Containerriese "Colombo Express" von Hapag-Lloyd: Die Allianz rund um die Hamburger Reederei droht zu zerbrechen.

Hapag-Lloyd

05.04.16
CFO

Hapag-Lloyd in gefährlicher Lage

Der erneute Verfall der Frachtraten hat das Machtgefüge am Markt für Container-Schifffahrt erschüttert. Die Allianz rund um Hapag-Lloyd droht sich aufzulösen. Es geht um viel.

Die Lage bei Hapag-Lloyd verdüstert sich. Weil der Verfall der Frachtraten sich verschärft hat, ist die Containerreederei im vierten Quartal nur knapp an einem operativen Verlust vorbeigeschrammt. Vielen Investoren ist die Situation zu brenzlig: Mit Kursen um 16 Euro liegt die Aktie nun schon bald 20 Prozent unter ihrem Ausgabepreis von 20 Euro, zu dem das Papier im November an die Börse gebracht wurde.

Der Rückenwind durch die gelungene Integration der 2014 übernommenen chilenischen Schifffahrtslinie CSAV 2014, der Hapag-Lloyd im vergangenen Jahr noch die Rückkehr in die schwarzen Zahlen ermöglichte, scheint schon nicht mehr auszureichen, um die Hamburger auf Erfolgskurs zu halten. Und das, obwohl die Hapag-Lloyd-Führung auch für dieses Jahr hohe Einsparungen in Aussicht gestellt hat.

Jetzt droht dem Traditionskonzern weiterer Gegenwind, denn der Markt für Containerreedereien ist in Aufruhr: Die Singapurer Containerreederei NOL steht vor der Übernahme durch die französische CMA CGM und wird deshalb aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr die von Hapag-Lloyd angeführte G6-Allianz verlassen. Aber auch die um CMA CGM gruppierte Allianz „Ocean 3“ droht ein Mitglied zu verlieren, weil Allianzpartner China Shipping mit der ebenfalls chinesischen Großreederei Cosco fusioniert.

Die beiden laufenden Großfusionen könnten eine komplette Neuordnung der Branche auslösen, in der Allianzen Trumpf sind. Als das einzige noch verlässliche Bollwerk gilt die Kooperation der beiden Marktführer Maersk und MSC. „Jeder spricht mit jedem“, heißt es im Markt.

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Hapag-Lloyd wäre ein interessanter Partner

Für Hapag-Lloyd kommt der Verlust von NOL zu einem schwierigen Zeitpunkt. Angesichts der schweren Ertragsprobleme der Containerreedereien ist der Druck groß, Teil einer starken Allianz zu sein, denn in Allianzen lassen sich erhebliche Einsparungen erzielen: Der gemeinsame Betrieb von Schiffen und das Bündeln von Transportrouten reduzieren nicht nur die Stückkosten, sondern auch die Anzahl der Häfen, in denen gestoppt werden muss, um weitere Container zuzuladen. Je mehr Allianzpartner ihre Ladungen auf bestimmte Schiffe konzentrieren, desto höhere Margen erwirtschaften diese Fahrten. Der Verlust des Allianzpartners NOL wird daher spätestens 2017 auch Spuren in der Ertragsrechnung von Hapag-Lloyd hinterlassen.

Kritisch wird es dann, wenn die G6-Allianz nun noch ein weiteres Mitglied verliert. Allerdings ist der Druck auf CMA CGM durch den Verlust von China Shipping noch größer. Diese Situation lässt einen Schulterschluss zwischen den beiden unter Druck geratenen Allianzen Ocean 3 und G6 zu einer realen Möglichkeit werden.

Und Hapag-Lloyd sieht sich für die womöglich anstehende Neuordnung in einer guten Position: Vor allem ihr führender Marktanteil von 28 Prozent auf der wichtigen Nordatlantikroute macht die Hamburger zu einem attraktiven Partner für Wettbewerber. Auch als Fusionspartner käme der im SDax gelistete Konzern in Betracht. In diesem Fall käme das ausgeklügelte IT-System der Hamburger ins Spiel, das in der Branche als überlegen gilt und nicht einmal den G6-Allianzpartnern zur Verfügung steht.

Großaktionär Kühne sieht Hapag-Lloyd in gefährlicher Lage

Nicht einfacher wird die Aufgabe für das Hapag-Lloyd-Management um den chilenischen CFO Nicolas Burr durch die komplexe Aktionärsstruktur: 31 Prozent hält die chilenische Milliardärsfamilie Luksic, die CSAV in den Konzern eingebracht hat. Jeweils gut 20 Prozent liegen bei der Stadt Hamburg und dem Unternehmer Klaus-Michael Kühne. Der Reisekonzern Tui hält 12 Prozent. Tui würde lieber früher als später aussteigen, die drei anderen Großaktionäre verfolgen mit ihrem Investment hingegen strategische Ziele, wenn auch nicht zwingend dieselben.

Den größten Druck macht derzeit Kühne. Er warnte erst vor kurzem in einem Zeitungsinterview, dass Hapag-Lloyd an Größe zulegen muss, um nicht unter die Räder zu geraten. „Es ist eine gewaltige Konzentration im Gang, und die Allianz rund um Hapag-Lloyd zerbricht“, stellte Kühne fest. „Wir müssen Hapag-Lloyd durch eine Übernahme oder einen Zusammenschluss absichern, damit die Reederei zu den Gewinnern gehören wird.“

Beim Management rennt er damit offene Türen ein. Obwohl die Integration der 2014 übernommenen CSAV eben erst abgeschlossen wurde, hat Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen Ende März bei der Bilanzvorlage 2015 zwei strategische Kernziele unterstrichen: die Sicherung einer Position in einer starken Allianz – und die aktive Teilnahme an der voranschreitenden Industriekonsolidierung. Letzteres gilt allerdings unter einer Bedingung: „Nur wenn sich die richtige Gelegenheit bietet.“ Der Druck auf Jansen und Burr nimmt zu, diese Gelegenheit zu finden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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