Die Deutsche Bahn bekommt einen neuen Finanzvorstand: Wie erwartet wird Alexander Doll Anfang 2019 die Position übernehmen, die derzeit noch in Personalunion von Bahnchef Richard Lutz ausgefüllt wird. Dies teilte die Bahn offiziell mit. Das „Handelsblatt“ hatte zuvor über die anstehende Berufung berichtet. Die Gerüchte, dass Doll vor einer Beförderung zum CFO steht, halten sich schon seit Wochen.
CEO Lutz, der seit 2010 Bahn-Finanzchef ist und nach dem Abgang von Rüdiger Grube den CEO-Posten übernommen hat, soll sich künftig verstärkt auf die strategische Weiterentwicklung des Konzerns konzentrieren, heißt es in der Mitteilung.
Alexander Doll: Von Barclays zur Bahn
Neu-CFO Doll ist bereits Teil des Bahnvorstands, wo er seit April die Bereiche Logistik und Cargo verantwortet. Zuvor war er Deutschlandchef der Investmentbank Barclays. In dieser Funktion war Doll einer der engsten Berater der Bahn, was eine wichtige Rolle bei seinem Wechsel in den Bahnvorstand gespielt haben dürfte. So arrangierte er unter anderem den milliardenschweren Kauf der britischen Verkehrsgesellschaft Arriva. Schon beim Verkauf der Deutschen Eisenbahn-Reklame an den Medienkonzern Ströer im Jahr 2005 war Doll als M&A-Berater mit dabei.
„Wir werden diese Besetzung so nicht mittragen.“
Obwohl Doll die Bahn gut kennt und er zweifellos Finanzexpertise mitbringt, gibt es auch Widerstand gegen seinen Aufstieg zum CFO. Dies liegt auch an den zahlreichen Problemen, mit denen die Bahn kämpft – allen voran in Dolls bisherigem Ressort, dem chronisch ertragsschwachen Güterverkehr, in dem dieses Jahr laut Medienberichten ein Verlust von 165 Millionen Euro auflaufen soll.
2018 hat der Staatskonzern daher auch schon zwei Gewinnwarnungen herausgegeben. Und nach einem Brandbrief von Bahn-Chef Lutz an die Belegschaft scheint sogar eine dritte Kappung der Prognose inzwischen nicht mehr ausgeschlossen.
Die einflussreiche Bahngewerkschaft EVG wünscht sich daher, dass Cargo-Vorstand Doll sich voll auf die Probleme in seiner Stammsparte konzentriert. „Wir werden diese Besetzung so nicht mittragen", sagte Alexander Kirchner, EVG-Chef und stellvertretender Aufsichtsratschef der Bahn, der „FAZ“. Kirchner votierte zwar ebenfalls für einen neuen CFO, nicht aber für einen Manager mit doppelter Ressortverantwortung. Offensichtlich konnte er sich aber nicht durchsetzen.
Deutsche Bahn hat fast 20 Milliarden Euro Schulden
Der interne Gegenwind macht Doll CFO-Aufgabe nicht einfacher. Dabei muss er dort schnell handeln, und er braucht Fortune, denn die Nettofinanzverschuldung dürfte schon bald die 20-Milliarden-Euro-Marke knacken. Ende 2017 belief sich diese noch auf 18,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig muss weiter investiert werden. Erst gestern hat der Aufsichtsrat Extra-Ausgaben über 1 Milliarde Euro für neue Züge genehmigt, damit die Bahn den Fahrgastansturm bewältigen und die Pünktlichkeit verbessern kann.
Ende November soll der Vorstand, dem neben Lutz und Doll noch Infrastrukturvorstand und Ex-Politiker Ronald Pofalla angehört, dem Aufsichtsrat eine Problemanalyse vorlegen und eine „darauf aufbauende Zukunftsstrategie für das Unternehmen mit weitergehenden Verfahrensvorschlägen unterbreiten“, wie der Konzern in der Mitteilung zur Berufung Dolls schrieb. Vorher stehen noch komplizierte und konfliktträchtige Tarifverhandlungen bevor. Doll übernimmt alles andere als eine leichte Aufgabe.
Jakob Eich ist Chef vom Dienst des Printmagazins FINANCE und arbeitet parallel für das Schwestermedium DerTreasurer. Beide Publikationen gehören zum Fachverlag F.A.Z Business Media, bei dem der gebürtige Schleswig-Holsteiner auch sein Volontariat absolviert hat. Eich ist spezialisiert auf die Themen Digitalisierung im Finanzbereich und Treasury. Erste journalistische Erfahrungen sammelte der Journalist in den Wirtschaftsmedien von Gruner+Jahr sowie in der Sportredaktion der Hamburger Morgenpost.
