BDO

07.12.17
Banking & Berater

BDO-Chef Holger Otte: „Haben Strategieschwenk erst spät vollzogen“

Lange hat sich Deutschlands fünftgrößter Wirtschaftsprüfer BDO gegen den Trend zum Ausbau der Beratungsgeschäfte gewehrt. Nun hat BDO den Strategieschwenk vollzogen. Noch rechtzeitig?

Wenn Holger Otte von seinem Unternehmen spricht, ist der Stolz in seiner Stimme kaum zu überhören. Otte ist Chef von BDO, dem fünftgrößten Wirtschaftsprüfer Deutschlands direkt nach den Big Four KPMG, PwC, Deloitte und EY. Er führt das traditionsreiche Unternehmen in zweiter Generation.

Stolz ist er vor allem auf das von seinem Vater Hans Heinrich Otte – von dessen Nachname das O in BDO stammt – mitgegründete Netzwerk im Jahr 1963, in dem heute fast 68.000 Mitarbeiter in 158 Ländern tätig sind. „BDO ist die einzige weltweit tätige Prüfungs- und Beratungsorganisation mit europäischen Wurzeln“, sagt Otte. Die Big Four hingegen stammen allesamt aus dem angelsächsischen Raum.

BDO wehrte sich lange gegen den Trend zur Beratung

Doch die vergangenen Jahre waren nicht leicht für BDO. Das Unternehmen verlor namhafte Prüfmandate wie MAN, Beiersdorf oder Tchibo. Lange wehrte sich die Gesellschaft außerdem gegen den stärker werdenden Markttrend, dass Wirtschaftsprüfer wieder mehr Beratungsleistungen anbieten. Vor allem KPMG, PwC, Deloitte und EY kauften massiv Beratungsteams oder gar ganze Unternehmen auf, um in der Beratung zu expandieren. Inzwischen setzen sie zum Teil mehr mit der Beratung als mit dem ehemaligen Kerngeschäft Wirtschaftsprüfung um.

Auch die mittelständischen Wirtschaftsprüfer – Next Ten genannt – zogen nach. Nur BDO blieb standhaft. „Unsere Zunft sollte sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zurückbesinnen: Wir sind keine Prozessoptimierer, sondern Prüfer“, bekräftigte Holger Otte seine Position noch 2011 in einem Interview mit FINANCE.  

Ein Jahr später leitete BDO schließlich doch die Wende ein: Wenn der Markt nun einmal integrierte Dienstleister nachfrage, werde man sich diesem Trend nicht verweigern – so begründete Otte damals seinen Meinungswechsel. 

BDO-Umsatz stieg nur leicht

Im Jahr 2014 hat BDO den Transformationsprozess von einer WP-Gesellschaft zu einer integrierten Prüfungs- und Beratungsgesellschaft angestoßen. Das spiegelt sich auch in den Zahlen Jahre wider: Der Anteil der Wirtschaftsprüfung am Gesamtumsatz ist seitdem sukzessive zurückgegangen und lag im Geschäftsjahr 2016 nur noch bei rund 49 Prozent (2014: 55 Prozent). Dafür haben die Steuer- und Unternehmensberatung zulegt, sie tragen inzwischen rund 40 Prozent (2014: 37 Prozent) beziehungsweise 11 Prozent (2014: 9 Prozent) zum Gesamtumsatz bei.

Der Gesamtumsatz stieg während der Transformationsphase allerdings nur leicht. 2016 kam BDO auf 215 Millionen Euro, nur 3 Prozent mehr als noch 2014. Damit kann BDO zwar immer noch seinen Platz als fünftgrößte Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft in Deutschland behaupten, hat aber gegenüber den Big Four – und auch gegenüber den kleineren Konkurrenten – stark an Boden verloren.

Holger Otte: „Haben Veränderungsprozess unterschätzt“

„Die Transformation war wie eine Operation am offenen Herzen.“

Holger Otte, BDO-Chef

Während sich BDO noch neu orientierte, sind die Wettbewerber stark gewachsen: Die viertplatzierte Deloitte setzt inzwischen 1,2 Milliarden Euro um ist für BDO kaum mehr einzuholen. Und von unten nähern sich die Wettbewerber rasant: Die sechstpalzierte Rödl & Partner macht große Sprünge und setzt inzwischen 202 Millionen Euro um. Gut denkbar, dass Rödl BDO dieses Jahr sogar überholt.

„Die Transformation war wie eine Operation am offenen Herzen“, erzählt Holger Otte von den schwierigen Jahren. Das Kerngeschäft Wirtschaftsprüfung weiterführen, parallel dazu die Beratung schnell ausbauen und sich dabei gegen immer härtere Konkurrenz zu behaupten – das ist eine Mammutaufgabe.

Das 2011 im FINANCE-Interview angekündigte Ziel, bis 2017 den Anteil der Unternehmensberatung auf 20 Prozent am Gesamtumsatz auszubauen, hat BDO mit 11 Prozent deutlich verfehlt. „Wir haben den Strategieschwenk möglicherweise zu spät vollzogen und den Veränderungsprozess wohl unterschätzt“, gibt Otte zu.

BDO will sich über Netzwerk abgrenzen

Doch jetzt will das Unternehmen in den Angriffsmodus übergehen. 2017 bekräftigte BDO die neue Aufstellung mit drei wichtigen Personalien. Im Januar verstärkte sich BDO mit dem Duff & Phelps-Berater Hartmut Paulus. Im Mai warb BDO den bekannten M&A-Berater Dietmar Flügel von Baker Tilly ab, der nun die M&A-Beratung ausbauen soll und gemeinsam mit Parwäz Rafiqpoor und Hartmut Paulus den Bereich Corporate Finance bei BDO leitet. Im November kam Volker Nürnberg dazu, der zuletzt fünf Jahre Leiter Health Management bei der internationalen Beratung Mercer war.

Laut Holger Otte unterscheidet sich BDO vor allem durch die Größe des internationalen Netzwerk mit einem weltweiten Umsatz von 7,4 Milliarden Euro von der Next-Ten-Konkurrenz. Zwar ist fast jede Prüfungs- und Beratungsgesellschaft – mit Ausnahme von Mazars und Rödl & Partner – in einer Art von Netzwerk organisiert, die Zusammenarbeit ist aber häufig eher lose ausgestaltet.

Das Netzwerk von BDO hingegen sei stark integriert, so Otte. Jedes Unternehmen, das Mitglied ist, trägt den Namen BDO und ist  der einheitlichen Netzwerkstrategie und der Einhaltung hoher gemeinsamer Qualitätsstandards verpflichtet. „Es gibt ein sehr hohes Maß an Zusammenarbeit, was auch unser 50-jähriges gemeinsames Wachstum ermöglicht hat“, sagt Otte. 

BDO IT GmbH soll „großen Schub“ bringen

BDO ist in China sogar die zweitgrößte internationale Prüfungsgesellschaft nach PwC mit Mandanten wie Chem China und die China National Petroleum Corporation. Davon profitieren auch die Kollegen im internationalen Netzwerk. So rechnet sich BDO höhere Chancen auf Prüfmandate bei den Töchtern von Chem China oder China National Petroleum Corporation in Deutschland aus.

Eine weitere Maßnahme, mit der sich BDO abgrenzen will, ist die BDO IT GmbH, die 2016 an den Markt ging und IT-Strategieberatung anbietet. Diese neue Sparte sei ein wichtiges Segment gegenüber der Konkurrenz, sagt Otte. Tatsächlich bieten die Next-Ten-Unternehmen gar nicht oder nur rudimentär IT-Beratung an. Die Big Four allerdings haben diesen Bereich bereits stark ausgebaut. „Wir haben erheblich investiert und eine Einheit mit über 80 IT-Experten aufgebaut“, berichtet Otte. Das Geschäft laufe bereits gut an. „Wir erwarten uns davon einen großen Schub.“

BDO bewirbt sich um Prüfmandate auch im Dax

Auch wenn BDO stark in die Beratung investiert hat – das Prüfungsgeschäft will das Unternehmen nicht vernachlässigen. BDO gibt an, die meisten kapitalmarktorientierten Unternehmen nach den Big Four zu prüfen. Im MDax zählt die Deutsche Euroshop zu den Mandanten, im SDax Cewe und Hypoport, im TecDax Drillisch und die Software AG.

Wie die Konkurrenz auch, setzt BDO auf die verpflichtende Abschlussprüferrotation. Diese zwingt  Unternehmen dazu, in den nächsten Jahren ihre Abschlussprüfer zu wechseln. BDO nimmt an den Ausschreibungen aller größeren Unternehmen teil und lässt sogar den Dax nicht aus. Ein großes Prüfungsmandat konnte BDO bisher zwar noch nicht gewinnen. „Wir sind aber häufig auf dem zweiten Platz gelandet und daher optimistisch, bald selbst zum Zug zu kommen“, so Otte.

Aber auch in verlorenen Ausschreibungen um die Prüfmandate hat sich BDO als Berater positionieren können, sagt Otte. Doch ob die Neuaufstellung im Beratungsbereich schon reicht, um sich nachhaltig auch als Berater großer Konzerne positionieren zu können, muss BDO erst noch unter Beweis stellen.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

„Wir sind optimistisch, bald selbst bei einem großen Prüfmandat zum Zug zu kommen.“

Holger Otte, BDO-Chef

Der Artikel ist Teil einer Serie, in der FINANCE mit den Next-Ten-Gesellschaften darüber spricht, wie sie die besten Prüfungs- und Beratungsmandate gewinnen und sich dabei von den Big Four abgrenzen wollen. Das bereits erschienene Interview mit Ebner Stolz können Sie hier nachlesen, den Artikel zu Rödl & Partner finden Sie hier und über die Strategie von Roever Broenner Susat Mazars finden Sie hier Informationen.

Weitere Artikel über KPMG, PwC, Deloitte und EY finden Sie auf unserer Themenseite zu den Big Four