80 Milionen Euro plus Spesen: Noch nie hat Bayern München so viel Geld für einen Spieler hingelegt wie für Lucas Hernandez. Und das soll erst der Anfang sein.

picture alliance/Sven Simon

02.04.19
Blogs

Transferoffensive: Das kann sich der FC Bayern leisten

Bayern München will groß am Transfermarkt zuschlagen. Die aktuellen Finanzzahlen des Rekordmeisters zeigen aber, dass der finanzielle Spielraum dafür so groß gar nicht ist.

Wenigstens wirtschaftlich ist Bayern München noch ein Pfund. Während der deutsche Rekordmeister sportlich in dieser Spielzeit nicht zu den führenden Klubs Europas zählt, hat er in der abgelaufenen Saison zumindest seinen Platz als viertumsatzstärkster Fußballklub der Welt behauptet.

Insgesamt erlöste der FC Bayern in der Saison 2017/18 über 657 Millionen Euro. Das sind zwar nur knapp 3 Prozent mehr als in der Vorsaison, aber bereinigt um die schwankenden Transfererlöse steigert sich das Plus auf 7 Prozent. Und auch der Nettogewinn von 29,5 Millionen Euro liegt in etwa in der Spanne der drei vorherigen Spielzeiten, in denen die Bayern jeweils Überschüsse zwischen 24 und 39 Millionen Euro einfahren konnten.  

Angesichts der großen Pläne des deutschen Vorzeigeklubs braucht das Management diese wirtschaftliche Stärke aber auch: Schon vor dem Champions-League-Aus gegen den FC Liverpool hatte der FC Bayern eine Transferoffensive angekündigt, die den angestaubten Kader wieder auf internationales Spitzenniveau bringen soll.

Die Niederlage gegen Liverpool hat die Pläne auf der Managementagenda noch stärker nach oben getrieben. „Wir werden einige Sachen am Transfermarkt tun “, kündigte Sportchef Hasan Salihamidzic an. Aufsichtsratschef Uli Hoeneß stößt in die gleiche Kerbe und verkündete: „Wir müssen jetzt die Weichen stellen für die nächsten Jahre und werden das Gesicht der Mannschaft ziemlich verändern. Das ist das größte Investitionsprogramm, das der FC Bayern je hatte.“ 

Es kursieren Gerüchte über ein Transferbudget von jenseits der 200 Millionen Euro, mit dem die Bayern den Markt sondieren sollen. Wirtschaftlich gibt es für die Erneuerung des Teams laut Hoeneß „ausreichend Spielraum“. Die ersten beiden Deals sind auch schon perfekt: Für 35 Millionen Euro kommt der französische Verteidiger Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart. Für Lucas Hernandez überweisen die Bayern sogar 80 Millionen Euro an Hernandez‘ bisherigen Verein Atlético Madrid.

„Das ist das größte Investitionsprogramm, das der FC Bayern je hatte.“

Uli Hoeneß, Aufsichtsratschef

Die Kaderprobleme der Bayern treiben die Rechnung

Doch der Bedarf an neuen Spielern ist groß, denn der Kader der Bayern benötigt nicht nur in der Abwehr eine Frischzellenkur, sondern auch im Angriff: Auf den Flügeln sucht der Klub jungen Ersatz für die Alt-Stars Arjen Robben und Franck Ribery, und auch die Sturmspitze ist eine Achillesferse, weil der Edelkader der Bayern dort neben Torjäger Robert Lewandowski nichts hergibt.

Diese Fülle an Baustellen dürfte die Transferrechnung massiv in die Höhe treiben. Wenn jedoch die Spekulationen über ein Transferbudget von 200 Millionen Euro stimmen sollten, wäre mit den Transfers von Hernandez und Pavard für die Auffrischung des Angriffs schon mehr als die Hälfte des Budgets ausgegeben.

Und die übrigen Kandidaten sind keine Schnäppchen: Für den von den Bayern umworbenen englischen Flügelstürmer Callum Hudson-Odoi vom FC Chelsea werden inzwischen Ablöseforderungen von über 50 Millionen Euro gehandelt. Ein Angebot der Bayern über 40 Millionen Euro soll Chelsea im Januar kühl zurückgewiesen haben, und die Zahl der Interessenten für das englische Toptalent ist seitdem weiter gestiegen.

Leichteren Zugriff könnte der FC Bayern bei Nationalstürmer Timo Werner von RB Leipzig haben, dessen Vertrag 2020 ausläuft. Verlängert Werner nicht, wollen die Leipziger ihn im Sommer verkaufen. Auch für Werner wäre vermutlich eine Ablösesumme von über 40 Millionen Euro fällig, aber das wirkt wie ein Schnäppchen im Vergleich zu dem neuesten Transfergerücht: Bayer Leverkusen soll eine Bayern-Anfrage für den Jungstar Kai Havertz mit einer Preisforderung von 100 Millionen Euro beantwortet haben. 

200 Millionen sind schnell ausgegeben

Diese Namen zeigen, in welchen Preisregionen die Bayern unterwegs sind, wenn sie ihren Kader wirklich nennenswert verstärken wollen. Kämen sie neben Pavard und Hernandez auch noch bei Hudson-Odoi und Werner zum Zug, hätten sie zwar für jede ihrer Problemzonen eine Lösung gefunden. Aber das Investment für diese Kadererneuerung dürfte die im Raum stehenden 200 Millionen Euro ziemlich sicher übersteigen, und absolute Weltklasse verkörpert keiner dieser vier Spieler. Hinzu kommt noch, dass in dieser Kalkulation die 42 Millionen Euro noch gar nicht berücksichtigt sind, die der Rekordmeister an Real Madrid überweisen müsste, falls er im Sommer die Kaufoption für den ausgeliehenen James Rodriguez ziehen will.

Die große Frage, die sich daher stellt: Könnten die Bayern auch wesentlich mehr als 200 Millionen Euro für den Kader locker machen? Und falls ja, blieben ihnen dann noch Reserven, um auch in den folgenden Jahren auf höchstem Niveau am Transfermarkt handlungsfähig zu bleiben?  

Personalkosten steigen schneller als der Umsatz

Dafür lohnt sich ein Blick auf den Trend der Bayern-Finanzen. Dieser relativiert die wirtschaftliche Potenz des deutschen Serienmeisters – zumindest im Vergleich mit den internationalen Top- und Oligarchen-Klubs. Beispiel Umsatz: Transferbereinigt lauten die drei jüngsten Jahreszahlen: 592, 588 und 629 Millionen Euro. Der FC Bayern wächst, aber nicht besonders dynamisch. 

Und die Spielergehälter legen schneller zu als der Umsatz. In der Saison 2017/18 türmten sich die Personalkosten der Bayern zu einem neuen Rekordstand von 302,5 Millionen Euro auf. Das kickende Personal verschlang 14 Prozent mehr als im Jahr davor. Das reißt eine unschöne Schere auf: In der Dreijahresbetrachtung steht beim transferbereinigten Umsatz ein Plus von 7 Prozent zu Buche, die Personalkosten wuchsen in dieser Zeit mit 16 Prozent aber mehr als doppelt so schnell.

Inzwischen liegt die Personalkostenquote der Bayern bei 46 Prozent. Das ist weniger als bei den ausländischen Superklubs, aber wesentlich höher als der Bundesligaschnitt von rund 35 Prozent.

Das Problem: Diese hohe Personalkostenquote lässt den Bayern wenig Raum, ihr Festgeldkonto nach einer Transferoffensive zügig wieder aufzufüllen. Die neuen Top-Stars werden die Gehaltskosten weiter in die Höhe treiben, selbst wenn dafür teure Altstars wie Arjen Robben und Franck Ribery vom Gehaltszettel verschwinden. 

Das Festgeldkonto der Bayern wird schon kleiner

Dabei sieht man schon jetzt klare Anzeichen dafür, dass die Kostenexplosion im Kader die Umsatzzuwächse auffrisst, obwohl der große Umbruch noch gar nicht begonnen hat. In der Saison 2017/18 bilanzierten die Bayern einen operativen Gewinn (Ebitda) von 136,5 Millionen Euro. Das waren 13 Millionen weniger als in der Vorsaison und 6 Millionen weniger als in der Saison 2015/16.

In der laufenden Saison sind die Bayern nun bereits im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden. In den Geschäftszahlen der laufenden Saison, die Bayern-Finanzchef Jan-Christian Dreesen im Herbst vorstellen wird, dürfte sich daher ein weiterer Rückgang der Finanzkraft zeigen.  

FINANCE-Leser-Voting: Kann der FC Bayern auf Dauer mit Europas Spitzenklubs finanziell mithalten?

Das gleiche Bild zeigt sich beim Nettogewinn, der mit 29,5 Millionen Euro zuletzt ebenfalls niedriger ausfiel als in den Spielzeiten 2016/17 (39,2 Millionen Euro) und 2015/16 (33,0 Millionen Euro). Das Eigenkapital der Bayern wächst zwar noch, zuletzt von 446 auf 451 Millionen Euro. Aber beim Umlaufvermögen, das in erster Linie aus Bankguthaben und Transferforderungen besteht, zeigt sich erneut ein Rückgang: 211 Millionen Euro hatten die Bayern Ende Juni 2018 auf der hohen Kante. Ein Jahr zuvor waren es gut 220 Millionen Euro gewesen, Mitte 2016 sogar noch über 227 Millionen.

Mehr Geld als Borussia Dortmund

Im Bundesligavergleich sind die Bayern damit nach wie vor die unangefochtene Nummer Eins: Der größte Konkurrent Borussia Dortmund wies zum 30. Juni 2018 ein Umlaufvermögen von 120 Millionen Euro aus, davon 55 Millionen Euro als Bankguthaben.

Für einen Transfersommer mit gezielten hochkarätigen Verpflichtungen sind die Bayern mit ihrem gut gefüllten Festgeldkonto gerüstet. Aber die wirtschaftliche Substanz, um auf Dauer mit hoher Schlagzahl am Transfermarkt zu agieren, haben die Bayern eher nicht, sondern allenfalls Munition für eine einmalige Rundumerneuerung des Kaders. Dieser Versuch muss gelingen. Sonst backt auch der große FC Bayern in Zukunft kleinere Brötchen.      

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr Fußballfinanzanalysen finden Sie in unserem FINANCE-Blog „Dritte Halbzeit“. Weitere Artikel und Interviews zur wirtschaftlichen Lage des Rekordmeisters gibt es auf der FINANCE-Themenseite Bayern München.