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Warum Matthias Zieschang CFO des Jahres 2020 wurde – und was der Kapitalmarkt jetzt von ihm erwartet.
FINANCE

In einem seiner traurigen Lieder fragte Wladimir Wyssozki einmal: „Wann kann ein Mensch sich bewähren, wenn da ruht des Krieges Geschrei?“ Der historische Kontext war ein anderer, aber der russische Liedermacher stellte eine Frage, die auch für einige deutsche Finanzchefs galt und gilt. Einer von ihnen ist Matthias Zieschang, der Finanzchef von Fraport und CFO des Jahres 2020, gekürt von FINANCE Ende November im Rahmen der Structured FINANCE E-Paper Week.

Fraport-CFO bis März 2020: Ein machbarer Job

In den ersten 13 Jahren seiner Amtszeit hatte Zieschang wenig Gelegenheiten herauszuragen. Für den Betreiber des Frankfurter Flughafens und von rund zwei Dutzend weiteren Airports im Ausland arbeitend, überwachte er eine regulierte Infrastruktur von nationaler Bedeutung. Die meisten Flughäfen im Fraport-Verbund, allen voran der Frankfurter, operierten unter Vollauslastung. Der Konzern erwirtschaftete Ebit-Margen von 25 Prozent, die Aktionäre – in der Mehrheit das Land Hessen und die Stadt Frankfurt am Main – kassierten wachsende Dividenden.

Das Finanzprofil war konservativ, genauso wie Zieschangs Finanzpolitik: hohe Kassenbestände auf der Aktiv-, besicherte Kredite und mittelgroße Schuldscheine auf der Passivseite. Solides CFO-Handwerk, nichts für Finanzvirtuosen.

Eigentlich war es Zieschangs zentrale Aufgabe, die Kosten im Zaum zu halten und darauf zu achten, dass die großen M&A– und Ausbauprojekte finanziell nicht aus dem Ruder liefen. Meistens gelang ihm das im Zusammenspiel mit seinem CEO und CFO-Vorgänger Stefan Schulte ganz gut. Die neue Landebahn in Frankfurt blieb weitgehend im Zeit- und Kostenbudget, die Übernahmen von Flughafenportfolios in Griechenland und Brasilien fand der Kapitalmarkt in Ordnung. Unauffällig zog die Aktie ihre Bahnen. Des Krieges Geschrei? Seit der Finanzkrise so weit weg wie ein Blizzard an einem lauen Sommerabend.

Keine Hilfskredite für Fraport

Das alles änderte sich im vergangenen März mit dem weitgehenden Grounding des Luftverkehrs. Über Nacht verschwanden 90 Prozent der Umsätze des Fraport-Konzerns im Corona-Loch, und eine gewaltige Maschinerie hatte plötzlich keinen finanziellen Treibstoff mehr. Allein in Frankfurt umfassen die Terminalflächen unfassbare 1,3 Millionen Quadratmeter, Tendenz steigend – und das ist nur ein kleiner Teil der Assets der Fraport AG.

Was für tiefe Löcher das Brachliegen einer großen Reiseinfrastruktur in Konzernkassen reißen kann, zeigte sich schnell am Beispiel von Airlines, Flugzeugbauern, Reisekonzernen. Airbus und Boeing verbrannten in wenigen Monaten zweistellige Milliardenbeträge, die Lufthansa und Tui einstellige. Den beiden Letztgenannten blieb nichts anderes, als staatliche Notkredite in Anspruch zu nehmen, verzinst mit rund 10 Prozent im Jahr.

Fraport wurde von seinem CFO vor diesem Schicksal bewahrt. Anstatt Staatshilfen zu beantragen, trieb Zieschang sein Finanzierungsteam dazu an, sich trotz Home Office, Lockdown und schockgefrosteter Finanzmärkte in nur vier Wochen 1 Milliarde Euro vom Kapitalmarkt zu holen. Letztlich wurden es sogar noch 200 Millionen mehr. In den anschließenden Monaten kamen noch einmal über 1,5 Milliarden Euro hinzu, so dass Fraport aus dem Katastrophenjahr 2020 mit einem Kassenbestand von rund 3 Milliarden Euro hinausgegangen sein dürfte. Zinskosten der diesjährigen Finanzierungen: im Schnitt nicht mehr als 0,8 Prozent pro Jahr. 

Zieschang konnte Cash-Burn-Rate stark reduzieren

Mit Kostensenkungen, Kurzarbeit und Investitionskürzungen reduzierte Zieschang die Cash-Burn-Rate im Jahresverlauf auf kaum noch mehr als 100 Millionen Euro pro Monat. Und diese Abflüsse gehen fast ausschließlich auf die Ausgaben für das neue dritte Terminal am Frankfurter Flughafen („T3“) zurück, das zwar trotz Corona weitergebaut wird, nun aber nicht mehr 2023, sondern erst 2025 in Betrieb gehen soll.

Es waren zwei Dinge, die dazu führten, dass in nicht einer einzigen Sekunde Finanz- oder Liquiditätsängste um Fraport aufkamen: der stattliche Kassenbestand, mit dem der MDax-Konzern in die Krise hineinging, und Zieschangs beherztes Eingreifen in den Wochen des Lockdowns. Als es plötzlich ausbrach, des Krieges Geschrei, bewährte sich der alte Kämpe im CFO-Büro. 

Fraport wird zur Drehscheibe für Corona-Impfstoffe

Nun geht der Blick schon wieder nach vorne. Da gleich mehrere Corona-Impfstoffkandidaten sich bewährt haben, wächst die Hoffnung auf ein Wiederanfahren des Flugverkehrs im Lauf von 2021. Die Impfkampagnen und ein Abflauen der Pandemie könnten sogar dazu führen, dass Fraport eine gute Sommersaison an seinen Ferienflughäfen in Griechenland und im türkischen Antalya erleben wird.

FINANCE-Köpfe

Dr. Matthias Zieschang, Fraport AG

Zieschang ist von 1990 bis 1994 bei der BASF Referent im Finanzbereich. 1994 wechselt er zur neu gegründeten Deutsche Bahn AG, wo er als Hauptabteilungsleiter den Bereich Finanzstrategie und Planung aufbaut. 1997 übernimmt er den Bereich Projekt- und Beteiligungsfinanzierung. Außerdem wird er in Personalunion zum Geschäftsführer der Deutsche Bahn Projekt Finanzierungs-GmbH ernannt. Von 1999 bis 2001 entsendet ihn Bahn-CFO Diethelm Sack als CFO (Ressorts Finanzen, Controlling, IT) zur sich in der Krise befindlichen Reederei Scandlines, die saniert und anschließend verkauft werden kann.

2001 bis 2007 ist er CFO des ebenfalls restrukturierungsreifen Teilkonzerns Deutsche Bahn Netz AG, wo er das Ressort Finanzen und Controlling sowie den Unternehmensbereich Zugbildungsanlagen verantwortet und sich stark für den beabsichtigten Börsengang des Bahnkonzerns engagiert. Dann kommt das reizvolle Angebot, allein verantwortlicher CFO eines börsennotierten Konzerns und gleichzeitig für die internationalen Beteiligungen zuständig zu sein: Seit April 2007 ist Zieschang Finanzvorstand des Flughafenbetreibers Fraport

zum Profil

In den Monaten davor wird der Frankfurter Flughafen, Europas größtes Drehkreuz für Pharmazieprodukte, mit seinem riesigen Cargo-Bereich und den Hightech-Kühlhäusern eine entscheidende Rolle bei der weltweiten Verteilung der Corona-Impfstoffe spielen, die zu einem nennenswerten Anteil in Deutschland und der Schweiz hergestellt werden.

Was die Analysten von Zieschang erwarten

Während die Schuldschein- und Bondholder einen sicheren Durchlauf ihrer Papiere erwarten, wittern die Aktionäre schon wieder Morgenluft. In Analystenkreisen verbreitet sich der Eindruck, dass Fraport wesentlich stärker aus der Coronakrise herauskommen könnte, als der Konzern hineinging.

Das liegt in erster Linie an dem nahezu schon abgeschlossenen Programm zum Abbau von 4.000 Stellen. Der Großteil davon ist schon realisiert, über Fluktuation, nicht verlängerte Zeitverträge, Frühverrentung und Abfindungspakete. Sparvolumen: 250 Millionen Euro pro Jahr, plus weitere 100 bis 150 Millionen bei anderen Kostenblöcken. Das entspricht zusammen fast einem Sechstel der gesamten Betriebskosten von Fraport im Vor-Corona-Jahr 2019.

Corona-Comeback? Fraport streicht ein Sechstel der Betriebskosten von 2019, Analysten wittern Morgenluft.

Der Kapitalmarkt spekuliert schon darauf, dass Fraport sein Ertragsniveau von vor der Krise selbst dann schon wieder übertreffen könnte, wenn das Passagieraufkommen erst 80 Prozent des 2019er-Wertes erreichen würde. Diese Marke plant Fraport-Chef Stefan Schulte als „New Normal“ ein, ab der eine weitere Erholung zäh zu werden droht. Gelänge jedoch die Rückkehr zur Vollauslastung, dürfte Fraport gegen Mitte des Jahrzehnts profitabler arbeiten als je zuvor – insbesondere dann, wenn der Bau von T3 in Frankfurt planmäßig abgeschlossen werden kann.

Doch dieses Szenario muss auch fast schon so eintreten, schließlich wollen die Investoren, die Zieschang in seiner schwärzesten Stunde vertraut haben, eines Tages ihr Geld auch wiedersehen. Finanzschulden von 7 bis 8 Milliarden Euro muss Zieschang schultern. Den Sturm hat er gemeistert, aber der Weg zurück in den Hafen wird ein langer sein.

Info

Matthias Zieschang
Der 60 Jahre alte Pfälzer ist seit mehr als 13 Jahren CFO von Fraport. Er hat vier Kinder, interessiert sich für Geschichte und begann seine Karriere 1990 im Finanzbereich von BASF. Im April 2007 wechselte er von der Deutschen Bahn zu dem Flughafenbetreiber. Mehr über ihn erfahren Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Matthias Zieschang.

Fraport im Corona-Jahr
Wegen der Coronakrise dürfte sich der Fraport-Umsatz 2020 mehr als halbiert haben. Trotzdem könnte das Konzern-Ebitda vor Sondereffekten noch leicht positiv ausfallen. Die Nettofinanzschulden werden aber von 4,2 Milliarden auf weit über 5 Milliarden Euro ansteigen.

CFO des Jahres
Matthias Zieschang ist der 16. CFO des Jahres. Geehrt wurde er bei Structured FINANCE E-Paper Week Ende November. Zu den früheren Preisträgern zählen unter anderem Olaf Holzkämper (Cewe), Konstantin Sauer (ZF Friedrichshafen), Stephan Sturm (Fresenius) und Alexander Selent (Fuchs Petrolub).