aus der Partner- eine Gegnerschaft zu werden. Der Schulterschluss von Condor und LOT dürfte bei der Lufthansa Gesprächsbedarf auslösen.

Condor beschert LOT hohen Investitionsbedarf

Neben den schwierigen politischen Fragen dürfte die Condor-Übernahme für LOT auch ein finanzieller Kraftakt sein, wie ein Blick auf die Größenverhältnisse zeigt. LOT verfügt über eine Flotte von über 80 Maschinen und beschäftigt mehr als 2.000 Mitarbeiter. Condor hat derzeit knapp 60 Flieger in der Luft, die 9 Millionen Passagiere im Jahr befördern, beschäftigt mit fast 5.000 aber wesentlich mehr Mitarbeiter als die Polen.

Das Problem ist die Struktur der Condor-Flotte. Diese ist nicht mehr die jüngste, vor allem im Langstreckenbereich. Das durchschnittliche Alter der Jets liegt bei über 18 Jahren. Deshalb stehen in den nächsten Jahren hohe Investitionen in die Anschaffung neuer Flugzeuge an. Allein auf der Langstrecke müssen mittelfristig 16 Großflugzeuge vom Typ 767 ausgetauscht werden. Diese Ausgaben könnten einen hohen dreistelligen Millionenbetrag erreichen, wahrscheinlich sogar noch mehr.

Milczarski stellte in Aussicht, dass LOT Condor „schon in den kommenden Monaten“ zehn Langstreckenflugzeuge zur Verfügung stellen könne. Zudem will er für Condor 20 neue Jets ordern. So will er in nur zwei bis drei Jahren die komplette Condor-Langstreckenflotte erneuert haben. Bei der eigenen Langstreckenflotte setzt LOT auf die Boeing 787 Dreamliner, die 20 Prozent weniger Treibstoff verbraucht als ältere Modelle.

LOT will 20 neue Jets für Condor ordern und in nur zwei bis drei Jahren die komplette Langstreckenflotte erneuern.

Condor hat Altlasten reduziert

Die von Thomas Cook immer wieder aufgeschobene Investitionsoffensive wird nun auch deshalb möglich, weil die Condor-Führung und die Beschäftigten wesentliche Sanierungsschritte bereits eingeleitet haben. So ist Condor mit dem Carve-out aus dem Thomas-Cook-Konzern und dem Abschütteln von Altlasten während der vergangenen Monate schon weit vorangekommen.

Erst vor einer Woche stimmten die Gewerkschaften dem Abbau von 150 der 2.400 Stellen beim Kabinenpersonal zu. In der Verwaltung wurden bereits 170 der ursprünglich 750 Stellen abgebaut. In den Cockpits wird zwar nicht gekürzt, aber auch die Piloten mussten für die Restrukturierung finanzielle Zugeständnisse machen. Condor erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Euro und einen Vorsteuergewinn von 57 Millionen Euro.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de