Sparkassen und Landesbanken dominieren laut der Finanzierungsberatung Capmarcon das Kreditgeschäft. Die Großbanken geraten derweil unter Druck, auch weil die Auslandsbanken an ihnen vorbeiziehen.

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02.03.17
Banking & Berater

Kreditnachfrage: Verlieren Banken ihre Geschäftsgrundlage?

Große Unternehmen zapfen stärker den Kapitalmarkt an. Obwohl von fast allen so gewollt, stellt das Großbanken offenbar vor Probleme. Viele sind immer noch nicht agil genug, um ihr Geschäftsmodell anzupassen.

Endlich zeichnet sich in der deutschen Industrie eine Verlagerung der Unternehmensfinanzierung an den Kapitalmarkt ab. Branchenübergreifend ebbt das Kreditwachstum ab, allein die wachsende Kreditnachfrage bei kleineren Mittelständlern sorgt noch für ein stabiles Kreditvolumen. Gemäß einer aktuellen Auswertung der Finanzierungsberatung Capmarcon haben Banken im vergangenen Jahr an Unternehmen in Deutschland 882 Milliarden Euro und an Kleinbetriebe, Kaufleute und Selbständige 428 Milliarden Euro ausgereicht. Das Wachstum zum Vorjahr fällt trotz der gut laufenden Konjunktur mit 1,2 Prozent beziehungsweise 1,4 Prozent gering aus. Die Stuttgarter sehen darin bemerkenswerterweise eine Bedrohung für die bestehende Geschäftsgrundlage vieler Banken.

Dabei ist der Hauptgrund für das nachlassende Kreditwachstum: Die großen Unternehmen verlagern ihre Finanzierungsbasis zunehmend auf Schuldscheine und Anleihen – eine Entwicklung, die viele Experten schon viel früher erwartet hätten. Nun kommt laut Capmarcon noch hinzu, dass eine ganze Reihe neuer Geldgeber auf den Plan tritt: Pensionskassen und Anbieter von Private Debt reichen inzwischen in zunehmendem Maße direkt Kredite aus, auch Fintechs nähern sich langsam dem Bereich Unternehmensfinanzierung. 

CFOs lieben den Schuldschein, auch Anleihevolumen steigt erneut

Und die Innovationen gehen weiter – auch im Kleinen: Seit gestern operiert die erste Schuldscheinbörse Deutschlands. Zudem drängen auch immer mehr bonitätsschwächere Unternehmen in den Markt. Lag die durchschnittliche Bonität der bestehenden Schuldscheinemittenten, die nur neue Papiere aufgelegt haben, laut Capmarcon 2016 im Schnitt bei BBB- und damit im Investmentgrade, rangierte die Kreditwürdigkeit der Debütemittenten eher bei BB+. Um das Qualitätssiegel des Schuldscheins aufrechtzuerhalten, sollte sich dieser Trend nicht weiter fortsetzen, warnt eine wachsende Zahl an Experten.

Nicht mehr ganz so gefragt bei Finanzchefs ist dagegen die Unternehmensanleihe, wo gestern mit Scale ebenfalls ein neuer Handelsplatz für Mittelständler etabliert wurde. Deutsche Unternehmen platzierten 2016 Papiere im Wert von 73,4 Milliarden Euro und damit 31 Prozent weniger als im Vorjahr (106,7 Milliarden Euro). Mehr als die Hälfte der Bonds waren laut Capmarcon festverzinslich, rund ein Viertel variabel. Weil das Volumen der Neuemissionen jenes der Tilgungen auch 2016 überstieg, ist der Gesamtwert aller von deutschen Unternehmen derzeit ausstehenden Anleihen auf einen Rekordwert von 296,6 Milliarden Euro angestiegen.

Fast zum Erliegen gekommen ist derweil das Eigenkapitalgeschäft. Nominell nur 3,3 Milliarden Euro Eigenkapital sammelten CFOs laut Capmarcon 2016 an der Börse ein. Auf Neuemissionen entfiel mit 2,8 Milliarden Euro der Löwenanteil. Kapitalerhöhungen wurden nur über 500 Millionen Euro durchgeführt.

Fehlt den deutschen Banken Kompetenz und Agilität?

Hinter den großen Zahlen und den kleinen Innovationen verbirgt sich eine tiefgreifende Umwälzung, glauben die Capmarcon-Analysten: Großbanken verlieren Marktanteile am Kreditmarkt, dafür gewinnen die regionalen Sparkassen und Landesbanken hinzu, die jetzt schon zusammen 40 Prozent des deutschen Kreditmarktes kontrollieren. 

Gegen den Trend robust sind Auslandsbanken mit Großkundengeschäft, weil für sie der Kredit offenbar immer noch häufig die Eintrittskarte zu neuen Blue-Chip-Kunden ist. Sie sind mit einem Kreditmarktanteil von rund 10 Prozent 2016 an den deutschen Großbanken vorbeigezogen, die nur noch einen Marktanteil von 9,5 Prozent behaupten können. Da die Kreditbanken häufig einen großen Teil des lukrativen Zusatzgeschäfts erhalten, könnte dieser Wachwechsel ein Vorbote dafür sein, dass die deutschen Banken auch beim Provisionsgeschäft mittelfristig ins Hintertreffen geraten könnten.

Dieses haben aber fast alle Bankstrategen als tragende Ertragssäule der Zukunft identifiziert – so wie die deutlich profitableren Banken in den USA es vorgemacht haben. Capmarcon sieht einen Grund zur Beunruhigung darin, dass den Banken ein „stringentes Konzept mit den Kunden“ fehle. Das läge vor allem an der „Phantasielosigkeit“ der Managements und der „fehlenden fachlichen Kompetenz der Mitarbeiter bei der Umsetzung“. Banken drehten lieber an der Kostenschraube, als neue Umsatz- und Einnahmequellen zu finden. 

Das sieht auch Oliver-Wyman-Chefin Finja Kütz ähnlich. Im Talk bei FINANCE-TV kritisierte die Strategin erst kürzlich, dass den deutschen Banken im Vergleich zur US-Konkurrenz die Agilität fehle, ihre Geschäftsmodelle so umzustellen, dass sie Alleinstellungsmerkmale ermöglichen. Die Banken sind immer noch viel zu große Gemischtwarenläden, monierte Kütz.

Bundesbank: Deutsche Banken brauchen noch mehr Eigenkapital

Ein zweiter Punkt, auf den die nur langsam zurückgehende Kreditsumme der Großbanken hinweist, ist ein möglicherweise ineffizienter Umgang mit ihrer Bilanz. Die immer noch umfangreiche Kreditvergabe bläht die Bilanzsummen im Finanzsektor auf und führt dazu, dass die Banken viel regulatorisches Eigenkapital vorhalten müssen. Den strengen Kapitalvorgaben kommen viele in Deutschland tätige Banken nur mit Mühe nach. 

Das aktuelle Basel-III-Monitoring der Deutschen Bundesbank zeigt zwar, dass alle dort betrachteten Banken inzwischen nicht nur die Mindestanforderungen an das Eigenkapital, sondern auch die zusätzlichen Anforderungen an den Kapitalerhaltungspuffer einhalten, der von 2016 bis 2019 schrittweise eingeführt wird. Bei der Leverage Ratio – dem Verhältnis von Kernkapital zur Bilanzsumme – hinken einige deutschen Banken aber weiterhin der europäischen und vor allem amerikanischen Konkurrenz hinterher. Die von der Bundesbank betrachteten sieben international agierenden deutschen Banken schneiden im europäischen Vergleich im Schnitt „unterdurchschnittlich“ ab.

Wenig besser sieht es bei der Liquiditätskennzahl Net Stable Funding Ratio (NSFR) aus. Sie setzt vorhandene Finanzierungsmittel (Eigenkapital und Einlagen) in Relation zu erforderlichen Finanzierungsmitteln (im Kern sind das ausgereichte Kredite). Hier benötigen deutsche Banken laut Bundesbank noch 63,4 Milliarden Euro, um die ab 2018 geltende Mindestquote von 100 Prozent zu erfüllen. Ohne eine schnellere Schrumpfung der Kreditbücher bei gleichzeitig wachsenden Provisionsgeschäften dürften manche Banken Schwierigkeiten bekommen, die nötigen Mittel aufzubringen, ohne dafür die Aktionäre um frisches Kapital bitten zu müssen.

Die Finanzierungsberatung Capmarcon vermisst bei vielen Banken das Geschäftsmodell. Wie sich die Geldhäuser derzeit aufstellen, erfahren Sie auf der FINANCE-Themenseite zum Firmenkundengeschäft