Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin – für mehr Transparenz hat er bislang nicht gesorgt.

picture alliance/dpa/Reuters Images Europe/Pool/Fabrizio Bensch

FINANCE+ 11.03.21
Wirtschaft

Wire and fire

Die Ermittlungen zu Wirecard zeigen es immer deutlicher: Es ist der aberwitzigste Finanzskandal seit langem. Nun soll die Bafin endlich mehr Biss bekommen – ein Blick hinter die Kulissen.

Das Château Petit Versailles ist eine feudale Anlage aus dem 14. Jahrhundert, die auf dreieinhalb Etagen über eine zweigeschossige Kapelle und ein eigenes Theater mit Muschelgrotte verfügt, wie in einem Werbevideo zu sehen ist. Schloss Frohsdorf, wie der richtige Name des Prachtbaus lautet, liegt vor den Toren Wiens. Umgeben ist es von einem Wassergraben und einem Ziergarten, in den eine Freitreppe führt. So illuster die Immobilie, so hochkarätig die Klientel: Anfang 2017 erwog auch der damalige Wirecard-CEO Markus Braun, die Immobilie zu beziehen, wie aus E-Mails einer Immobilienmaklerin hervorgeht, die FINANCE vorliegen.

Der Name „Klein-Versailles“ sagt viel darüber aus, in welchen Dimensionen der einst gefeierte Tech-Guru dachte und wie sich Braun gerierte. Der Möchtegern-Sonnenkönig aus Österreich entschied sich letztlich gegen das Schloss. Obdach fand er stattdessen in zwei Nobelvillen in Wien und Kitzbühel wie auch in seinem Feriendomizil in der Nähe des französischen Jetset-Hotspots Saint-Tropez. All diese Immobilien sind aber harmlos im Vergleich zu dem Luftschloss namens Wirecard, an dessen Errichtung Markus Braun mutmaßlich mitgewirkt haben soll.

Vor gut zweieinhalb Jahren war der aufstrebende Finanzdienstleister an der Börse mehr als 21 Milliarden Euro wert und überflügelte damit die Deutsche Bank. Top-KPIs, Spitzenmargen und eine Dauer-Hausse bildeten in Tateinheit mit namhaften Kunden und Business-Fantasien das Fundament für einen Skandal, der so großkotzig, aberwitzig und wirr ist wie kein anderer in Deutschland zuvor.

Anleger haben bei Wirecard alles verloren

Um den ramponierten Ruf als Finanzstandort wieder aufzupolieren und um zu zeigen, dass Deutschland aus den peinlichen Pannen gelernt hat, ermittelt die Staatsanwaltschaft in München auf Hochtouren. Aber auch die Politik baut Druck auf: „Das ist eine öffentliche Tatortbegehung“, sagt Fabio De Masi, finanzpolitischer Sprecher und Obmann der Linken im parlamentarischen Untersuchungsausschuss „Wirecard“. Das Gremium hat seit Anfang Oktober mehr als 50 Zeugen befragt und sich dafür durch massenweise Akten und interne E-Mails gearbeitet.

Eine Nachricht stammt von der Kleinanlegerin Anna S. an Braun und seinen Vize Jan Marsalek zwei Monate vor dem Insolvenzantrag: „Ihr Dax-Unternehmen hat in nur drei Tagen 90 Prozent meines Investments verbrannt. Ein Großteil meiner Ersparnisse ist futsch. Ich weiß überhaupt nicht, wie es weitergehen soll. Ich kann mir einen Strick holen.“ Neben zahlreichen Kleinanlegern gehören aber genauso (Groß-)Banken, Investoren und Wirtschaftsprüfer zu den Geprellten. 

Lesen Sie weiter und seien Sie immer einen Schritt voraus!

Ihre Vorteile mit FINANCE+

  • Exklusive Einblicke in die Corporate-Finance-Welt:

    Banking und Kapitalmarkt, Jobwechsel und Deals.

  • Aktuell und Business-relevant:

    Aktuelle News, relevante Hintergründe, fundierte Analysen.

  • Alles in einem Paket:

    Der gesamte FINANCE-Content aus Online und Magazin in einem Paket.