Die Börsen in Hamburg und Hannover starten die erste Schuldscheinbörse Deutschlands. CFOs sollten hoffen, dass das Experiment gelingt.

BÖAG

01.03.17
Finanzierungen

Hamburg und Hannover starten Schuldscheinbörse

Nach dem Fintech Firstwire starten jetzt auch die Börsen in Hamburg und Hannover einen Handelsplatz für Schuldscheine. Etablieren sich die neuen Plattformen, könnte dies das Risikoprofil von Schuldscheinfinanzierungen für CFOs in hohem Maße verbessern.

Für den Handel mit Schuldscheinen gibt es eine neue Plattform: Die BÖAG Börsen AG – die Trägergesellschaft der Börsen Hamburg und Hannover – hat am heutigen Mittwoch den nach eigenen Angaben ersten börsenseitig überwachten Handelsplatz für Schuldscheine in Deutschland gestartet. Über die „Schuldscheinbörse Deutschland“ können ausschließlich institutionelle Investoren anonym Angebote für den Kauf und Verkauf von Schuldscheinen einstellen.

Wenn ein Schuldschein zum Verkauf steht, werden die Kaufangebote interessierter Investoren entweder im Rahmen eines fünf Handelstage laufenden Auktionsverfahrens gesammelt oder im Rahmen eines „Soforthandels“ unmittelbar nach Eingang der ersten Kauforder ausgeführt. Vermittelt werden ausschließlich Schuldscheine mit einer Restlaufzeit von ein bis zehn Jahren. Die Hamburger Wertpapierbank MWB Fairtrade wird als Dienstleister für die Schuldscheinbörse fungieren, sich nach Aussage von Kapitalmarktchef Kai Jordan aber nicht selbst am Handel beteiligen und damit auch kein Market Maker sein.  

Schuldscheine sind bislang kaum handelbar

Der Schuldscheinmarkt erlebt derzeit einen noch nie da gewesenen Boom. Im abgelaufenen Jahr wurden Schuldscheine im Rekordwert von rund 26 Milliarden Euro emittiert, fast noch einmal 30 Prozent mehr als in dem vorherigen Rekordjahr 2015. Zu den Emittenten der vergangenen Monate gehören unter anderem die Lufthansa (1,2 Milliarden Euro), der Rohstoffkonzern K+S (600 Millionen Euro) und der Autovermieter Sixt (375 Millionen Euro) und ganz aktuell Volkswagen Financial Services (900 Millionen Euro). In den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres sind schon wieder 19 Schuldscheine mit einem Volumen von 2,7 Milliarden Euro begeben worden, geht aus einer heute veröffentlichten Statistik der HSH Nordbank hervor. Die Spreads sind für die Emittenten dabei nochmals günstiger geworden.

Eine der größten Schwächen des beliebten Finanzierungsinstruments ist jedoch die fehlende Handelbarkeit der Schuldscheine. Diese landen nach der Emission meist in den Portfolios mehrerer Dutzend handverlesener Banken und Investoren, die an diesen kreditähnlichen Produkten dann in aller Regel bis zur Endfälligkeit festhalten.

„Durch das hohe Neuemissionsvolumen steigt auch das Potential für Transaktionen im Sekundärmarkt. Mit der Schuldscheinbörse Deutschland reagieren wir darauf“, begründet BÖAG-Chef Thomas Ledermann den Einstieg der beiden Nord-Börsen in das Schuldscheingeschäft. Sein Ziel ist es, den Schuldschein nun „so schlank wie möglich“ handelbar zu machen. Dies könnte auch dazu beitragen, dass die Losgrößen am Schuldscheinmarkt auf mittlere Sicht sinken, erklärte der Börsen-Manager gegenüber FINANCE. 

Fintech Firstwire startet ebenfalls eine Schuldscheinplattform

Die BÖAG ist nicht das einzige Unternehmen, das versucht, aus dem Wunsch vieler Investoren nach einer höheren Fungibilität ihrer Schuldscheine Kapital zu schlagen. Derzeit dringt auch das von Ex-Investmentbankern gegründete Fintech Firstwire in diesen Markt. Die Firstwire-Lösung dürfte technisch deutlich hochgerüsteter sein als das Angebot der Nordbörsen, allerdings ist Firstwire anders als die BÖAG kein anerkannter Börsenbetreiber. Vor wenigen Wochen erklärte Firstwire-Gründer Johannes Haidl gegenüber FINANCE-TV, dass trotzdem schon mehr als 15 große Investoren an die Firstwire-Plattform angeschlossen seien.     

Ledermann sieht sein Haus gegenüber konkurrierenden Handelsplätzen aus zwei Gründen allerdings im Vorteil. „Wir sind ein neutraler Partner, und bei uns findet der Handel unter der Obhut einer Börse statt. Das schafft Vertrauen“, sagt er. Zudem habe die BÖAG im Bereich der geschlossenen Fonds bereits einen funktionierenden Zweitmarkt für eine nicht liquide Anlageklasse etabliert. 

Steigen auch andere Börsen bald ein?

Konkurrenz durch andere Börsen, allen voran durch den deutschen Marktführer in Frankfurt, befürchtet Ledermann eigenen Angaben zufolge nicht. Tatsächlich käme ein Eintritt der Börse Frankfurt in das Schuldscheingeschäft überraschend. Zwar hatten die Frankfurter auch im Bereich der Mittelstandsanleihen in kürzester Zeit das Geschäft der Regionalbörse Stuttgart erfolgreich zu sich herüber gezogen, und sie expandierten 2015 mit dem Kauf der Handelsplattform 360T auch in den Devisenhandel. Aber sowohl der Anleihe- als auch der Devisenhandel sind Massengeschäfte, die Skaleneffekte zulassen.

Die Preispolitik an der neuen norddeutschen Schuldscheinbörse gibt einen Hinweis darauf, dass sich nennenswerte Größeneffekte im Schuldscheinbereich nur schwer realisieren ließen: Laut Angaben des erst vor einem halben Jahr zu MWB Fairtrade gewechselten Bankers Kai Jordan berechnet die Hamburger Wertpapierhandelsbank den Transaktionsparteien eine Courtage von 2 Promille des Handelsvolumens. Die Mindestgebühr beträgt 1.000 Euro, der Höchstbetrag liegt bei 10.000 Euro pro Transaktion. Aus diesem überschaubaren Gebührentopf wird auch die BÖAG ihre Einnahmen bestreiten. Für die ersten zwölf Monate nach Handelsstart erwartet Jordan einen Handelsumsatz mit Schuldscheinen in Höhe eines zwei- bis dreistelligen Millionenbetrags, ohne seine Erwartung näher zu präzisieren.    

Schuldscheinbörsen sind positive Entwicklung für CFOs

Für CFOs kommt diese Entwicklung gelegen, vor allem, wenn sich die Ertragslage einiger Unternehmen in der Zukunft einmal wieder verschlechtern sollte. Je reger Schuldscheine über Plattformen wie Firstwire oder die Börsen in Hamburg und Hannover gehandelt werden, umso besser wäre dies für CFOs, da ein liquider Zweitmarkt das Risiko sogenannter „Cross-Defaults“ senken könnte.

Cross-Defaults sind das große Damoklesschwert von Schuldscheinfinanzierungen, und sie sind der Hauptgrund dafür, dass viele CFOs Schuldscheinen immer noch kritisch gegenüberstehen. Anders als Anleihen bergen Schuldscheine die große Gefahr, dass die komplette Finanzierung ins Wanken geraten könnte, wenn nach einem Covenantbruch nur ein einziger Investor von seinem Kündigungsrecht Gebrauch macht. Hätten zweifelnde Investoren künftig die Möglichkeit, sich über eine Handelsplattform von ihren Schuldscheinen zu trennen, könnte dies die Kündigungsneigung senken und so im Idealfall die eine oder andere Finanzierungskrise vermeiden.    

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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