In der Wirtschaft läuft es derzeit nicht rund. Deutschland steuert auf das dritte Rezessionsjahr in Folge zu. In dieser Phase wuchs die Kritik an der EU und auch an der bisherigen Bundesregierung, diese wären bei ihren Nachhaltigkeitsbemühungen über das Ziel hinausgeschossen.
Manch ein CFO verbindet mit dem Wort ESG derzeit möglicherweise vor allem eines: Bürokratie. Was bedeutet das für die nachhaltige Transformation in den Unternehmen und für die Entwicklung des Green-Finance-Marktes? Eine aktuelle Umfrage unter 156 Finanzverantwortlichen in Deutschland, die F.A.Z. Business Media | research im Auftrag von LBBW und FINANCE durchgeführt hat, gibt Aufschluss.
Unruhige Weltlage verzögert ESG-Transformation
Dass die unruhige Lage in der Welt Auswirkungen auf die Nachhaltigkeitsbemühungen deutscher Unternehmen hat, ist bereits deutlich zu erkennen. Mehr als ein Drittel der Befragten gibt an, dass die geo- und wirtschaftspolitischen Verwerfungen die nachhaltige Transformation in ihrem Unternehmen verzögern: 14 Prozent beantworten diese Frage mit einem klaren Ja; bei 22 Prozent ist das „teilweise“ der Fall.
„Grundsätzlich sehen alle die Notwendigkeit, das Thema voranzutreiben“, kommentiert Joachim Erdle, Unternehmenskundenvorstand der LBBW. „Die Unternehmen fokussieren vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen aber andere Themen zunehmend höher und rücken bei ihren Bestrebungen in Bezug auf Nachhaltigkeit die Wirtschaftlichkeit noch stärker in den Fokus.“
Immerhin: Bei knapp der Hälfte der Befragten gab es keine Verzögerungen. Ebenfalls bemerkenswert: Nur 13 Prozent der Finanzentscheider sagen, dass die nachhaltige Transformation noch keine Rolle für das eigene Haus spiele – ein Indikator dafür, wie tief ESG-Themen inzwischen in der Unternehmenswelt verankert sind.
ESG-linked Bonds haben einen schweren Stand
Dass dem Thema Nachhaltigkeit derzeit dennoch der Rückenwind fehlt, lässt sich auch an den Entwicklungen am Green-Finance-Markt ablesen. Insgesamt wächst zwar die Zahl der Unternehmen, die solche Finanzierungen eingesetzt haben. Allerdings bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück.
Im vergangenen Jahr hatten speziell ESG-linked Bonds einen schweren Stand: So verzichtete unter anderem die Telekom bei einer neuen Anleiheemission auf diesen Mechanismus, obwohl sie ein entsprechendes Framework hat. Gründe für die Marktschwäche sind unter anderem Diskussionen darüber, ob die gesetzten Ziele in den Finanzierungen wirklich ambitioniert sind, und Investoren, die die Komplexität der Instrumente scheuen.
Wachsende Nachfrage bei Green Finance erwartet
Bei ESG-linked Loans zeigt die Studie immerhin einen Anstieg von 5 Prozentpunkten, 22 Prozent der Finanzentscheider haben solche Instrumente bereits genutzt. 2024 gab es jedoch auch einige Unternehmen, die bei neuen Konsortialkrediten auf den Einbau eines ESG-Links verzichtet haben – selbst wenn sie diesen Mechanismus davor bereits genutzt hatten. Dazu zählte beispielsweise der Autobauer Mercedes-Benz.
Vorschnell abschreiben sollte man den Green-Finance-Markt dennoch nicht: Neun von zehn derjenigen Befragten, die bereits nachhaltige Finanzierungsinstrumente genutzt haben, würden es wieder tun. Das spricht für eine hohe Zufriedenheit der aktiven Nutzer.
Außerdem erwartet die Mehrheit der Befragten, dass die Nachfrage nach solchen Instrumenten künftig weiter steigen wird. Auch hier schwingt das Pendel in Richtung projektbezogene Finanzierungen: Für Use-of-Proceeds-Instrumente erwarten 59 Prozent der Befragten einen expandierenden Markt. Diese sind weltweit betrachtet deutlich beliebter und auch weiter verbreitet als Finanzierungen, die mit ESG-Zielen verknüpft sind. Aber auch bei ESG-linked Finanzierungen glauben noch 45 Prozent an ein Wachstum.
Green Finance bringt Reputationsvorteile
Als größter Vorteil der Nutzung nachhaltiger Finanzierungsinstrumente gilt die Verbesserung der Reputation. Dieser Faktor steht für 66 Prozent im Fokus, das sind 7 Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. 42 Prozent nennen zudem die Verbreiterung der Investorenbasis als Aspekt, der Green Finance attraktiv macht. Auch hier zeigt sich eine deutliche Veränderung: 2024 gaben das nur 36 Prozent an – ein Indikator dafür, dass Green Finance sich mehr und mehr am Kapitalmarkt etabliert.
Nur für knapp ein Drittel spielen geringere Finanzierungskosten als Anreiz zur Nutzung nachhaltiger Finanzierungsinstrumente eine große Rolle. Das Ergebnis legt den Finger direkt in die Wunde: 60 Prozent der Befragten geben an, dass der geringe finanzielle Vorteil sie daran hindert, nachhaltige Finanzierungen zu nutzen.
Bei ESG-linked Loans sind es in der Regel nur einige wenige Basispunkte, die ein Unternehmen möglicherweise einsparen kann. Am Bond- und Schuldscheinmarkt lässt sich das sogenannte Greenium schwer bemessen, da Unternehmen selten zum selben Zeitpunkt vergleichbare grüne und herkömmliche Transaktionen platzieren.
Daten und Reporting sind größtes Hindernis
Noch schwerer wiegt ein anderes Thema: 63 Prozent der Befragten sagen, dass die Erfassung der notwendigen Daten und das Reporting ein großes Hindernis sind. Der Mehraufwand für eine nachhaltig gelabelte Finanzierung lohnt sich also für viele nicht.
Einige Experten erwarten, dass gerade ESG-linked Finanzierungen wieder mehr Zuspruch erfahren könnten, wenn Unternehmen in der Vorbereitung auf die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), also die nicht-finanzielle Berichterstattung, weiter vorangekommen sind und Nachhaltigkeitsdaten standardmäßig erfassen, was das Festlegen von individuellen Nachhaltigkeitszielen für die Finanzierung erleichtern könnte.
„Ein Rückbau der gesetzlichen Vorgaben und der Regulierung ist insbesondere im internationalen Vergleich zwingend.“
Joachim Erdle, LBBW
Allerdings gibt es hier gerade wieder viel Bewegung: Die Europäische Kommission hat jüngst Vorschläge zur Anpassung der CSRD vorgelegt, die die Karten noch einmal neu mischen. Nicht nur sollen viele Unternehmen mehr Zeit bekommen, sich auf die Pflichten einzustellen, auch sollen sie für rund 80 Prozent der Unternehmen vollständig entfallen, die nach der bisherigen Regelung betroffen gewesen wären.
Noch sind die Vorschläge der EU nicht in trockenen Tüchern; sie werden nun dem Europäischen Parlament und dem Ministerrat vorgelegt. LBBW-Banker Joachim Erdle hält eine Vereinfachung des Regelwerks grundsätzlich für richtig: „Vor dem Hintergrund der vielfältigen Herausforderungen liegt der Fokus auf der Umsetzung von sinnvollen Maßnahmen und weniger auf der Erfüllung von Reportingverpflichtungen. Ein Rückbau der gesetzlichen Vorgaben und der Regulierung ist insbesondere im internationalen Vergleich zwingend, denn wir dürfen im globalen Wettbewerb keinen Nachteil erleiden.“
Banken behalten ESG im Blick
Auch wenn die Europäische Union die Regeln verschlanken will, bleibt der Druck auf die hiesigen Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit weiterhin hoch. Dafür sorgen nicht zuletzt die Banken. Sie müssen durch die Regulatorik deutlich stärker als früher auf ESG-Risiken achten und haben ein entsprechendes Informationsbedürfnis, das die Unternehmen erfüllen müssen. Für Finanzentscheider ist das ein wichtiger Punkt: Über 70 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass der Umgang mit Umweltrisiken künftig die Bonitätsbewertungen deutlich mitbestimmen wird.
Info
Die Studie
Für die Studie „Nachhaltigkeit und Green Finance“ hat F.A.Z. Business Media I research im Auftrag von LBBW und FINANCE von Oktober bis Dezember 2024 eine Online-Befragung unter 156 Finanzentscheidern in Deutschland durchgeführt. Die vollständigen Ergebnisse finden Sie hier.
Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und Chefin vom Dienst bei DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.
