Schwarze Tage für Moskaus Finanzmarkt: Welche Turbulenzen löst der Rubel-Kollaps noch aus?

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18.12.14
Wirtschaft

5 Antworten zum – Rubel-Kollaps

Die Währungskrise in Russland ist eskaliert. Was passiert dort gerade – und wie geht es weiter? Welchen Anteil an der Panik hat der neue Jumbo-Bond des Ölriesen Rosneft, und können deutsche Unternehmen den Rubel jetzt überhaupt noch hedgen? Was CFOs und Investoren jetzt wissen müssen.

Wie schlimm ist die Lage vor Ort?

In Moskau und anderen Städten Russlands zeigen sich Zeichen von Panik. Vor den Auto- und Möbelhäusern haben sich lange Schlangen von Menschen gebildet, die noch schnell ihre Rubel ausgeben wollen, bevor die Preise explodieren. Gerüchteweise sollen in Kürze erste Waren in Fremdwährungen ausgezeichnet werden. In Finanzkreisen und bei ausländischen Investoren in Russland wächst die Furcht vor Kapitalverkehrskontrollen, mit denen der Kreml der ausufernden Kapitalflucht Herr zu werden versuchen könnte.

Hinzu kommt eine psychologische Verunsicherung, die sich ausgerechnet um die wichtigste Instanz in der derzeitigen Währungskrise dreht. „Hätte die Zentralbank das De-facto-Pegging des Rubels an den Dollar nicht vor wenigen Wochen aufgegeben, wäre ein derart scharfer Rubel-Absturz technisch überhaupt nicht möglich gewesen“, glaubt Bernhard Esser, Emerging-Markets-Experte der HSBC. Die Bank of Russia agiert in Terra Incognita. „Die Investoren haben keine Erfahrungswerte, wie die Zentralbank in dieser für sie völlig neuen Welt agieren wird – und auch die Zentralbank selbst verfügt noch über keine Erfahrungen mit so einer Situation.“

Ihr drastischer Zinsschritt vom Montag ging jedenfalls nach hinten los. Und im Zuge ihrer Interventionen am Devisenmarkt hat die Bank of Russia in diesem Jahr schon über 80 Milliarden Dollar ihrer Fremdwährungsreserven verbrannt, die mit 370 Milliarden Dollar allerdings immer noch üppig sind – die wohl letzte Verteidigungslinie der Russen vor dem totalen Crash ihrer Währung.

Welche Zahlen zeigen das Ausmaß der Krise?

Auf einen „schwarzen Montag“ am Moskauer Finanzmarkt folgte ein nicht minder „schwarzer Dienstag“. Der russische Blue-Chip-Index RTS verlor an beiden Tagen jeweils über 10 Prozent. Zwischenzeitlich sackte der RTS am Dienstag sogar auf 578 Punkte ab – 20 Prozent unter Vortag. Am gestrigen Mittwoch konnte sich der Markt stabilisieren und die 700er-Marke wieder überwinden, die Kursverluste vom Vortag wieder wettgemacht wurden. Seit Ende November steht aber nach wie vor ein Minus von über 30 Prozent zu Buche, die Volatilität ist gewaltig.

Im Devisenhandel durchbrach der Rubel am Dienstag kurzzeitig die Horror-Marke von 100 Rubel je Euro – Anfang Oktober stand Rubel/Euro noch bei 50. Am Mittwoch wertete der Rubel gegenüber dem Euro wieder auf unter 80 Rubel je Euro auf, nachdem die Zentralbank vehement interveniert hatte – verbal orchestriert von der russischen Regierung, die von „Maßnahmen gegen die Orgie am Devisenmarkt“ sprach.

Nach der Leitzinserhöhung am Montag von 10,5 auf 17 Prozent ächzt die russische Realwirtschaft nun unter Kreditzinsen von fast 25 Prozent. Gleichzeitig sank der Ölpreis (Brent) erstmals seit der Weltwirtschaftskrise Anfang 2009 unter 60 Dollar je Barrel – Anfang September notierte der Ölpreis noch über 100 Dollar. Bliebe es dabei, würde die russische Wirtschaft 2015 laut der Bank of Russia um 4,5 Prozent schrumpfen.

Die Gemengelage aus Währungsverfall und Wirtschaftskrise wird auch die deutschen Exporte nach Russland weiter belasten, die in diesem Jahr ohnehin schon um 20 Prozent zurückgegangen sind.     

Welche Rolle spielt Rosneft bei der Panik am russischen Finanzmarkt?

Rosneft ist ein wankender Gigant. Dem neben Gazprom wichtigsten russischen Unternehmen droht eine Finanzierungs- und Liquiditätskrise. Rosneft hat seit der Mega-Übernahme des russischen Kontrahenten TNK-BP 2013 eine hoch brisante Bilanzsituation mit Auslandsschulden im Gegenwert von mehr als 30 Milliarden Dollar.

Diese sind zum größten Teil in Fremdwährung aufgenommen, die zum Teil kurzfristig fällig werden und dem Konzern über den Kopf zu wachsen drohen. Auch Rosneft ist von den Finanzsanktionen des Westens getroffen und kann sich daher nicht frei an den westlichen Kapitalmärkten refinanzieren.

Ende des dritten Quartals wies Rosneft Nettofinanzschulden von 45 Milliarden US-Dollar aus, errechnet mit einem Wechselkurs von 35 Rubel je Dollar. Auf Basis des aktuellen Wechselkurses müsste Rosneft heute – keine drei Monate später – schon einen Schuldenberg von über 85 Milliarden Dollar bilanzieren.

Vor wenigen Tagen schürte Rosneft mit einer dubiosen Transaktion weiteres Misstrauen: Der Ölriese begab einen inländischen Rubel-Bond in Höhe von umgerechnet rund 10 Milliarden Dollar. Unklar ist, wer das Papier gezeichnet hat, aber viele denkbare Möglichkeiten gibt es nicht. In Moskau wird spekuliert, Rosneft habe die frischen Mittel umgehend in Dollar getauscht, um seine Auslandsschulden zu bedienen – und damit die Rubel-Panik mit ausgelöst. Allein zwischen Dezember und dem nächsten Februar muss Rosneft 14 Milliarden US-Dollar refinanzieren.

Mit Nothilfen aus dem Ölfonds des russischen Staates in zweistelliger Milliardenhöhe hofft Rosneft, sich über Wasser halten zu können. Doch die beantragte Summe ist so hoch, dass der Reservefonds, der auch andere von den Finanzsanktionen betroffene russische Unternehmen stützen soll, nach der Auszahlung so gut wie leer wäre.     

Müsste Russland – mit 70 Prozent der dominierende Aktionär – für Rosnefts Auslandsschulden einspringen, würde die Firepower der russischen Staatsfonds schwer dezimiert, was die nächste Stufe der Abwärtsspirale am russischen Finanzmarkt in Gang setzen könnte.

Kann man den Rubel überhaupt noch hedgen?

De facto nein. „Die Zinsen in Russland liegen jetzt bei über 20 Prozent, das hat die Hedging-Kosten explodieren lassen“, berichtet Bernhard Esser, Emerging-Markets-Experte der HSBC. „Sehr viele CFOs wägen sehr genau ab, ob sie sich das noch leisten wollen, denn die Hedging-Kosten sind prohibitiv teuer.“

Wer sich zu diesen Kosten noch gegen einen weiteren Rubel-Verfall absichert, schützt sich in realita nur noch vor dem totalen Zusammenbruch der russischen Währung, nicht mehr vor weiteren „normalen“ Kursverlusten. FINANCE-Informationen zufolge halten die meisten CFOs derzeit die Füße still und hoffen, dass der Sturm sich wieder legt.

Wie gehen die Russen mit der Situation um?

Russisch-lakonisch. Unter den Russen lebt gerade ein alter Witz aus den Neunzigern wieder auf: „What would you change if you could travel back in time? – Roubles“  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de