Fußballgranden rund um den jetzigen Fifa-Chef Gianni Infantino (Mitte): Wie zahnlos ist das Financial Fairplay?

Uefa

04.12.18
Wirtschaft

Trotz Football Leaks: „Financial Fairplay ist nicht tot“

Die neuen Enthüllungen aus den „Football Leaks“ erwecken den Eindruck, die Finanzregeln des europäischen Fußballverbands Uefa seien ein zahnloser Tiger. Diese Sichtweise ist falsch, behauptet Financial-Fairplay-Experte Stefan Schreiber.

Sie sind Experte für Financial Fairplay, das Regelwerk des europäischen Fußballverbands Uefa. Es soll dafür sorgen, dass die Fußballklubs keine exzessiven Defizite anhäufen. Die jüngsten Enthüllungen im „Spiegel“ haben nun aber endgültig gezeigt, dass Financial Fairplay ein zahnloser Tiger ist. Finden Sie nicht auch?
Ich finde die Berichte der so genannten „Football Leaks“, aus denen der „Spiegel“ zitiert, auch beunruhigend. Aber man sollte differenzieren: Ja, es gab Aufweichungen des Regelwerks. Aber das Financial Fairplay existiert nach wie vor.

Diese Sichtweise müssen Sie erklären.

Zunächst einmal stimme ich zu: Es deutet vieles darauf hin, dass Paris St. Germain im Jahr 2014 mit einer Strafe von 60 Millionen Euro und einer Begrenzung des Spielerkaders für die folgende Champions-League-Saison von 25 auf 21 Spieler zu gering sanktioniert wurde. Aber Fakt ist auch: Es gab Sanktionen, in ähnlichen Dimensionen auch gegen Manchester City.

Außerdem wird nun im Jahr 2018 erneut gegen PSG wegen Verstoßes gegen die Break-even-Regel infolge zu hoher Transferausgaben für Spieler wie Neymar (222 Millionen Euro) und Mbappé (180 Millionen Euro) ermittelt. Die Break-even-Regel besagt grob zusammengefasst, dass Klubs nicht mehr ausgeben dürfen als sie sportrelevant einnehmen. Auch dem AC Mailand, einem der größten italienischen Klubs, drohen gerade empfindliche Strafen – bis hin zu einem möglichen Ausschluss aus dem europäischen Wettbewerb. Auch AS Rom und Inter Mailand wurden zu Strafzahlungen und Kaderreduzierungen verurteilt.

Kann die Uefa sich selbst regulieren?

Aber im Grundsatz ist es doch so, dass die Uefa als Veranstalter zum Beispiel der Champions League kein Interesse daran hat, die Zugpferde dieser Wettbewerbe zu sehr zu schwächen. Wäre eine neutrale dritte Instanz nicht besser geeignet, die Regeln des Financial Fairplay durchzusetzen?
Grundsätzlich natürlich ja. Aber Fußballklubs und -Verbände sind keine staatlich regulierten Institutionen wie beispielsweise Banken oder Telekommunikationsanbieter. Die Uefa genießt Verbandsautonomie und kann sich selbst regulieren, solange sie dabei die allgemeinen Gesetze beachtet, insbesondere das Europäische Wettbewerbs- und Kartellrecht.

„Die Uefa will Financial Fairplay tatsächlich ernsthaft durchsetzen.“

Stefan Schreiber, Jurist bei CMS und Experte für Financial Fairplay

Und dass der Veranstalter der Champions League selbst über das Financial Fairplay wacht, ist sachlich auch nicht ganz richtig. Die Uefa-Finanzkontrollkammer, die letzteres tut und aus einer ermittelnden und einer rechtsprechenden Einheit besteht, ist innerhalb der Uefa formell unabhängig. Und das lebt sie auch. Zum Beispiel hat die Rechtsprechende Kammer vor kurzem die Überprüfung der offenbar überhöhten Transferausgaben von Paris St. Germain aus 2017 und 2018 zu weiteren Ermittlungen an die Ermittelnde Kammer zurückverwiesen. Hiergegen hat Paris St. Germain Beschwerde vor dem Sportgerichtshof CAS eingelegt. Die Kammer bleibt in dieser Sache aber am Ball. Ich schätze sie als eine Stelle ein, die das Financial Fairplay tatsächlich ernsthaft durchsetzen will.

„Financial Fairplay kann große Wirkung entfalten“

Hat die Finanzkontrollkammer auch eine Chance, sich damit verbandsintern durchzusetzen?
Das glaube ich schon. Vergessen Sie nicht, dass die Verantwortlichen bei der Uefa gewechselt haben! In den „Football Leaks“ geht es um den damaligen Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino, der heute den Weltverband Fifa leitet. Er soll es ja gewesen sein, der Paris St. Germain vor einer härteren Strafe bewahrt hat. Der neue Uefa-Präsident Aleksander Ceferin, der auf Michel Platini folgte, hat angekündigt, das Financial Fairplay konsequenter umzusetzen.

Glauben Sie Ceferin?
So lange keine gegenteiligen Hinweise auftauchen, ja. Die Abgesänge auf Financial Fairplay teile ich nicht, da schwimme ich gegen den Strom. Das Regelwerk an sich ist gut, und Financial Fairplay ist nicht tot. Setzt die Uefa es jetzt tatsächlich härter durch als früher, könnte es noch große Wirkung entfalten. Man darf nur nicht erwarten, dass es für Chancengleichheit sorgt. Dass es diese nicht gibt, liegt an der Verteilung der Gelder und den unterschiedlich großen Märkten. Financial Fairplay soll lediglich dafür sorgen, dass Vereine nachhaltig und im Rahmen ihrer eigenen Einnahmen wirtschaften.      
 
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Der Rechtsanwalt Stefan Schreiber ist Senior Associate der Kanzlei CMS und setzt sich auch im Rahmen seiner Dissertation mit dem Financial Fairplay der Uefa auseinander.

Analysen zu den Finanzen deutscher Fußballklubs finden Sie in unserem Fußball-Finanz-Blog Dritte Halbzeit.