Das Coronavirus hat sich rasant in Europa ausgebreitet. Jetzt fürchten Banker rasant steigende Kreditausfälle.

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30.03.20
Banking & Berater

Coronakrise: Die Gefahr Nummer 1 für die Banken

Die Coronakrise schockt die Restrukturierer. Plötzlich ist für Banken und weitere Finanzierer eine Gefahr präsent, die zuvor überhaupt nicht auf deren Radar war, wie das aktuelle Restrukturierungsbarometer zeigt. Und der Ausblick ist rabenschwarz.

Unterbrochene Lieferketten, ganze Branchen, denen von heute auf morgen das Geschäft komplett wegbricht, explodierende Risikoaufschläge auf den Finanzierungsmärkten, Reisebeschränkungen und selbst Ausgangssperren: Das Coronavirus hat die Weltwirtschaft binnen Tagen in einer Art und Weise durchgeschüttelt, wie es nicht einmal der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 vermocht hat. Zur Erinnerung: Die darauffolgende Finanz- und Wirtschaftskrise war der bis dahin schärfste konjunkturelle Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg.

Während damals der Finanzsektor die Realwirtschaft infizierte, ist die Ausgangslage nun umgekehrt: Die Coronavirus-Pandemie lässt die Angst vor einer Pleitewelle umgehen, die Banken und Sparkassen wegen massenhafter Kreditausfälle in Schieflage bringen könnte.

Restrukturierer fürchten Folgen der Coronakrise

Angesichts der Dramatik und der Dynamik, mit der die Pandemie die Wirtschaft lähmt, stehen Einschätzungen und Prognosen naturgemäß unter Vorbehalt. Das gilt auch für die Ergebnisse des 16. Restrukturierungsbarometers, das FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner (SMP) von Ende Februar bis Anfang März durchgeführt hat. Umso eindrücklicher lesen sich die Antworten auf die Frage nach den zurzeit größten exogenen Gefahren: Für zwei Drittel der 85 befragten Restrukturierungsexperten sind das die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie.

Diese treffen auf eine ohnehin fragile Weltwirtschaft: Handelskonflikte, die ungelöste Brexit-Frage und disruptive Veränderungen in Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie sorgen dafür, dass der für Deutschland so wichtige Export schon seit Monaten leidet. Der Industriesektor verharrt bereits seit längerem in einer Rezession.

Restrukturierungsfälle steigen rasant an

Und so verwundert es nicht, dass die Anzahl der Restrukturierungsfälle weiter rasant steigt. Den Antworten der 85 Restrukturierungsexperten zufolge haben 65 Prozent der Befragten in den vergangenen sechs Monaten mehr Restrukturierungsfälle zur Bearbeitung bekommen. „Das Allzeithoch wurde zum dritten Mal in Folge übertroffen und liegt nun 6 Prozentpunkte über dem vom Herbst 2019“, kommentiert Georgiy Michailov von Struktur Management Partner die aktuelle Situation. Nur 5 Prozent der Befragten sehen rückläufige Fallzahlen.

„Das ist weiterhin eine auffallend pessimistische Einschätzung.“

Georgiy Michailov, Struktur Management Partner

Im Fokus der Restrukturierungsabteilungen stehen die gleichen Branchen wie schon in der vorangegangenen Befragung: Fahrzeugbau und -zubehör sowie Maschinen- und Anlagenbau – und damit zwei Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft. Im Bereich Fahrzeugbau und -zubehör hat sich die Situation noch einmal deutlich verschlechtert: 72 Prozent der befragten Banker machen in diesem Sektor zurzeit die größten Probleme aus (Herbst 2019: 58 Prozent). Aber auch im Maschinen- und Anlagenbau gab es mit 61 Prozent einen erneuten Anstieg (Herbst 2019: 58 Prozent).

Ausblick: deutlicher Konjunkturrückgang wahrscheinlich

Der seit Frühjahr 2018 zu beobachtende Trend bei den Erwartungen neuer Restrukturierungsfälle hält indes an: 82 Prozent der befragten Banker gehen von zunehmenden oder deutlich zunehmenden Zahlen aus (Herbst 2019: 83 Prozent). Das Lager derer, die mit unveränderten Fallzahlen rechnen, liegt mit 8 Prozent unter dem Wert vom Herbst 2019. „Das ist weiterhin eine auffallend pessimistische Einschätzung und lässt einen deutlichen Konjunkturrückgang erwarten“, prognostiziert Michailov.

Die wirtschaftlichen Folgen durch das Coronavirus dürften da noch obendrauf kommen, da die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie beispielsweise Werksschließungen bei großen OEMs wie Volkswagen und BMW sowie Einreisebeschränkungen erst nach Umfrageende ergriffen wurden.

markus.dentz[at]finance-magazin.de

Das Restrukturierungsbarometer

Wie die Befragten den Ausblick 2020 einschätzen, auf welche Krisenengagements sie besonders achten und worauf sich Kreditnehmer bei neuen Engagements einstellen müssen erfahren Sie in den ausführlichen Ergebnissen des Restrukturierungsbarometers. Zu den vorhergehenden Umfragen geht es hier.