Deutschlands CFOs kommen nicht zur Ruhe. Kaum ist die Corona-Pandemie verdaut, entstehen neue Krisenherde, die die Wirtschaft in Atem halten. Da ist es wenig verwunderlich, dass die Finanzabteilungen unter Hochdruck arbeiten. Wie die Ergebnisse des aktuellen FINANCE CFO Panels zeigen, wurde der Rekordwert aus diesem Frühjahr bezüglich des Stress-Levels nochmal übertroffen und kletterte von 6,4 auf 6,6 (10 = extrem gestresst).
Dies zeigt, wie angespannt die Lage derzeit ist. Die Arbeitsauslastung blieb im Vergleich zur Umfrage im Frühjahr konstant hoch bei 8,2 (Maximalwert 10 = sehr viel zu tun). Weshalb der Stress-Level stärker steigt als die Arbeitsauslastung, erklärt Horváth-Partner Achim Wenning so: „Das resultiert aus der Tatsache, dass zu den bekannten und eingespielten Themen sowie Arbeitsabläufen vermehrt neue, unternehmensweite und existenzbedrohende Themen hinzukommen.“
Ein schöner Lichtblick: Die Frage, ob ihnen ihr Job gegenwärtig Spaß macht, beantworteten über 82 Prozent der CFOs dennoch mit Ja. Für die Befragung hat die FINANCE-Redaktion in Kooperation mit der Unternehmensberatung Horváth & Partner in der zweiten Septemberhälfte rund 100 Finanzchefs in Deutschland anonym zu ihrer aktuellen Markteinschätzung befragt.
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Bitte einloggenControlling-Themen bestimmen den CFO-Alltag
Im Alltag der CFOs dominiert das Thema Controlling, das 59 Prozent der Befragten zu den drei Top-Prioritäten zählen. 40 Prozent bezeichnen das Kostenmanagement als Top-Priorität und 29,5 Prozent die Finanzierungsstruktur. Das Bedürfnis, die eigene Finanzstruktur nach Sparpotentialen abzuklopfen, ist ein Trend, der sich seit längerem manifestiert.
In den Hintergrund rückt dafür das jahrelang omnipräsente Thema der Digitalisierung von Prozessen in der Finanzabteilung. Nur noch für 11,4 Prozent zählt sie zu den wichtigsten Alltagsprioritäten, das ist der niedrigste Wert seit dem CFO Panel im Frühjahr 2017. Dadurch „besteht die Gefahr, dass kurzfristiger Aktionismus auf krisenbedingte Herausforderungen dazu führt, dass die Grundlagenarbeit in der Digitalisierung vernachlässigt wird“, warnt Horváth-Partner Achim Wenning.
Analog zur gesunkenen Relevanz der Digitalisierung innerhalb der Finanzabteilungen liegen auch Cybercrime-Attacken in der Risikowahrnehmung mit Blick auf verschiedene Arten von Bedrohungen weiter hinten als noch im Frühjahr. Auf einer Skala von 1 bis 10 (10 = extrem hohe Bedrohung) kommt Cyberkriminalität nur noch auf einen Wert von 6,2 nach 7,1 zu Jahresbeginn.
Ein Potpourri an Bedrohungen
Insgesamt geht nach Meinung der befragten CFOs von mehreren Risikoarten eine mittlere Bedrohung mit Werten zwischen 4 und 5,5 für ihre Unternehmen aus – dies sind mögliche politische Unruhen an einzelnen Auslandsstandorten (4,4), protektionistische Tendenzen (5,0), steigende Finanzierungskosten (5,4) oder die Folgen des Klimawandels (4,8). Selbst Störungen von Lieferketten werden als schwächere Bedrohung wahrgenommen als noch zu Jahresbeginn, hier fiel der Wert von 7,2 auf nun 6,4.
Die hohen Rohstoffpreise – in der vergangenen Umfrage noch die am stärksten wahrgenommene Bedrohung mit einem Wert von 7,6 – wurden überraschenderweise vom Spitzenplatz verdrängt und erreichen aktuell nur noch einen Wert von 7,2. Als noch größere Bedrohung nehmen die Finanzchefs den Fachkräftemangel innerhalb ihres Unternehmens war, dieser kommt auf einen Wert von 7,4 und erreicht damit einen Höchstwert.
„Es besteht die Gefahr, dass kurzfristiger Aktionismus auf krisenbedingte Herausforderungen dazu führt, dass die Grundlagenarbeit in der Digitalisierung vernachlässigt wird.“
Achim Wenning, Partner bei Horváth
Und der „War for Talents“ wird nicht nur unternehmensweit wahrgenommen, sondern schlägt sich gezielt in den Finanzabteilungen nieder. Auch dieser Risikofaktor wurde beim CFO Panel abgefragt und erreichte mit einem Wert von 5,8 seinen bisherigen Rekord.
Dass nicht die hohen Rohstoffpreise, sondern der Fachkräftemangel als derzeit stärkste Bedrohung für Unternehmen bewertet wird, dürfte daran liegen, dass die höheren Rohstoffpreise als temporäre Bedrohung wahrgenommen werden, die sich entspannen könnte, sobald der Krieg in der Ukraine ein Ende findet.
Die Suche nach Fachkräften indes wird Firmen noch auf Jahre beschäftigen, wie die Ergebnisse zeigen. 53,3 Prozent der Befragten gaben an, dass der Fachkräftemangel auch in den nächsten drei Jahren ein „hohes Risiko“ darstellen werde. Einzig hohe Energiepreise, die gesondert als künftige Bedrohung abgefragt wurden, werden von mehr CFOs, nämlich von 62,2 Prozent, als hohes künftiges Risiko gewertet.
CFOs spüren Transformationsdruck
Weniger Sorge haben die deutschen Finanzchefs hingegen vor geringen Exportchancen. Nur 8,9 Prozent sehen hier ein hohes Risiko in den kommenden drei Jahren. Genauso gering ist die Risikowahrnehmung mit Blick auf Fremdwährungseffekte. Auch eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit wird trotz aller Herausforderungen kaum befürchtet: 51,1 Prozent sehen hier ein niedriges und 22,2 Prozent ein mittleres Risiko in den kommenden drei Jahren.
Eines wird deutlich: In der Krise ist der CFO nicht nur Chef über die Zahlen, sondern aktiver Transformationstreiber. Das legt das eigene Rollenverständnis nahe, dass die Panel-Teilnehmer haben. Denn 35,5 Prozent der CFOs sehen sich in ihrem eigenen Rollenbild als „Motor des Wandels“, 24,4 Prozent als „Visionär und strategischen Gestalter“.
Doch welche Maßnahmen stehen auf der CFO-Agenda, um die angestrebte Rolle zu erfüllen? Die meisten CFOs halten es (verständlicherweise) für ihre Pflicht, ihr Unternehmen finanziell resilient aufzustellen. So steht für 55,6 Prozent die Liquiditätssicherung und für 51,1 Prozent die Stärkung der Vorhersagefähigkeiten in Planungs-, Prognose- und Berichtsprozessen auf der Agenda (Mehrfachnennung möglich). Durch gutes Forecasting können Firmen exogene Schocks schneller durchspielen und die Folgen für das eigene Unternehmen abschätzen.
48,9 Prozent der Panel-Teilnehmer sehen zudem die Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter als Punkt auf der CFO-Agenda – erneut ein Symptom des Fachkräftemangels, der Firmen dazu anhält, ihre bestehende Mannschaft bestmöglich weiterzubilden. Fehlende Spezialisten in neuen Berufsbildern im Finanzbereich werden zudem als größtes Hindernis bei der Entfaltung des künftigen CFO-Rollenmodells wahrgenommen, 42,2 Prozent sehen dies als Hürde.
Kurios ist, dass ausgerechnet eine unzureichende Veränderungsbereitschaft auf Seiten der Führungskräfte von satten 40 Prozent der befragten CFOs als Hindernis angesehen wird. Der Wunsch nach einer transformativen Kraft bei den CFOs ist augenscheinlich da, an Motivation auf Seiten der Führungskräfte mangelt es noch.
Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.
