Findet HFT nur auf klassischen Handelsplätzen mit liquiden Blue-Chip-Aktien in Auswahlindizes wie Dax und MDax statt?
High Frequency Trading (HFT) wird sowohl auf den klassischen Handelsplätzen als auch in Dark Pools betrieben. Rund 40 Prozent des Handelsvolumens an europäischen und 70 Prozent an US-amerikanischen Börsen ist auf Hochfrequenzhandel zurückführen. Über die Anzahl der Transaktionen in den wenig transparenten Dark Pools gibt es jedoch keine genauen Zahlen.
Gehandelt werden liquide Produkte. „Hochfrequenzhandel findet sowohl bei liquiden Blue-Chip-Aktien als auch bei kleineren Unternehmen statt“, sagt HFT-Experte Frank Romeike. Er ist geschäftsführender Gesellschafter bei Risk Net und Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Risikomanagement und Regulierung in Frankfurt. „Die zockenden ‚Flash Boys‘, die in Millisekunden den Aktienmarkt manipulieren, haben nur Interesse an großen Handelsvolumina, das heißt den Blue Chips“, schränkt Romeike ein. „Erst dann führen die Gewinne im einstelligen Cent-Bereich pro Aktie zu einem positiven Return on Investment.“
Hat die Volatilität auch am deutschen Aktienmarkt zugenommen, und ist dafür der Hochfrequenzhandel verantwortlich?
Nach Einschätzung von Peter Gomber, Professor für Betriebswirtschafslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt und Mitglied des Börsenrates der Frankfurter Wertpapierbörse, ist dies nicht der Fall. Die Volatilität sei in den letzten Jahren eindeutig zurückgegangen. „Darüber hinaus zeigt eine Vielzahl akademischer Studien, dass HFT keinen Einfluss auf die Volatilität hat bzw. diese sogar reduzieren kann.“ Auch Frank Romeike geht davon aus, dass der Einfluss des Hochfrequenzhandels auf die Volatilität des deutschen Aktienmarktes vernachlässigt werden kann.
Welche Vorteile und Risiken entstehen dadurch für börsennotierte Unternehmen?
Einer der Vorteile für Unternehmen besteht in der höheren Liquidität, die durch High Frequency Trading im Handel mit Wertpapieren entsteht. Durch ein geringeres Illiquiditätsrisiko sinken die Spreads, was die Kapitalkosten für Unternehmen reduziert.
Auf der anderen Seite macht HFT den Markt sensibler und anfälliger für schwache Signale. Flash Trader können zum Beispiel durch Scheinaufträge die Märkte bewegen. Romeike hält dies für das eigentliche Risiko des Hochfrequenzhandels. Die Algorithmen müssten so optimiert sein, dass sie innerhalb von Milli- oder Nanosekunden auf ein Ereignis reagieren können. „Hier gibt es keinen doppelten Boden und keine Prüfalgorithmen“, erläutert Romeike. „In der Konsequenz kann daher der Hochfrequenzhandel durch einen Dominoeffekt zu einer Destabilisierung der Märkte führen“.
Flash Trader hatten zum Beispiel bei Apple im vergangenen Jahr einen Kurseinbruch um 7 Prozent erzeugt. Für das einzelne Unternehmen ist so ein Kurseinbruch nicht unbedingt relevant, da er ja nur einige Sekunden andauert. „Sollten bestimmte HFT-Strategien aber dazu führen, dass durch die Verzerrung der wahren Angebots- und Nachfragesituation auf dem Markt falsche Preissignale gesendet werden, ist das natürlich ein Problem für die Marktbewertung der Unternehmen“, sagt Gomber.
Wie bewerten Investment-Professionals diese Praktik?
Die meisten Mitglieder der Investment-Branche sehen High Frequency Trading kritisch. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) hervor. Demnach schätzen 67,4 Prozent der Befragten die Auswirkungen von HFT negativ ein, zum Beispiel in Bezug auf die Volatilität. Nur 14 Prozent sehen die Auswirkungen als neutral an. 19,4 Prozent der Befragten sehen positive Effekte, zum Beispiel durch eine gesteigerte Liquidität.
Dementsprechend befürworten 76 Prozent der Befragten auch eine schärfere Regulierung. Nur weniger als ein Viertel (24 Prozent) hält dies nicht für notwendig.
Wie sind die Aussichten, dass der Hochfrequenzhandel schärfer reguliert wird?
In Deutschland ist HFT schon seit Mai 2013 stärker reguliert, damals trat das Hochfrequenzhandelsgesetz in Kraft. Hochfrequenzhändler sind seitdem einer Erlaubnispflicht unterworfen und müssen weitere Anforderungen erfüllen, zum Beispiel in Bezug auf ihr Risikomanagement. Außerdem ist mit dem Gesetz die Kennzeichnung von Aufträgen und das Verhältnis von Aufträgen zu ausgeführten Geschäften (Order-to-Trade-Ratio/OTR) geregelt.
Aber auch länderübergreifend setzt sich die Regulierung fort: „Ein sehr ähnlicher und in einigen Aspekten noch weitergehender Ansatz wird mit der MiFID II in Europa umgesetzt“, sagt Gomber. Die EU-Regulierung soll ab Januar 2017 angewendet werden. MiFID II verpflichtet ebenfalls jeden Handelsplatz, ein System zur Begrenzung der Order-to-Trade-Ratio einzuführen. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA kann eine Begrenzung der OTR einführen, um Scheinaufträge zu vermeiden. Es soll verhindern, dass Händler den Markt mit Aufträgen fluten und sie wieder zurücknehmen, bevor sie ausgeführt wurden, da diese Scheinliquidität dem normalen Handel schadet.
Auch an den Börsen gibt es weitere Sicherheitsmaßnahmen. Die Deutsche Börse nutzt zum Beispiel Plausibilitätskontrollen und Volatilitätsunterbrechungen. Allerdings sind Börsen auch in hohem Maß an einem funktionierenden und starken Hochfrequenzhandel interessiert, da sie daran einiges verdienen können. Weitere mögliche Regulierungen wären Mindesthaltedauern für Angebote und eine Verzögerung von Signallaufzeiten. Solch eine Verschärfung ist derzeit jedoch nicht abzusehen.
Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und Chefin vom Dienst bei DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.
