Das Coronavirus wirkt sich auf die Lieferketten von deutschen Unternehmen aus. Sie sollten schnell reagieren.

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03.03.20
Wirtschaft

Wie das Coronavirus die Supply Chain stört

Immer stärker stört das Coronavirus die Lieferketten deutscher Unternehmen. Wie CFOs dagegen angehen können, berichtet Risikomanagement-Spezialist Heiko Schwarz.

Herr Schwarz, das Coronavirus bedroht die Supply Chains vieler deutscher Unternehmen. Wo genau in den Lieferketten ist die Gefahr denn am größten?
Oft kollabiert die Supply Chain an den logistischen Knotenpunkten, also zum Beispiel an Häfen oder Flughäfen. Und nicht immer geraten Lieferketten ins Wanken, weil die eigenen Lieferanten ausfallen. Auch Zwischenlagen, Logistikanbieter oder Sub-Lieferanten sind anfällig.  

Welche Disruptionen genau drohen denn bei Zwischenlagern, Logistikanbietern und Sub-Lieferanten, und wie bekommen deutsche Unternehmen mit, wenn sich dort etwas zusammenbraut?
Die Probleme ergeben sich durch die Kombination von fehlenden Arbeitskräften (Reiserestriktionen), ausstehenden oder stark verspäteten Zulieferungen sowie Transportrestriktionen durch Kontrollzonen, Checkpoints und Quarantänezonen. So sind zum Beispiel an den wichtigen Häfen Lagerplätze für Container rar, und Reedereien laden Container an anderen Häfen ab, weil die Zu- und Ablieferungen über den Landweg nicht mehr reibungslos klappen. Für den CFO und die Risikoabteilung wird es ziemlich schwierig, die Gefahren für die Supply Chain zu identifizieren, weil die Lieferanten und Sublieferanten aus Tier zwei oder drei nicht bekannt sind. Hilfreich können dann KI-Tools sein, die Risiken in der betroffenen Lieferkette suchen.

Folgen für die Supply Chain durch Corona

Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der Logistiker, ihre Probleme zu lösen? Der Abnehmer in Deutschland kann da wenig unterstützen, oder?
Das ist schon richtig. Jeder Teilnehmer der Lieferkette hat seine Pflichten. Das ändert jedoch nichts daran, dass unsere Produktionsunternehmen Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden haben. Die Folgen sind Vertragsstrafen, Auftragsstornierungen oder im besten Fall erhöhte Kosten durch Notfalllogistik. Da sich chinesische Firmen auf „Force Majeure“ berufen – unterstützt durch die Regierung –,  sind die Chancen auf Schadensersatz sehr gering.

Welche Branchen leiden jetzt schon unter Lieferschwierigkeiten, die auf die Situation in China zurückzuführen sind?
Vor allem die Elektronikindustrie ist betroffen. Zum Beispiel für Halbleiter werden viele Bauteile in der stark betroffenen Region Hubei produziert. Auch Zulieferteile für Haushaltsgeräte und Autos können vielfach nicht geliefert werden. Auch bei der Medizintechnik ist die Verknappung schon deutlich zu sehen. Nach unserer Recherche haben durch Corona aktuell 81 Prozent der produzierenden Unternehmen Versorgungsprobleme in Ihren Supply Chains. Das ist schon enorm.

Wie hoch sind die Kosten, die daraus entstehen?
Die Einflüsse auf den Cashflow sind erheblich. Beispiel Absatz: In den ersten Wochen dieses Jahres ist der chinesische Automarkt um 92 Prozent eingebrochen. Dort kommt kein Umsatz mehr rein. Gleichzeitig führen die Versorgungsengpässe für die Produktion dazu, dass betroffene Unternehmen Geld in die Hand nehmen müssen, um die Probleme zu lösen. Das kann ein Einkaufsteam sein, das neue Quellen sucht, oder es sind eklatant steigende Frachtkosten. Schon jetzt müssen Unternehmen auf den teureren Luftweg setzen, um an Material zu kommen. Beides zusammen ist die schlechteste Gleichung, die ein Unternehmen haben kann: Fehlende Umsätze und steigende Kosten - manche erholen sich danach gar nicht mehr.

Wie können sich Unternehmen im Voraus dagegen wappnen?
Je größer das Unternehmen ist, desto mehr Lieferkettenstörungen sind mit einkalkuliert. Bei Daimler und BMW sind das laut Geschäftsbericht 1,5 bis 2 Milliarden Euro im Jahr. Sie rechnen mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 33 bis 50 Prozent. Viele Mittelständler haben einen solchen Puffer in ihren Planungen aber nicht.

Störungen in der Lieferkette minimieren

So oder so müssen CFOs auf Supply-Chain-Störungen auch ad-hoc reagieren.
Ja. Als kurzfristige Maßnahme empfehle ich, dass die Risikoabteilung fünf Fragen zur Lieferkette klärt, und das innerhalb weniger Stunden.

  1. Was genau ist passiert? Das Management muss wissen, welche Ursache zu Problemen in der Lieferkette führt – denn die Abstellmaßnahmen können sehr unterschiedlich sein.
  2. Welche Lieferanten sind betroffen? Je nachdem, welche Lieferanten in den Krisenzonen sitzen, fallen andere Materialien aus.
  3. Welches Material ist betroffen? Nach der Sichtung des Lagerbestands müssen gezielt Alternativen gesucht werden. 
  4. Welche meiner Produkte brauchen dieses Material? Das Management muss prüfen, welche Produkte nicht mehr hergestellt werden können und wie sich das auf den Umsatz und die Marge auswirkt.
  5. Welche Kunden sind betroffen? Unternehmen müssen die Kunden priorisieren und entscheiden, wer die Produkte bekommt. Das kann gleichberechtigt sein – so wie manche es in den Verträgen geregelt haben – oder nach höchster Marge entschieden werden. Wichtig ist, jedem Kunden so früh wie möglich Bescheid zu geben, ob und wann er mit Lieferstörungen rechnen muss.

Noch ist das kaum abschätzbar, wie schlimm die wirtschaftlichen Folgen insbesondere in China sind. Was wäre das Worst-Case-Szenario?
Das wäre, wenn die chinesischen Behörden es nicht schaffen, das Virus einzudämmen. Dann würden fast alle Logistikwege kollabieren – auch in der westlichen Hemispähre sofern sich Covid auch hier ausbreitet. Diese Entwicklung ist voraussichtlich noch zwei bis sechs Wochen entfernt, aber aktuell scheint sich die Lage in China ja zumindest etwas zu entspannen. Aber selbst falls die allermeisten chinesischen Fabriken schon bald wieder laufen sollten, kämen trotzdem noch Verzögerungen auf die chinesischen Produzenten zu. Viele Arbeiter und Fahrer kommen wegen Checkpoints und weiteren Maßnahmen derzeit schlicht nicht an ihren Arbeitsplatz.

Könnten Unternehmen nicht einfach ihre Beschaffungsstrategie ändern? Es gibt noch andere Werkbänke auf der Welt als China.
Das klappt kurzfristig nur bei sogenannten Normteilen, etwa einfachen Schrauben, die man leicht bei anderen Händlern beschaffen kann. Bei sicherheitsrelevanten Teilen, High-Tech-Komponenten oder bei Medikamenten kann es Monate bis Jahre dauern, bis alternative Anbieter in die Produktion kommen. Aufgrund der Größe dieser Herausforderung steckt hier für deutsche Unternehmen aber auch eine große Chance, gegenüber ihren internationalen Wettbewerbern hervorzustechen. Wer präventiv seine Lieferkette gesichert hat und auch in den nächsten Monaten noch zuverlässig liefern kann, wird Prestige und viele neue Kunden gewinnen.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

Heiko Schwarz ist CO-Founder und Managing Director von Riskmethods. Das Münchner Unternehmen ist auf das Risikomanagement von Lieferketten spezialisiert.

Ob Corona der China-Konjunktur den Rest gibt, können Sie hier nachlesen. Wie sich das Virus auf M&A-Deals auswirkt, finden Sie hier