Verlorener Sohn: Der Verkauf von Julian Draxler hat Schalke 04 finanziell saniert.

Guido Kirchner / picture alliance

22.03.16
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Schalke bekommt finanziell Oberwasser

Rekordumsatz, Rekordgewinn, wegschmelzende Finanzschulden: Schalke 04 bekommt gegenüber den Kritikern der riskanten Finanzstrategie Oberwasser. Doch bleibt das auch so? Die vier entscheidenden Antworten zur Finanzlage von Schalke 04.

„Schalke hat wieder Luft zum Atmen“: So kommentierte Finanzchef Peter Peters die Rekordzahlen, die Schalke 04 für das abgelaufene Kalenderjahr vorgelegt hat: Weil die Transfererlöse dank der Verkäufe von Draxler, Farfan und Papadopoulos von 10 auf 51 Millionen Euro angezogen sind, explodierte der Umsatz auf den Rekordwert von 264,5 Millionen Euro. Der Jahresgewinn stieg auf 22,5 Millionen Euro.

Die angespannte Bilanz des Vereins hat dies spürbar entlastet: Die Finanzschulden sind auf 146 Millionen Euro zurückgegangen. Das sind mehr als 100 Millionen weniger als im April 2010, als der Schalker Schuldenberg seinen Höhepunkt erreicht hatte. Dieser Trend schafft Zuversicht, dass es Peters tatsächlich gelingen kann, die Finanzschulden wie angekündigt bis 2019 unter 100 Millionen Euro zu drücken. Das wäre ein Meilenstein, den Schalke bis vor kurzem nicht viele Beobachter zugetraut hätten.

In den kommenden drei Jahren werden laut Peters auch die finanziellen Belastungen aus der Beseitigung des Dachschadens an der Veltins Arena und aus der Tilgung der Arenaschulden entfallen. Und erstmals seit langer Zeit ging 2015 auch der von Außenstehenden immer wieder angstvoll beäugte, nicht durch Eigenkapital gedeckte bilanzielle Fehlbetrag spürbar zurück, und zwar von 71 auf 48,5 Millionen Euro. Ohne Frage: Dank der fast 40 Millionen, die die Schalker für Draxler bekommen haben, hat sich ihre Finanzlage deutlich aufgeklart. Man kann es auch so formulieren: Mit seinem Abgang nach Wolfsburg hat Julian Draxler seinen alten Heimatklub finanziell saniert.

Die Rückzahlung der Schalker Fananleihe ist gesichert

Das freut auch die vereinsfremden Geldgeber, die bei Schalke spätestens seit der Begebung einer Mittelstandsanleihe im Juni 2012 wichtige Stakeholder sind. Mit 50 Millionen Euro steht Schalke bei den Finanzprofis vom Kapitalmarkt in der Kreide. Die speziellen Finanzkennzahlen, auf die diese Investoren schauen, haben sich ebenfalls stark verbessert. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) deckt inzwischen sechsmal die anfallenden Zinskosten, und die Nettofinanzverschuldung ist unter 2x Ebitda gesunken. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 4x Ebitda. Das sind sehr solide Werte – wenngleich positiv verzerrt durch den Sondergewinn aus dem Draxler-Transfer. Sie werden sich bald  wieder verschlechtern.  

Trotzdem haben auch die Fans Grund zur Freude – wenigstens beim Blick in ihren Geldbeutel. Wenn sie 2010 in Schalke investiert und damals die Fananleihe gezeichnet haben, bekommen sie im August ihr Geld zurück. Bei Fananleihen von Fußballklubs ist das keine Selbstverständlichkeit. Laut Peters „liegt das Geld dafür schon auf unserem Konto“ – 16 Millionen Euro.

2016 droht ein Umsatzrückgang von 20 Prozent

Bei Schalke lohnt sich aber immer auch ein Blick unter die Motorhaube, denn das Zahlenwerk ist komplex, und die Kennzahlen zeichnen – wie bei vielen anderen Fußballklubs auch – nicht immer ein zutreffendes Bild der Finanzlage.

Die erste wichtige Frage ist diese: Fällt Schalke ohne den Einmaleffekt eines Mega-Transfers wie Draxler wieder deutlich zurück? Auf den ersten Blick natürlich ja. In der Planung für 2016 geht Peters von einem Umsatzrückgang in Höhe von 50 Millionen Euro aus. Das entspräche einem Minus von 20 Prozent und wäre heftig.

Andererseits scheint dieses Umsatzniveau von gut 210 Millionen Euro für Schalke sicher erreichbar zu sein. So enthält die Planung keine neuen Transfererlöse, obwohl für Leroy Sane Anfragen über 50 Millionen Euro eingegangen sein sollen. Und das Ausscheiden aus der Europa League gegen Donezk ist dort ebenso schon eingearbeitet wie das mögliche erneute Verfehlen der Champions-League-Qualifikation im Mai.

Ohne Transfers wächst Borussia Dortmund schneller als Schalke 04

Die zweite wichtige Frage: Wächst Schalke abseits des Transfermarkts überhaupt noch? Auf den ersten Blick gibt der Jahresbericht eine klare Antwort, und die lautet „Nein“. Sowohl die TV-Einnahmen als auch die Erlöse aus Sponsoring und Merchandising sind 2015 praktisch auf der Stelle getreten. Aber diese Stagnation erscheint in einem anderen Licht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Schalke keine Spitzenmannschaft mehr ist und nicht mehr Champions League spielt. Der nachlassende sportliche Erfolg sorgt dafür, dass Schalke derzeit nicht so stark wie andere Klubs von den branchenweit steigenden TV-Erlösen profitiert, weil die Knappen das Wegbrechen der internationalen Fernsehgelder kompensieren müssen.

Gleichwohl verbessert sich die Qualität von Schalkes Einnahmen aus Sponsoring, Marketing und Merchandising: Unterm Strich sind sie mit rund 85 Millionen Euro im Jahr 2015 gegenüber dem Vorjahr zwar kaum gewachsen. Aber anders als im Vorjahr kassierten die Schalker von ihren Sponsoren so gut wie keine Sonderprämien. Die fixen Sponsoring- und Marketingerlöse legten um rund 5 Millionen Euro zu.

Damit beweist Schalke erstmals so richtig die von der Vereinsführung immer wieder propagierte Widerstandsfähigkeit: Selbst ein Verpassen der Champions League führt zu keinem schweren Geschäftseinbruch mehr. Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, dass der Erzrivale Borussia Dortmund bei den Erlösen ohne Transfers mehr Dynamik zeigt als Schalke – und auch ehrgeizigere Wachstumsziele für die mittelfristige Zukunft kommuniziert hat.

Sinkende Spielergehälter: Schalke hat die Kosten gut im Griff

Wenn aber die Umsatzdynamik schwach ist, muss es einem Verein wie Schalke 04 gelingen, sich gegen die Inflation bei den Spielergehältern zu stemmen. Und das – so die Antwort auf die dritte Frage –  gelingt Finanzchef Peters und Vereinsboss Clemens Tönnies derzeit ziemlich gut.

Die Personalkosten sind 2015 um über 3 Millionen Euro auf 105,7 Millionen Euro zurückgegangen. Damit liegt Schalkes Personalkostenquote selbst dann noch unter 50 Prozent des Umsatzes, wenn man aus den Umsätzen die Transfererlöse herausrechnet. Das ist im nationalen wie im internationalen Vergleich sehr solide. Es wird aber interessant sein zu sehen, ob es sich dabei nur um einen Sondereffekt wegen rückläufiger Erfolgsprämien für die Spieler handelt.

Insgesamt rund 80,5 Millionen Euro flossen nach Aussage des Managements 2015 in die Gehälter des Lizenzspielerbereichs. Bei der Begrenzung dieser Kosten profitiert Schalke davon, dass der Klub seit Jahren vor allem junge Spieler verpflichtet und keine teuren Altstars. Als das Kronjuwel des Vereins kristallisiert sich dabei immer stärker die Jugendabteilung heraus, die viel gerühmte „Knappenschmiede“. Seit 2010 hat Schalke rund 70 Millionen Euro Transfererlöse mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs erwirtschaftet. Auf eine solch hohe Summe dürfte kein anderer deutscher Bundesligaklub kommen.

Die Neueinkäufe sind die Achillesferse von Schalke 04

Was aber – und das ist die vierte und entscheidende Frage – bedeutet das alles für die Zukunftsperspektiven von Schalke 04? Unübersehbar ist, dass das finanzielle Fundament heute wesentlich stärker ist als in all den Jahren zuvor. Das lässt sich nicht nur an den sinkenden Schulden ablesen, sondern auch an der Ertragskraft, die die Knappenschmiede dem Mutterverein verleiht: Der operative Gewinn (Ebitda), der grob gerechnet die erwirtschafteten Zahlungsmittel anzeigt, stieg 2015 von 39,7 auf 67,3 Millionen Euro. Die Marge von über 25 Prozent vom Umsatz zeigt, wie ertragsstark gut aufgestellte Fußballklubs wirtschaften können, wenn sie sich auf eine gute Jugendarbeit stützen oder ein gutes Händchen am Transfermarkt beweisen. 

Und dort liegt die aktuell vielleicht schmerzhafteste Schwäche der Königsblauen: Die Transfers müssen besser werden. Ohne nennenswerte Verkaufserlöse kann sich Schalke nicht regelmäßig Transferausgaben wie im vergangenen Jahr leisten, als 30 Millionen Euro für Spieler wie Geis, di Santo und Caicara ausgegeben wurden, von denen keiner so richtig eingeschlagen hat. Im Jahr davor ist es schon ähnlich gelaufen. Und auch in der Winterpause wurden wieder 5 Millionen Euro ausgegeben – für den Nürnberger Nachwuchsmann Alessandro Schöpf.

Wer solche Spieler verpflichtet, denkt dabei immer auch an die mögliche Wertsteigerung im Fall eines späteren Weiterverkaufs. Und diese fällt bei Schalke seit Jahren schwach aus – außer bei den Jungs, die aus der Knappenschmiede kommen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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