Baker Tilly ist der achtgrößte Prüfer und Berater Deutschlands. Der zunehmende Konkurrenzkampf mit den Next Ten und Big Four hält das Haus auf Trab.

Baker Tilly

02.11.18
Banking & Berater

Baker Tilly: „Haben ganz bewusst auf Beratungsgeschäft gesetzt“

Seit vielen Jahren schon setzt das Prüfungs- und Beratungshaus Baker Tilly massiv auf das Beratungsgeschäft. Warum sich das ausgerechnet jetzt auszahlen könnte und welche Rolle die Prüfung noch spielt, erklärt das Management im Gespräch mit FINANCE.

Kaum ein Markt ist derzeit so stark im Umbruch wie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsmarkt: Konsolidierungswellen, Preiskämpfe, Personalmangel und neue Technologien prägen seit einigen Jahren die großen und mittelständischen WP- und Beratungshäuser.

Aus der Masse herauszustechen und bei den Pitches zu gewinnen, ist gerade für die mittelständischen Wirtschaftsprüfer und Berater („Next Ten“) zuletzt immer schwieriger geworden: Diese sind nicht nur in einem harten Konkurrenzkampf untereinander, sondern auch mit den Riesen der Prüfung und Beratung – den „Big Four“ KPMG, PwC, Deloitte und EY –, die auch die kleineren Unternehmen als Kunden für sich entdeckt haben.

Baker Tilly hatte höheres Wachstum geplant

In diesem Spannungsfeld agiert auch Baker Tilly, das mit einem Umsatz von knapp 148 Millionen Euro im Jahr 2017 achtgrößte Prüfungs- und Beratungshaus in Deutschland. Um 5,5 Prozent ist Baker Tilly zuletzt gewachsen – das ist, verglichen mit der Konkurrenz, eine Entwicklung nur im unteren Mittelfeld.

Für 2018 sei ein Umsatzplus im hohen einstelligen Bereich geplant, betonen die Managing-Partner Ralf Gröning und Wolfgang Richter im Gespräch mit FINANCE. Zum Vergleich: Seit 2010 ist Baker Tilly jährlich um einen niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentsatz gewachsen. Nur 2014 war es dank einer größeren Übernahme mehr.

Vor ein paar Jahren waren die Ambitionen noch größer: In einem Interview mit der Börsenzeitung aus dem Jahr 2012 kündigte das Führungsduo noch dauerhaft Wachstumsraten im zweistelligen Bereich an. „Es ist uns nicht gelungen, rechtzeitig die passenden Leute zu finden, um ein solches Wachstum aus eigener Kraft zu realisieren. Nimmt man jedoch alle Übernahmen hinzu, haben wir die 10-Prozent-Marke im Schnitt geschafft“, erklärt Richter heute. Das schwächer als erwartet ausgefallene Wachstum ordnet er dennoch ein: „Es ist auch nicht unser Ziel, um jeden Preis zu wachsen. Unser erster Blick gilt zunächst einmal der Marge“, sagt der Baker-Tilly-Co-Chef.


Die Strategie, mit der Baker Tilly seine Wachstumspläne verfolgt, bezeichnen die beiden Co-Chefs als „interdisziplinär“. Richter: „Wir bieten Prüfung, Corporate-Finance-Beratung sowie Steuer- und Rechtsberatung aus einer Hand an, dadurch können wir auch an Schnittstellen beraten.“ Allerdings bieten Next-Ten-Konkurrenten wie Ebner Stolz, Warth & Klein, BDO, Rödl oder Mazars ebenfalls solche interdisziplinären Dienstleistungen an – ein Alleinstellungsmerkmal ist das also nicht, genauso wenig wie die Nähe zum Mittelständler, die die genannten Häuser ebenfalls alle für sich beanspruchen.

Baker Tilly setzt auf Beratungsgeschäft

Was Baker Tilly von der Next-Ten-Konkurrenz hingegen deutlich unterscheidet, ist die Dominanz des Beratungsgeschäfts: Während andere deutsche Prüfungs- und Beratungshäuser meist aus der Wirtschaftsprüfung kommen und sich erst langsam ein Beratungsgeschäft aufbauen, ist der Beratungsarm bei Baker Tilly schon jetzt sehr stark ausgeprägt.

2017 setzte das Unternehmen nur rund 18 Prozent mit der reinen Wirtschaftsprüfung um, während der restliche Umsatz auf Beratungsleistungen entfiel. Darunter waren die Steuerberatung (rund 25 Prozent), die Rechtsberatung (rund 18 Prozent) und die prüfungsnahe Beratung (rund 33 Prozent) besonders umsatzstark. Auch das aktuelle Wachstum stammt vor allem aus dem Beratungsgeschäft, erzählen Ralf Gröning und Wolfgang Richter.

Seit dem Zusammenschluss mit der Beratung Richter & Partner im Jahr 2011 sind die beiden das Führungsduo bei der 1979 als „RölfsPartner“ gegründeten Baker Tilly. „Wir haben 2011 ganz bewusst die Entscheidung getroffen, in der Beratung zu wachsen und das Prüfungsgeschäft als feste Basis eher konstant zu halten“, berichtet Ralf Gröning. „Uns war klar, dass die zukunftsträchtigen Märkte vor allem in der Beratung liegen werden.“ Das Prüfungsgeschäft wurde damals zunehmend schwierig. Vor allem mit dem harten Preiskampf konnte Baker Tilly kaum mithalten.

Prüferrotation treibt Unternehmen zu Big Four

Diese Prioritätensetzung scheint sich nun als richtig zu erweisen: Nicht nur ist die Nachfrage nach Beratungsdienstleistungen im Zuge der Digitalisierung stark angestiegen, das Prüfungsgeschäft ist auch noch wettbewerbsintensiver geworden, vor allem bei größeren Mandaten: Haben die Next Ten früher noch größere börsennotierte Konzerne mit teilweise Milliardenumsätzen geprüft, wechseln diese nun reihenweise zu den Big Four. Auch Baker Tilly musste wichtige Prüfmandanten ziehen lassen, beispielsweise Wacker Neuson oder Rational. Dem steht auf der anderen Seite der Gewinn des prestigeträchtigen Mandats für die Abschlussprüfung der Europäischen Zentralbank gegenüber.

„Die Prüferrotation wird diesen Effekt noch verstärken“, befürchtet Wolfgang Richter. Wegen der Rotationspflicht, die seit 2016 in Kraft ist, müssen kapitalmarktorientierte Unternehmen, aber auch Finanzinstitute nun alle zehn Jahre ihre Prüfmandate ausschreiben. Viele Konzerne, die noch von einer Next-Ten-Firma geprüft werden, dürften dies zum Anlass nehmen, zu einer Big Four zu wechseln, befürchtet der Managing Partner Richter.

 

 

Baker Tilly nimmt M- und S-Dax ins Visier

Obwohl Baker Tilly inzwischen deutlich mehr berät als prüft, will sich das Haus aber keineswegs aus der Prüfung zurückziehen und versucht, die Rotation als Chance zu begreifen: „Wir nehmen aktuell an vielen Ausschreibungen teil und werden das auch in Zukunft tun, unter anderem im M- und SDax“, betont Ralf Gröning.

Aktuell hat das WP-Haus allerdings kein einziges Prüfmandat mehr in den Dax-Indizes, anders als die Konkurrenz, die immerhin noch vereinzelt in diesen Börsensegmenten prüft. Angst, wegen der fehlenden Erfahrung in den Dax-Segmenten keine Chance auf Mandate zu haben, hat das Führungsduo Richter und Gröning aber trotzdem nicht: „Wichtiger als Mandate in speziellen Börsensegmenten sind das Branchenwissen und die internationale Aufstellung – und beides haben wir.“ Die Internationalität will Baker Tilly vor allem durch das Netzwerk Baker Tilly International gewährleisten, bei dem es seit 2005 Mitglied ist.

Next-Ten-Markt muss sich konsolidieren

Und auch für das Beratungsgeschäft erhofft sich Baker Tilly Impulse durch die Prüferrotationspflicht: „Die Pitches für das Prüfmandat in den Unternehmen eröffnen uns auch die Chance, mit potentiellen Beratungskunden ins Gespräch zu kommen“, sagt Richter. Selbst wenn das WP- und Beratungshaus also kein Prüfmandat erhält, könnte der Kunde es als Berater beauftragen, so das Kalkül. Dass das Unternehmen auch große börsennotierte Konzerne beraten kann, hat es gezeigt: Baker Tilly berät etwa den seit Kurzem im Dax notierten Zahlungsdienstleister Wirecard.

Für Baker Tilly sind solche Prestige-Mandate wichtig, immerhin erhoffen sich Richter und Gröning nach wie vor besonders aus der Beratung Wachstumsimpulse. Denkbar wären dafür auch Zukäufe, wie die beiden durchblicken lassen: „Die Struktur im Markt der Next Ten wird und muss sich verändern. Wir haben die Bereitschaft, diesen Vorgang aktiv mitzugestalten – dies jedoch mit Bedacht und Augenmaß.“

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Der Artikel ist Teil einer Serie, in der FINANCE mit den Next-Ten-Gesellschaften darüber spricht, wie sie die besten Prüfungs- und Beratungsmandate gewinnen und sich dabei von den Big Four abgrenzen wollen. Weitere Teile der Serie sowie andere Artikel finden Sie auf unserer Themenseite zu den Next Ten.