Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Unternehmen verkauft wird, während man selbst im Gefängnis sitzt? Das erfahren die beiden bekannten Manager Stephan Goetz und Stefan Sanktjohanser aktuell am eigenen Leib. Denn die Berater, die bereits in ihren Sechzigern sind und das Corporate-Finance-Haus Goetzpartners Anfang der 1990er Jahre gegründet haben, sitzen nun schon seit mehreren Monaten in Untersuchungshaft.
Dem „Handelsblatt“ zufolge sind sie in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim inhaftiert, Münchens größtes Gefängnis und eine der größten Strafanstalten Deutschlands. Groß und grau ragt das Gebäude an der Stadelheimer Straße, direkt neben dem Friedhof am Perlacher Forst, in die Höhe. Hintergrund der Ermittlungen gegen Goetz und Sanktjohanser ist ein mutmaßlicher Millionenbetrug bei der Textilfirma Sympatex, einem privaten Investment der beiden Manager. Sie streiten die gegen sie erhobenen Vorwürfe ab.
Derweil belasten diese den Ruf ihres Beratungshauses. Auch wenn Goetzpartners nicht direkt in den Fall involviert ist, wird die Corporate-Finance-Beratung doch mit den beiden Köpfen und Chef-Dealsourcern der Münchener konnotiert, allein schon aufgrund der Namensgebung, die auf einen der beiden Gründer zurückgeht.
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Goetzpartners
Die Unternehmensberatung ist auf die Themen Strategie, M&A und Transformation spezialisiert. Die Münchener positionieren sich mit einem Beratungsangebot aus Corporate Finance und Management Consulting und beraten nahezu branchenübergreifend. Derzeit sind nach eigenen Angaben rund 180 Berater an zwölf Standorten weltweit bei Goetzpartners tätig.
Gelingt Goetzpartners die Rettung durch Buy-out?
Um das Beratungsgeschäft von den juristischen Themen zu trennen, hat jetzt eine Gruppe von Führungskräften ein Management Buy-out (MBO) initiiert, bei dem Goetz und Sanktjohanser aus der Beratung herausgekauft werden sollen. Bereits vor einigen Monaten wurde über einen Verkauf der Beratung spekuliert, seit Ende Oktober ist die Tinte trocken. Das Leadership-Team besteht künftig aus den treibenden Kräften hinter dem Deal: Axel Meythaler, Gerrit Schütte, Christian Wältermann, Christian Muthler und Gerwin Weidl.
Ihnen sowie weiteren knapp 20 führenden Mitarbeitern gehören künftig 49 Prozent der Goetzpartners-Anteile. Die Mehrheit am Unternehmen übernimmt indes der Debt-Fonds Kartesia, der als reiner Kapitalgeber agieren will. Im Raum steht ein Kaufpreis im höheren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Den Deal wollen die Parteien bis Anfang Dezember abschließen.

Anfang kommenden Jahres werden sich die Berater voraussichtlich unter neuer Flagge präsentieren, eine Agentur für ein Rebranding wurde bereits beauftragt. Der Beratungsfokus soll zudem stärker auf den „europäischen Kernmärkten“ liegen, wie Goetzpartners anlässlich der Deal-Vollzugsmeldung Ende Oktober mitteilte.
Was bleibt von Goetzpartners übrig?
Doch kann Goetzpartners der Neustart via Buy-out gelingen? Marktbeobachter blicken mit gemischten Gefühlen auf die Zukunft der Münchener. „Die große Frage für mich ist: Was bleibt nach einem Ausscheiden der beiden Köpfe von Goetzpartners übrig?“, sagt ein M&A-Berater, mit dem FINANCE gesprochen hat. Er möchte, wie auch alle anderen Gesprächspartner, anonym bleiben, um offen sprechen zu können.
Kritisch blicken Mitglieder der Corporate Finance Community auf den Dealflow nach dem MBO. „Ich befürchte, dass das Geschäft ohne die beiden Top-Dealsourcer Goetz und Sanktjohanser nicht mehr fliegt“, merkt ein Berater an. Branchenkollegen schließen sich seinem Eindruck an. Letztlich wird es also auf die Fähigkeiten der Teams ankommen, signifikantes Neugeschäft zu akquirieren.
Berater verlassen Goetzpartners
Ob das gelingen kann, darüber ist sich der Markt uneins. Einige Berater berichten, dass die „Beratungsqualität nach wie vor gut“ sei und Goetzpartners „durchaus neue Projekte gewinnt“. Ein M&A-Anwalt hat das Team, das er als professionell und „hands-on“ einschätzt, sogar erst kürzlich auf Transaktionen gesehen. Daneben gibt es aber auch Kunden, die gemischte Erfahrungen mit den Münchenern gemacht haben sollen. „Goetzpartners ist für mich solides Mittelfeld“, fasst ein Berater gegenüber FINANCE zusammen.
Nicht zu verleugnen ist aber, dass verschiedene Mitarbeiter Goetzpartners in den vergangenen Wochen verlassen haben. Es habe ein regelrechter „Brain Drain“ bei den Münchenern stattgefunden, wie es ein anderer M&A-Berater formuliert. So hat sich das komplette Debt Advisory um Leiter Philipp Widmaier von Goetzpartners verabschiedet, weitere Berater sind gen Deloitte und KPMG, aber auch Bryan Garnier weitergezogen.
Marktbeobachter rechnen damit, dass es weitere Abgänge geben könnte. Zumindest laut der Unternehmenswebseite ist die Beratung aber prinzipiell noch mit Teams in allen Schwerpunktbereichen – abgesehen vom Debt Advisory – weiter vertreten. Die Finanzierungsberatung will Goetzpartners zudem perspektivisch wieder aufbauen, zwischenzeitlich werden die Projekte von Kollegen aus den anderen Bereichen betreut. Die Münchener beteuern auf FINANCE-Anfrage, „den Kunden auch in Zukunft in hoher Qualität zur Seite zu stehen“.
Frischer Start bei Goetzpartners „dringend notwendig“
Neben den kritischen Stimmen gibt es am Markt aber durchaus positive. „Man kann von den beiden Chefs halten, was man will: Aus meiner Sicht haben sie viel geschafft“, findet ein Marktbeobachter. Die Goetzpartners-Berater seien bei den Mandanten wohlgelitten, ist ein Berater überzeugt, der einen Einblick in den Maschinenraum hat. Und nicht nur das: „Das Business kam nicht nur über die beiden Vorstände. Die Mannschaft ist gut eingespielt und hat ein Brot-und-Butter-Geschäft auf die Beine gestellt. An diesem arbeitet sie weiterhin.“
Positiv bewerten Marktteilnehmer auch das geplante Rebranding. „Ein frischer Start ist dringend notwendig“, findet ein Advisor. Zuletzt sei es wichtig, dass den Mitarbeitern, die den MBO anführen, der Wechsel „von Angestellten zu Unternehmern gelingt“, betont ein weiterer Berater. Er ist der Überzeugung, dass ihnen das Umdenken gelingen wird – und dass die Münchener ihren Platz im Beratungsmarkt finden werden.
Betrugsvorwürfe stehen im Raum
Den Neustart unter neuer Eigentümerschaft werden die inhaftierten Manager Goetz und Sanktjohanser unterdessen zunächst aus der Ferne beobachten müssen, denn die Ermittlungen gegen sie sind weiterhin in vollem Gange. Bereits im September vergangenen Jahres wurden die Manager im Fall Sympatex wegen „Flucht- und Verdunkelungsgefahr“ inhaftiert, nach wenigen Tagen aber gegen Kaution wieder entlassen.
Weil die Beschuldigten ihren damals auferlegten Pflichten allerdings „gröblich zuwidergehandelt“ hätten, so die Staatsanwaltschaft, hat diese im Frühjahr beantragt, die Haftbefehle wieder zu aktivieren. Mitte März wurden Goetz und Sanktjohanser wieder festgenommen und sitzen seitdem hinter Gittern.
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Sympatex
Bei der Causa geht es um einen Schuldenschnitt einer 13 Millionen Euro schweren Anleihe im Jahr 2017. Das Sympatex-Management bat die Gläubiger, auf 90 Prozent ihres Geldes zu verzichten; so lautete die Bedingung eines Käufers, der Sympatex vor der Insolvenz retten wollte. Letztlich kam es aber weder zu einem Verkauf noch zu einer Insolvenz.
Hintergrund der Ermittlungen ist ein Schuldenschnitt einer Anleihe im Jahr 2017. Wegen einer drohenden Insolvenz bat das Management die Gläubiger, auf 90 Prozent ihres Geldes zu verzichten. Unter dieser Bedingung wollte ein Käufer das Unternehmen übernehmen. Es kam jedoch weder zu einem Verkauf noch zu einer Insolvenz. Im Raum stehen laut Staatsanwaltschaft nun Vorwürfe der „Marktmanipulation, des Betruges, der Untreue sowie der falschen uneidlichen Aussage“. Die Manager bestreiten die Vorwürfe.
Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE sowie Chefin vom Dienst bei FINANCE-Online und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Private-Equity- und M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.
