Es ist der nächste Zug im monatelangen Übernahmepoker: Unicredit hat ihr formelles Kaufangebot für die Commerzbank eingereicht. Die italienische Großbank, die bereits rund 30 Prozent der Anteile am Dax-Konzern hält – knapp 27 Prozent direkt, weitere knapp 6 Prozent über sogenannte Total Return Swaps –, will sich nun den Rest sichern. Das Angebot richte sich an sämtliche Commerzbank-Aktien, die Unicredit bislang noch nicht besitzt, teilten die Mailänder heute Vormittag mit.
Die Angebotsfrist läuft demnach bis zum 16. Juni. Die Konditionen: Für jeden Commerzbank-Anteilsschein bieten die Italiener 0,485 neue Unicredit-Aktien. Auf Basis eines Drei-Monats-Durchschnittskurses entspreche das einem Wert von 34,35 Euro je Aktie, rechnet Unicredit vor. Die Annahmefrist kann verlängert werden, etwa wenn ein konkurrierendes Angebot eingeht oder die Commerzbank in diesem Zeitraum eine Hauptversammlung einberuft.
Trotz „Unlocked“, Orcel bietet Dialog an
In der Angebotsunterlage formuliert die Bank offen, dass sie das Verfahren nutzen will, „um in einen Dialog mit der Commerzbank-Gruppe einzutreten“ – und dabei ihre Sicht auf die Strategie der Frankfurter zu teilen. Konkret schlägt Unicredit die Bildung einer Arbeitsgruppe vor, die eine gemeinsame Vision und Strategie entwickeln soll.
Dabei hat Unicredit-CEO Andrea Orcel bereits eine Agenda für die Commerzbank formuliert. Er hat ihr sogar bereits einen Namen gegeben: „Unlocked“. Diese sieht vor, das Auslandsgeschäft der Commerzbank einzugrenzen, das Institut nach dem Modell der Unicredit und ihrer deutschen Tochter Hypovereinsbank (HVB) umzubauen – und die Kosten massiv zu drücken. Für das Geschäftsjahr 2028 kalkuliert Orcel mit Kosten von 4,7 bis 5,7 Milliarden Euro und einem Nettogewinn von 4,2 bis 5,1 Milliarden Euro. Die Cost-Income-Ratio, also das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, soll auf 40 bis 42 Prozent sinken.
Besonders interessant: Beim Thema Personal stellt Orcel die von der Commerzbank selbst geplanten 3.900 Stellenstreichungen in Deutschland den eigenen Effizienzplänen gegenüber. Personalkosten will er vor allem in Bereichen senken, die nicht zum Kerngeschäft gehören – also etwa in der Verwaltung.
Die entscheidende Schwäche: Angebot unter Marktpreis
Orcels Angebot hat einen strukturellen Haken. Eine Commerzbank-Aktie kostet an der Börse derzeit rund 35 Euro – und liegt damit über dem angebotenen Gegenwert von 34,35 Euro. Wer seine Commerzbank-Anteile also zum aktuellen Marktpreis verkaufen kann, hat wenig Anreiz, sie gegen UniCcredit-Aktien zu tauschen.
Unicredit selbst erwartet deshalb nicht, mit diesem Tauschangebot die Kontrollmehrheit zu erringen. Die Aktionärsstruktur macht deutlich, wie schwer das werden dürfte: Neben Unicredit halten institutionelle Investoren rund 31 Prozent der Anteile, Privatanleger etwa 20 Prozent, der Bund noch rund 12 Prozent und BlackRock knapp 5 Prozent.
Commerzbank sah bislang keinen Dialoggrund
Auf der anderen Seite der Front gibt es bereits eine Reaktion. Die Commerzbank hat sich über eine Mitteilung geäußert: Sie nimmt die Angebotsunterlage der Unicredit „im Rahmen ihres unabgestimmten Übernahmeangebots zur Kenntnis.“ Der Vorstand sowie der Aufsichtsrat werden die Angebotsunterlage sorgfältig prüfen und „ihre begründete Stellungnahme“ innerhalb der gesetzlichen Frist veröffentlichen, heißt es von den Frankfurtern.
Zusätzlich zu ihrem Quartalsergebnis will die Bank am 8. Mai ein Strategie-Update bekanntgeben und die aktualisierten Finanzziele bis 2030 vorstellen.
Management, Betriebsrat und Belegschaft der Commerzbank wehren sich seit Monaten gegen das, was sie als „feindliches“ Taktieren Orcels bezeichnen. Firmenkundenvorstand Michael Kotzbauer warnte in einem Interview mit der F.A.Z. eindringlich: Unicredits Plan werde die Commerzbank zerlegen. Anfang April ließ die Bank offiziell verlauten, sie sehe keine Grundlage für einen Dialog mit den Italienern.
Das Angebot liegt nun auf dem Tisch. Ob es die Commerzbank-Aktionäre überzeugt – oder ob Orcel am Ende doch an der eigenen Preisrechnung scheitert – wird sich bis zum 16. Juni entscheiden.
Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
